Heute wäre er 75 geworden

„Gerd Müller des Ostens“: DDR-Stürmer Joachim Streich bleibt unvergessen

Mit 102 Länderspielen und 55 Toren prägte er die Fußballgeschichte – und wurde zum Symbol des ostdeutschen Sports.

Author - Sebastian Krause
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DDR-Fußballlegende Joachim Streich gilt als „Gerd Müller des Ostens“ und wäre heute 75 Jahre alt geworden.
DDR-Fußballlegende Joachim Streich gilt als „Gerd Müller des Ostens“ und wäre heute 75 Jahre alt geworden.WEREK/imago

„Ich musste mir erst über die Jahre hinweg diese Anerkennung bei Journalisten, bei Fachleuten erkämpfen.“ Denn von seiner reinen Körpergröße her stach Joachim Streich mit nur 1,73 Meter nie so richtig hervor. Mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten am Ball machte er dieses vermeintliche Defizit aber wett – und überragte alle.

Joachim Streich ist der „Gerd Müller des Ostens“

Joachim Streich war der Rekordmann schlechthin. Er bestritt 102 Länderspiele (FIFA zählt 98, Anm. d. Red.) für die DDR – Rekord. Er erzielte 55 Länderspieltore (FIFA zählt 53, Anm. d. Red.) – Rekord. Und mit 229 Treffern in 378 Spielen ist er Rekordtorschütze der DDR-Oberliga. Kein Wunder also, dass Streich als „Gerd Müller des Ostens“ bezeichnet wird. Am heutigen Montag (13. April) wäre Joachim Streich 75 Jahre alt geworden.

Streich führt den 1. FC Magdeburg zu Ruhm und Ehre

Der gebürtige Wismaraner ist vor allem untrennbar mit dem 1. FC Magdeburg verbunden. Der Mittelstürmer schrieb an der Elbe mehrfach Vereinsgeschichte und gewann dreimal den FDGB-Pokal. Zwischen 1983 und 1985 war Streich nicht zu stoppen. Er führte sein Team als Kapitän an, gewann viermal die Torschützenkrone der Oberliga. Kein anderer Stürmer war vor dem gegnerischen Gehäuse so eiskalt wie er.

Liebe und Zuneigung bekam Streich aber nur selten. Er galt zwar als klasse Fußballer, aber nie als Vorbild. Lob gab es für ihn nur mit Einschränkungen. Er sei lauffaul, unberechenbar und manchmal sogar launisch. „Ich habe eigentlich nicht viel an mich herangelassen, weil ich der Meinung war: Okay, man muss immer seinen eigenen Weg gehen. Und nach außen hin sah das oftmals so kaltschnäuzig aus“, sagte Streich.

Joachim Streich ist Rekordnationalspieler und Rekordtorschütze der DDR.
Joachim Streich ist Rekordnationalspieler und Rekordtorschütze der DDR.Peter Gercke/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Streich erzielt erstes DDR-Tor bei einer Fußball-WM

Dass er den Spitznamen „Gerd Müller des Ostens“ besaß, kam nicht von ungefähr. Seine Abschlüsse zischten wie ein Strahl ins Netz. Im Ausland war er wegen seiner Schusskraft und Schlitzohrigkeit gefürchtet. Das wusste Streich, der sich öffentlich als „der beste Mittelstürmer“ bezeichnete. Für DDR-Verhältnisse war diese Deutlichkeit ein Affront.

Während er rein sportlich auf Vereinsebene unantastbar war, glich seine Karriere in der Nationalmannschaft einem ständigen Auf und Ab. Bei der WM 1974 erzielte er beim 2:0-Sieg im Vorrundenspiel gegen Australien in Hamburg das erste DDR-Tor in der Geschichte der Fußball-WM. Das 1:0 war ein Eigentor von Australiens Colin Curran.

Ich habe eigentlich nicht viel an mich herangelassen, weil ich der Meinung war: Okay, man muss immer seinen eigenen Weg gehen. Und nach außen hin sah das oftmals so kaltschnäuzig aus.

Joachim Streich, Fußball-Legende der DDR

Beim DDR-Sieg über die BRD spielt Streich keine Rolle

Am 22. Juni 1974 machte dann der WM-Neuling DDR die Fußballwelt um eine Sensation reicher – allerdings ohne Streich. Ausgerechnet beim legendären 1:0-Sieg gegen die BRD vor mehr als 60.000 Zuschauern im Hamburger Volksparkstadion saß er nur auf der Bank. Dank eines Treffers des Magdeburgers Jürgen Sparwasser zog die DDR als Gruppenerster in die zweite Finalrunde ein.

DDR-Nationaltrainer Georg Buschner stellte aus taktischen Gründen einen Stürmer weniger auf. Es traf Streich.

DDR-Olympiasieg 1976 in Montreal ohne Streich

Nicht der einzige Wermutstropfen seiner Karriere: Den historischen Olympiasieg der DDR 1976 in Montréal verpasste Streich wegen eines Schlüsselbeinbruchs.

Dennoch kam er auf mehr als 100 Länderspiele für die DDR. Am 12. September 1984 bestritt er gegen England (1:0 für England) im Wembley-Stadion sein Jubiläum und wurde mit einer Schale geehrt. Sein letztes und 102. Länderspiel absolvierte Streich beim WM-Qualifikationsspiel gegen Jugoslawien (2:3) am 20. Oktober 1984. In der Saison 1984/85 beendete er seine Karriere mit 34 Jahren.

FIFA nimmt Streich Spiele und Tore wieder weg

Kurios: 15 Jahre später wurden ihm durch eine Regeländerung der FIFA zu Länderspielen vier Partien des olympischen Turniers 1972 aberkannt, sodass Streich nach FIFA-Version nur 98 Länderspiele bestritt. Der DFB hat sich dieser Sichtweise angeschlossen und zählt ebenfalls 98 Einsätze mit 53 Toren für die A-Nationalmannschaft.

Dass Streich einmal ein ganz Großer werden würde, zeichnete sich früh ab. Mit sechs Jahren begann er bei der BSG Aufbau Wismar mit dem Fußball - und trieb seine Karriere früh ehrgeizig voran. Als 16-Jähriger wechselte er 1967 auf eigene Faust und ohne das sonst übliche Delegierungsverfahren zu Hansa Rostock, dem großen Aushängeschild der Region.

Joachim Streich durchlebte eine wechselvolle Karriere in der Nationalmannschaft der DDR.
Joachim Streich durchlebte eine wechselvolle Karriere in der Nationalmannschaft der DDR.Ferdi Hartung/imago

Kein Selbstdarsteller, ein bodenständiger Spieler

Sein Talent war offensichtlich, sodass er sich schnell bei Hansa auf Top-Niveau etablierte. In den Spielzeiten 1971/72 und 1972/73 traf kein Rostocker öfter als er. Doch seine letzte Saison an der Ostsee war bitter. 1974/75 besiegelte er mit einem verschossenen Elfmeter den Abstieg aus der Oberliga. Danach wechselte er nach Magdeburg und stieg zur DDR-Legende auf.

Streich war nicht nur wegen seiner Tore enorm beliebt: Er war ein bodenständiger Spieler, mit dem sich die Fans identifizieren konnten. Kein Selbstdarsteller, kein Lautsprecher, ein normaler Mensch, der sich über seine Taten auf dem Platz definierte. Als er einmal nach einem Spiel gegen England sein Trikot mit einem Gegenspieler tauschte, stellte er es nicht in die Vitrine, er trug es beim Streichen seines Bungalows. Ein Symbolbild.

Union-Coach Baumgart über Joachim Streich

Joachim Streich verstarb am 16. April 2022 – drei Tage nach seinem 71. Geburtstag – in Leipzig nach schwerer Krankheit. Steffen Baumgart, Ex-Trainer von Union Berlin, sagte einst über Joachim Streich: „Er und Dixie Dörner waren die beiden großen Idole im Osten. Als ich früher auf dem Bolzplatz gespielt hab, war ich immer Joachim Streich. Weil er einfach unser Torjäger war. Ähnlich wie nur noch Gerd Müller.“

Wie blicken Sie auf Joachim Streich zurück? Welche Erinnerungen haben Sie? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com