Ohne ihn wäre das alles nicht möglich gewesen. Bei der Fußball-WM 1974 ist Bernd Bransch Kapitän jener DDR-Nationalmannschaft, die im legendären Nachbarschaftsduell mit 1:0 gegen die BRD gewinnt. Das entscheidende Tor von Jürgen Sparwasser ist bis heute unvergessen.
Branschs Vermächtnis beginnt in der WM-Qualifikation
Das deutsch-deutsche Duell in Hamburg ist Branschs berühmtester Auftritt. Sein Vermächtnis für den DDR-Fußball ist aber viel größer und beginnt schon einige Monate vorher.
Großer Auftritt von Bransch im Spiel gegen Rumänien
Die einzige WM-Teilnahme der DDR bleibt bis heute untrennbar mit dem Namen Bernd Bransch verbunden. Im wohl alles entscheidenden WM-Qualifikationsspiel am 26. September 1973 in Leipzig gegen Rumänien schießt der Libero und Kapitän mit seinen zwei Toren beim 2:0 die DDR fast im Alleingang zur Endrunde.

In Leipzig hält es kurz vor der Pause niemanden mehr auf den Sitzen. Freistoß für die DDR, Peter Ducke täuscht eine Ablage des Balles an, spielt ihn aber plötzlich mit der Hacke zurück, wo Bransch nur darauf lauert. Sein satter Vollspannschuss wird unhaltbar abgefälscht. 1:0.
Bransch schießt DDR-Auswahl zur Fußball-WM 1974
Nach einer Stunde springen die Massen wieder in die Höhe. Hans-Jürgen Kreische, von Wolfgang Seguin und Reinhard Lauck nach hinten bestens abgesichert, fühlt sich in seinem Element und ist auf dem Weg zum nächsten Tor. Da kommt Rumäniens Schlussmann auf einmal mit gestreckten Beinen angeflogen und trifft den Dresdener mit voller Wucht am Knie. Die Zuschauer reagieren mit wütenden Protesten. Freistoß.
Wir haben ihnen den Schneid abgekauft.
Brasch tritt wieder an, Ablage, Vollspannschuss, Tor, 2:0! Die 95.000 Zuschauer im Stadion jubeln. Die DDR fährt zur WM 1974. Bransch erzielt in 72 Länderspielen für die DDR überhaupt nur drei Treffer, an jenem Abend in Leipzig macht er zwei davon. Sein drittes Tor erzielt er am 29. Juli 1975 beim 3:0 in Kanada (86.).
Handschlag mit Franz Beckenbauer geht um die Welt
Bei der Endrunde in der Bundesrepublik führt er die DDR-Auswahl als Kapitän aufs Feld. Die Bilder vom Wimpel-Tausch mit BRD-Kapitän Franz Beckenbauer vor dem innerdeutschen Länderspiel in Hamburg gehen um die Welt.
Rund um das legendäre Tor von Sparwasser gibt es zahlreiche Geschichten – in einer spielt Bransch die Hauptrolle. Vor der 2. Halbzeit gibt er der Münchner Sportfotografin Maria Mühlberger den Tipp: „Gehen Sie mal zum anderen Tor, da passiert jetzt was.“ Recht hatte er. In der 77. Minute erzielt Sparwasser eines der legendärsten Tore der WM-Geschichte.
Bernd Bransch hält Angreifer um Gerd Müller in Schach
„Wir haben ihnen den Schneid abgekauft“, freut sich Bransch, der hinten die Abwehr gegen Gerd Müller und Co. dicht hält. Bransch ist zu dieser Zeit der unumstrittene Kapitän, auch wenn er kein Lautsprecher ist. Gern im Mittelpunkt steht er nicht, er ist eher ein ruhiger Vertreter. Dass er trotzdem an der Spitze jener einzigartigen DDR-Auswahl der Siebzigerjahre steht, spricht für seine Autorität. Niemand zweifelt an ihm.
Auch die Medien feiern Bransch und die DDR. Der britische „Observer“ spricht von einem „politischen Doppelsieg der DDR“. Der „Sunday Telegraph“ stellt fest: „Der Osten hält seine Mauer intakt.“ Und die „Bild am Sonntag“ bedauert das „Schauspiel deutscher Teilung“.
Bransch bei DDR-Olympiasieg 1976 nur Ersatzspieler
In der Zwischenrunde ist dann für die DDR und Bransch Schluss. Brasilien, Argentinien und die Niederlande sind zu groß. Der WM-Traum ist vorbei.

Danach spielt Bransch im DDR-Team nur noch eine untergeordnete Rolle. Beim Olympiasieg 1976 in Montreal ist er zwar noch dabei, aber nur noch als Ersatzspieler. Beim 3:1-Sieg im Finale gegen Polen wird er fünf Minuten vor Schluss eingewechselt. Es ist eine ehrenvolle Geste von Nationaltrainer Georg Buschner für die Verdienste von Bernd Bransch.
In Halle ist Bransch bis heute eine Vereinslegende
Auf Clubebene ist Bransch untrennbar mit dem Halleschen FC verbunden. Bransch gilt bis heute als Synonym für den Verein. „Er war alles für den HFC – und der HFC war alles für ihn“, schreibt der „Kicker“. In Halle ist Bransch aufgewachsen, in Halle spielt er – mit kurzer Unterbrechung in Jena – ein Leben lang Fußball. Zu Carl Zeiss wechselt er nach dem Abstieg des HFC, um seine Chancen auf die WM 1974 zu retten.
Als junger Trainer in Jena konnte ich von ihm lernen, was einen Top-Athleten ausmacht. Er war es auf dem Platz. Er hatte alles, was einen Kapitän ausmacht. Ein ganz Großer hat uns verlassen.
Dem Verein bleibt er auch nach der Karriere treu. Er arbeitet unter anderem als Klubpräsident und Manager, später ist er noch beratend tätig und im Verwaltungsrat des Vereins.
Schicksalsschläge belasten das Leben von Bernd Bransch
Zum Leben von Bransch gehören auch Schicksalsschläge. 1971 erlebt er die Brandkatastrophe im Hotel „Silbernes Seepferd“ in Eindhoven, bei der vor dem Europapokalspiel gegen PSV der junge Mitspieler Wolfgang Hoffmann und 19 weitere Menschen ums Leben kommen.
Nach der Wende ist Bransch zeitweise arbeitslos und muss den frühen Krebstod seiner Frau Brigitte verkraften. In seinen letzten Lebensjahren ist Bransch selbst schwer krank. Er leidet an der unheilbaren degenerativen Krankheit ALS. Bernd Bransch stirbt vor vier Jahren am 11. Juni 2022.
Bernd Stange: „Ein ganz Großer hat uns verlassen“
„Bernd war als Leistungssportler und als Mensch ein Vorbild“, würdigt die aus der DDR entstammende Trainerlegende Bernd Stange Bransch nach seinem Tod in der „Bild“: „Als junger Trainer in Jena konnte ich von ihm lernen, was einen Top-Athleten ausmacht. Er war es auf dem Platz. Er hatte alles, was einen Kapitän ausmacht. Ein ganz Großer hat uns verlassen.“




