Todesfälle durch die Mauer

An diesen Berliner Orten starben die DDR-Todesopfer

Fluchtversuche, Schüsse und Stasi-Haft: Der KURIER wirft einen Blick auf Orte, an denen tragische Kapitel der DDR-Geschichte geschrieben wurden.

Author - Paula Hitzemann
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Hier erlag Ida Siekmann ihren Verletzungen, als sie aus dem Fenster ihres Hauses in den Westen sprang.
Hier erlag Ida Siekmann ihren Verletzungen, als sie aus dem Fenster ihres Hauses in den Westen sprang.Olaf Wagner

Touristen schlendern durch die Straßen, schießen Erinnerungsfotos und spazieren an der ehemaligen Mauer entlang. Doch genau hier, mitten in Berlin, spielten sich Schicksale ab, die bis heute nachwirken. Hier starben Menschen bei dem Versuch, aus der DDR zu fliehen. Der KURIER stellt vier Orte vor: von der ersten Mauertoten über das erste Schussopfer bis zu den letzten beiden Opfern der DDR-Grenzgeschichte.

Das erste Todesopfer der Berliner Mauer

An der Bernauer Straße erinnert heute eine der bedeutendsten Gedenkstätten an die Berliner Mauer. Kaum ein anderer Ort zeigt so eindrücklich, wie plötzlich und gravierend die Teilung das Leben der Menschen veränderte. Die Häuser standen auf Ost-Berliner Gebiet, während der Gehweg bereits zu West-Berlin gehörte.

Ida Siekmann war das erste Opfer nach dem Mauerbau. Sie sprang aus dem dritten Stock ihres Hauses in der Bernauer Straße.
Ida Siekmann war das erste Opfer nach dem Mauerbau. Sie sprang aus dem dritten Stock ihres Hauses in der Bernauer Straße.Volker Hohlfeld/IMAGO

Hier lebte die 58-jährige Krankenschwester Ida Siekmann. Nachdem die DDR am 13. August 1961 die Grenze geschlossen hatte, wurden Türen zugemauert und Fenster bewacht. Am Morgen des 22. August entschloss sich Siekmann zur Flucht. Sie warf zunächst einige Habseligkeiten und Bettzeug aus dem Fenster und sprang anschließend selbst aus ihrer Wohnung im dritten Stock.

Heute fährt die Straßenbahn M10 dort entlang, wo einst der Grenzstreifen verlief. Eine Gedenkstätte erinnert an die Schicksale.
Heute fährt die Straßenbahn M10 dort entlang, wo einst der Grenzstreifen verlief. Eine Gedenkstätte erinnert an die Schicksale.Olaf Wagner

Feuerwehrleute versuchten noch, sie mit einem Sprungtuch aufzufangen, doch ihre Verletzungen waren zu schwer. Wenig später starb sie im Krankenhaus. Ida Siekmann gilt als erstes Todesopfer der Berliner Mauer. Ihr Schicksal machte deutlich, wie verzweifelt viele DDR-Bürger unmittelbar nach dem Mauerbau waren.

Erstes Schuss-Opfer der DDR

Wo heute Ausflugsschiffe vorbeiziehen und Spaziergänger am Wasser entlanglaufen, verlief Anfang der 1960er-Jahre eine streng bewachte Grenze. Der Humboldthafen war einer der ersten Orte, an denen die DDR den Fluchtweg nach West-Berlin mit Waffengewalt sicherte. Günter Litfin war 24 Jahre alt und arbeitete als Schneider.

Günter Litfin gilt als das erste erschossene Opfer der DDR. Er starb bei dem Versuch, durch den Humboldtkanal zu schwimmen.
Günter Litfin gilt als das erste erschossene Opfer der DDR. Er starb bei dem Versuch, durch den Humboldtkanal zu schwimmen.IMAGO/imago stock&people

Er hatte bereits eine Arbeitsstelle in West-Berlin gefunden und wollte dauerhaft dorthin übersiedeln. Nur wenige Tage nach dem Bau der Mauer versuchte er am 24. August 1961, den Humboldthafen schwimmend zu überqueren. Grenzsoldaten entdeckten ihn und eröffneten das Feuer. Litfin wurde tödlich getroffen und starb im Wasser.

Hier wurde Günter Liftin erschossen, als er versuchte, durch den Fluss in den Westen zu gelangen.
Hier wurde Günter Liftin erschossen, als er versuchte, durch den Fluss in den Westen zu gelangen.Olaf Wagner

Er gilt als erstes Opfer, das durch Schüsse an der Berliner Mauer ums Leben kam. Sein Bruder setzte sich nach der Wiedervereinigung jahrzehntelang dafür ein, an sein Schicksal zu erinnern.

Das letzte Schuss-Opfer der DDR

Zwischen Bäumen, Kleingärten und dem Britzer Verbindungskanal wirkt heute alles ruhig und unscheinbar. Doch in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 fiel hier der letzte tödliche Schuss der Berliner Mauer. Chris Gueffroy war 20 Jahre alt und arbeitete als Kellner. Gemeinsam mit seinem Freund plante er die Flucht nach West-Berlin. Beide waren überzeugt, dass der Schießbefehl inzwischen aufgehoben worden sei – ein folgenschwerer Irrtum.

Chris Gueffroy (rechts) war <a href="https://www.berliner-kurier.de/sport/fussball/reinhard-lauck-das-vergessene-grab-des-einzigen-berliner-ddr-wm-spielers-li.10115784">das letzte Schussopfer der DDR</a>. Er dachte, der Schießbefehl sei bereits aufgehoben und wurde auf dem Grenzstreifen erschossen.
Chris Gueffroy (rechts) war das letzte Schussopfer der DDR. Er dachte, der Schießbefehl sei bereits aufgehoben und wurde auf dem Grenzstreifen erschossen.IMAGO

Als sie den Grenzstreifen am Britzer Verbindungskanal überwanden, wurden sie von Grenzsoldaten entdeckt. Mehrere Schüsse fielen. Gueffroy wurde schwer getroffen und starb noch am Tatort. Sein Freund überlebte verletzt und wurde verhaftet. Nur wenige Monate später fiel die Berliner Mauer. Chris Gueffroy gilt als letztes Todesopfer des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze.

Hier starb Chris Gueffroy als letztes Schussopfer der DDR.
Hier starb Chris Gueffroy als letztes Schussopfer der DDR.Olaf Wagner

Letztes Opfer eines Fluchtversuchs

Zwischen Wohnhäusern und dem Tegeler See herrscht am Borsigdamm heute reger Alltag. Autos fahren vorbei, Radfahrer sind unterwegs und Spaziergänger genießen die Ruhe. Kaum jemand ahnt, dass genau hier die spektakulärste Flucht der letzten Monate der DDR ein tragisches Ende nahm. Über den Dächern West-Berlins stürzte am 8. März 1989 ein selbstgebauter Heißluftballon ab.

<a href="https://www.berliner-kurier.de/sport/fussball/grab-weg-kurier-rettet-das-letzte-stueck-dieser-ddr-fussball-legende-li.10115784">Winfried Freudenberg flog mit einem selbstgebauten Ballon</a> über die Mauer und stürzte ab. Er gilt als letztes Flucht-Opfer der DDR.
Winfried Freudenberg flog mit einem selbstgebauten Ballon über die Mauer und stürzte ab. Er gilt als letztes Flucht-Opfer der DDR.Schoening/IMAGO

Der 32-jährige Winfried Freudenberg hatte monatelang an dem Ballon gearbeitet. Gemeinsam mit seiner Frau plante er die Flucht aus der DDR in den Westen, doch kurz vor dem Start entschied sich seine Frau dagegen. Freudenberg hob allein ab und schaffte es tatsächlich, die Berliner Mauer zu überwinden – als einer der wenigen mit einem selbstgebauten Ballon. Doch kurz nach dem Überflug verlor der Ballon an Auftrieb und stürzte im Bereich des Borsigdamms in Berlin-Reinickendorf ab. Winfried Freudenberg erlag noch am selben Tag seinen schweren Verletzungen.

Hier erlag Winfried Freudenberg seinen Verletzungen, als der Ballon nach Überquerung der Grenze den Auftrieb verlor.
Hier erlag Winfried Freudenberg seinen Verletzungen, als der Ballon nach Überquerung der Grenze den Auftrieb verlor.Olaf Wagner

Er gilt als letzter Mensch, der bei einem Fluchtversuch über die Berliner Mauer ums Leben kam. Nur acht Monate später fiel die Mauer. Sein Schicksal zeigt, wie groß die Verzweiflung vieler DDR-Bürger selbst in den letzten Monaten der deutschen Teilung noch war – und wie hoch der Preis sein konnte, den Menschen für ihren Wunsch nach Freiheit zahlten.

Kennen Sie ähnliche oder haben sie selbst eine besondere Mauer-Geschichte? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.