Touristen schlendern durch die Straßen, schießen Erinnerungsfotos und spazieren an der ehemaligen Mauer entlang. Doch genau hier, mitten in Berlin, spielten sich Schicksale ab, die bis heute nachwirken. Hier starben Menschen bei dem Versuch, aus der DDR zu fliehen. Der KURIER stellt vier Orte vor: von der ersten Mauertoten über das erste Schussopfer bis zu den letzten beiden Opfern der DDR-Grenzgeschichte.
Das erste Todesopfer der Berliner Mauer
An der Bernauer Straße erinnert heute eine der bedeutendsten Gedenkstätten an die Berliner Mauer. Kaum ein anderer Ort zeigt so eindrücklich, wie plötzlich und gravierend die Teilung das Leben der Menschen veränderte. Die Häuser standen auf Ost-Berliner Gebiet, während der Gehweg bereits zu West-Berlin gehörte.

Hier lebte die 58-jährige Krankenschwester Ida Siekmann. Nachdem die DDR am 13. August 1961 die Grenze geschlossen hatte, wurden Türen zugemauert und Fenster bewacht. Am Morgen des 22. August entschloss sich Siekmann zur Flucht. Sie warf zunächst einige Habseligkeiten und Bettzeug aus dem Fenster und sprang anschließend selbst aus ihrer Wohnung im dritten Stock.

Feuerwehrleute versuchten noch, sie mit einem Sprungtuch aufzufangen, doch ihre Verletzungen waren zu schwer. Wenig später starb sie im Krankenhaus. Ida Siekmann gilt als erstes Todesopfer der Berliner Mauer. Ihr Schicksal machte deutlich, wie verzweifelt viele DDR-Bürger unmittelbar nach dem Mauerbau waren.
Erstes Schuss-Opfer der DDR
Wo heute Ausflugsschiffe vorbeiziehen und Spaziergänger am Wasser entlanglaufen, verlief Anfang der 1960er-Jahre eine streng bewachte Grenze. Der Humboldthafen war einer der ersten Orte, an denen die DDR den Fluchtweg nach West-Berlin mit Waffengewalt sicherte. Günter Litfin war 24 Jahre alt und arbeitete als Schneider.

Er hatte bereits eine Arbeitsstelle in West-Berlin gefunden und wollte dauerhaft dorthin übersiedeln. Nur wenige Tage nach dem Bau der Mauer versuchte er am 24. August 1961, den Humboldthafen schwimmend zu überqueren. Grenzsoldaten entdeckten ihn und eröffneten das Feuer. Litfin wurde tödlich getroffen und starb im Wasser.

Er gilt als erstes Opfer, das durch Schüsse an der Berliner Mauer ums Leben kam. Sein Bruder setzte sich nach der Wiedervereinigung jahrzehntelang dafür ein, an sein Schicksal zu erinnern.
Das letzte Schuss-Opfer der DDR
Zwischen Bäumen, Kleingärten und dem Britzer Verbindungskanal wirkt heute alles ruhig und unscheinbar. Doch in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 fiel hier der letzte tödliche Schuss der Berliner Mauer. Chris Gueffroy war 20 Jahre alt und arbeitete als Kellner. Gemeinsam mit seinem Freund plante er die Flucht nach West-Berlin. Beide waren überzeugt, dass der Schießbefehl inzwischen aufgehoben worden sei – ein folgenschwerer Irrtum.

Als sie den Grenzstreifen am Britzer Verbindungskanal überwanden, wurden sie von Grenzsoldaten entdeckt. Mehrere Schüsse fielen. Gueffroy wurde schwer getroffen und starb noch am Tatort. Sein Freund überlebte verletzt und wurde verhaftet. Nur wenige Monate später fiel die Berliner Mauer. Chris Gueffroy gilt als letztes Todesopfer des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze.

Letztes Opfer eines Fluchtversuchs
Zwischen Wohnhäusern und dem Tegeler See herrscht am Borsigdamm heute reger Alltag. Autos fahren vorbei, Radfahrer sind unterwegs und Spaziergänger genießen die Ruhe. Kaum jemand ahnt, dass genau hier die spektakulärste Flucht der letzten Monate der DDR ein tragisches Ende nahm. Über den Dächern West-Berlins stürzte am 8. März 1989 ein selbstgebauter Heißluftballon ab.

Der 32-jährige Winfried Freudenberg hatte monatelang an dem Ballon gearbeitet. Gemeinsam mit seiner Frau plante er die Flucht aus der DDR in den Westen, doch kurz vor dem Start entschied sich seine Frau dagegen. Freudenberg hob allein ab und schaffte es tatsächlich, die Berliner Mauer zu überwinden – als einer der wenigen mit einem selbstgebauten Ballon. Doch kurz nach dem Überflug verlor der Ballon an Auftrieb und stürzte im Bereich des Borsigdamms in Berlin-Reinickendorf ab. Winfried Freudenberg erlag noch am selben Tag seinen schweren Verletzungen.



