Blickt man auf den WM-Kader 1974 der DDR, fällt eines schnell ins Auge. Nur ein Berliner fand den Weg ins Aufgebot der Mannschaft, die zur Hälfte mit Profis aus Magdeburg und Jena gespickt war. Das war Reinhard Lauck vom BFC Dynamo, von allen nur „Mäcki“ gerufen. Der Mittelfeldspieler starb 1997 als erster der 74er-Mannschaft.
Mäcki Lauck – ein Typ Berliner Großschnauze
„Der Mäcki“, erinnert sich Ex-Mitspieler Gerd Kische, „war eine Berliner Großschnauze. Und das meine ich positiv. Mäcki war ein Typ. Leider, leider, leider hat er vielleicht nicht den richtigen Halt gehabt. Und nicht die richtigen Freunde.“ Sein Ende ist und bleibt tragisch.
Spuren von ihm in der Hauptstadt existieren so gut wie keine mehr. Der KURIER machte sich auf den Weg zum St.-Petri-Friedhof in Friedrichshain. Dort wurde er im Dezember 1997 begraben. Nur rund 15 Personen sollen damals zu seiner Beerdigung gekommen sein. Sucht man sein Grab, findet man … nichts. Fast nichts. Der Grabstein existiert nicht mehr. Nur noch das Grabschild. Es liegt mit drei weiteren Schildern einfach so im Gras.

Augenscheinlich kümmert sich niemand mehr um die Stellen. Nach Angaben der Friedhofsverwaltung ist das Nutzungsrecht des Grabes inzwischen abgelaufen. Da dies in Berlin in der Regel nach 20 Jahren geschieht, dürfte das Schild schon seit mehreren Jahren dort liegen. Ein Friedhofsgärtner zeigt sich überrascht, dass die Schilder überhaupt noch vorhanden sind: „Die werden in der Gelben Tonne entsorgt.“

Auf die Frage, ob man die Schilder haben könnte, bejaht er: „Die werden eh weggeschmissen.“ Und weil sie ohnehin entsorgt werden, darf der KURIER die vielleicht letzte Berliner Spur des Ex-Nationalspielers mitnehmen, der am 1. Oktober 1997 mit schweren Kopfverletzungen und alkoholisiert in Prenzlauer Berg gefunden wurde – und drei Wochen später im Krankenhaus Friedrichshain starb. Ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen. Lauck war gerade einmal 51 Jahre alt.

Kontakt zu seinen ehemaligen Fußballkollegen aus der Nationalmannschaft hatte der 33-malige Auswahlspieler zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Der Jenaer Lothar Kurbjuweit sagt: „Es konnte dir keiner sagen, was Mäcki macht und ob er noch irgendwo arbeitet oder irgendetwas tut. Das Einzige, was ich wusste, ist, dass er am Alexanderplatz wohnt und eine Wohnung hat.“
Lauck erzielt das erste Tor überhaupt für Energie Cottbus
Orientiert man sich an den Fakten, dann prägte Reinhard Lauck den Fußball in Brandenburg und Berlin mit. Geboren wurde er 1946 in Sielow, vor den Toren Cottbus’. Er erzielte 1966 den ersten Pflichtspieltreffer der neugegründeten BSG Energie Cottbus beim 1:1 gegen die ASG Vorwärts Rostock-Gehlsdorf.
1968 folgte sein Wechsel zum 1. FC Union. Kurios: Lauck feierte sein Union-Debüt ausgerechnet im FDGB-Pokal-Endspiel in Halle gegen Jena – und holte mit dem 2:1 gleich den ersten Titel. Was damals noch möglich war …

Lauck und Union – das passte von Anfang an. Er entwickelte sich in Köpenick sogar zum Nationalspieler: Im Frühjahr 1973 waren Ungarn (2:1), Rumänien (0:1) und Finnland (5:1) die Gegner in Laucks ersten drei Länderspielen. Pech: Union stieg im Sommer 1973 aus der Oberliga ab. Um seine WM-Chance zu wahren, musste er Union verlassen – auch wenn er nicht wollte. Doch letztlich war der Schritt zum BFC Dynamo sportlich der richtige.
Mäcki spielte genau den Fußball, den Buschner wollte.
Für Nationaltrainer Georg Buschner war er ein Profi, wie er ihn mochte, erinnert sich Kurbjuweit: „Mäcki spielte genau den Fußball, den Buschner wollte: einsatzstark, laufstark, körperlich stark.“ Da Buschner kein großer Fan des BFC war, ist sein Faible für Lauck nicht hoch genug einzuschätzen.
Bei der WM 1974 absolvierte Lauck drei der sechs Partien. Beim legendären 1:0 in Hamburg gegen die Bundesrepublik zermürbte der Defensivspezialist Spielmacher Wolfgang Overath, sodass der Kölner nach 69 Minuten ausgewechselt wurde.

Noch einmal Kurbjuweit: „Mäcki war ein absolut zuverlässiger, defensiver Mittelfeldspieler, der auch mal einen langen Ball spielen konnte. Weniger torgefährlich vielleicht, aber sowas von wertvoll. Das ist oftmals in der Öffentlichkeit missachtet oder nicht gesehen worden.“

Lauck gehörte auch dem 76er-Olympia-Goldteam an. Im März 1980 bestritt er verletzungsgeplagt seine letzten Spiele für den BFC. Die Fußballerkarriere war vorbei. Damit verlor der gelernte Kfz-Schlosser den Halt. In der Dokumentation „Tod eines Fußballers“, die 1999 den Lebensweg von Lauck nachzeichnet, kommt auch Sohn Mario zu Wort. Er berichtet: „In dem Moment, in dem er nicht mehr Fußball gespielt hat bei Dynamo, gehörte er nicht mehr dazu. Und dadurch, dass er kein Polizist war und nicht in der Partei war, gehörte er auch nicht mehr dazu. Und wie ich das mitbekommen habe, hat man ihn das auch spüren lassen.“
Er hangelte sich von Hilfsjob zu Hilfsjob, arbeitete sogar auf einem Kohlehof. Der Alkohol war für den introvertierten Lauck ein ständiger Begleiter. 1993 lud man ihn zur Wiederauflage des 74er-WM-Spiels DDR gegen die Bundesrepublik nach Steinach in Thüringen ein. Lauck war jedoch nicht spielfähig. Oder wie Kurbjuweit es ausdrückt: „Er wirkte nicht sehr frisch.“ Seine Kameraden sahen ihn an diesem Tag zum letzten Mal.

1997 starb er. Während in der Hauptstadt nichts mehr groß an Lauck erinnert, gibt es in Sielow noch etwas: Seit September 2006 gedenkt eine Tafel auf der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportanlage des größten Spielers, den die SG Sielow je hervorgebracht hat. Initiiert wurde diese Ehrung vom langjährigen Energie-Stadionsprecher Georg Zielonkowski (1977–1999), selbst wohnhaft in Sielow. „Es war damals einfach Zeit, etwas zu tun“, erinnert er sich.
Zur Einweihung kamen seinerzeit unter anderem Georg Buschner, Jena-Sturmlegende Peter Ducke und der langjährige BFC-Trainer Jürgen Bogs. Lauck ist zudem als Goldmedaillengewinner vor dem Cottbuser Rathaus auf dem sogenannten Weg des Ruhmes verewigt.



