Joachim Streich bekam im April 2021 die Ehrenurkunde des Landes Sachsen-Anhalt überreicht. Nun ist er im Alter von 71 Jahren gestorben. Foto: Imago

Dass dieser Tag so schnell kommen würde, damit hat niemand gerechnet, und schon gar nicht Joachim Streich selbst. Als ich ihn vor wenigen Wochen erst anrief, ging seine Frau Marita ans Telefon. Sie meldete sich mit Streich, er aber, weil er bekannt war wie ein bunter Hund, seine Popularität jedoch nicht heraushängen lassen wollte, mit Möckern und der Telefonnummer. Es sollte nicht gleich jeder merken, wer da am anderen Ende der Leitung war. „Achim ist nicht da“, sagte seine Frau, „ich gebe Ihnen eine andere Nummer, unter der bekommen Sie ihn. Er ist in einem Krankenhaus in Leipzig. Aber es ist nicht schlimm, er ist bald wieder zu Hause.“

Marita und ich kennen uns. Manchmal, wenn die Telefonate zu viel wurden und halb Fußball-Deutschland etwas von ihrem Mann wollte, hat sie ihn ein wenig abgeschirmt. „Sie aber dürfen“, hat sie dann meist gesagt, „denn Sie kennen ihn ja fast länger als ich.“

Joachim Streich war ein Phänomen

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Im April 2021 wurde Joachim Streich von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff mit der Tafel Meile der Legenden geehrt.

Was durchaus stimmt, wenn auch nur ungefähr. Um ein Haar hätten wir zusammen, er Mitte April 1951 geboren, ich Ende November 1950, als ein Fußballer-Jahrgang in der DDR-Juniorenauswahl spielen können. Aber ich war nicht gut genug. Darüber war ich nur kurz traurig, denn wer konnte ihm damals und erst recht später schon das Wasser reichen.

In der DDR gab es niemanden, in Europa nur wenige und in der Welt auch nicht viele mehr. Eric Beatty, renommierter Kolumnist der britischen Monatszeitschrift World Soccer und damit frei jeder Voreingenommenheit, brachte es schon 1982 auf den Punkt: „Dieser Streich ist ein Phänomen und für mich der eigentliche Fußballer Europas. Seit mehr als einem Dutzend Jahren behauptet er sich gegen härteste Konkurrenz, schießt trotz Sonderbewachung seine Tore, ist weiter erfolgreich, obwohl das Spiel immer schneller und die Räume immer enger werden.“

Streichs 100. Länderspiel in Wembley

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Vergangenes Frühjahr verbrachte Joachim Streich mit seiner Frau Marita Zeit in Rostock-Warnemünde.

Die Zahlen sind bekannt: 102 Länderspiele, auch wenn der Welt-Fußballverband irgendwann eine andere Rechnung aufgemacht und vier Spiele gestrichen hat, dafür ist der Wimpel, den Streich für sein 100. Länderspiel, das wie gemalt für ihn in Wembley stattfand, vom damaligen England-Keeper Peter Shilton bekam, nicht nur eingebildet; 55 Tore für die DDR; 229 Oberliga-Treffer, mit Abstand die meisten; viermal Torschützenkönig, noch in seiner letzten Saison, da war er 34, machte er 18 Buden und nur zwei deutlich Jüngere waren damals besser; zweimal Fußballer des Jahres; dreimal mit dem 1. FC Magdeburg FDGB-Pokalsieger. Danach war er als Trainer einer, der ganz genau wusste, wann er die Zügel anziehen muss und wann die Leine lockerlassen sollte, auch wenn ihn die Trainer-Karriere nicht gar zu lange getragen hat.

Vielleicht hat es jemand, der das Toreschießen in Perfektion beherrschte, schwer, mit Unfertigkeiten mancher Spieler klarzukommen. Viel näher an die Wahrheit kommt jedoch, dass Streich bei aller Lockerheit ein Familienmensch war und seiner Frau das unstete Leben als Trainer nicht zumuten wollte. Noch viel näher an der Wahrheit ist, dass er auch dann, als er sich aus dem großen Fußball etwas zurückgezogen hatte, nie seinen Humor verloren hat.

Joachim Streich und der Schalk im Nacken

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WM 1974: Joachim Streich (M.) traf für die DDR in Gelsenkirchen in der zweiten Finalrunde gegen Argentinien (1:1).

Lachen und der Schalk im Nacken gehörten bis zuletzt zu ihm. Manche Telefonate liefen fast nach dem gleichen Muster ab, wenn er sich mit Möckern und eben der Festnetznummer meldete. Ich: „Wenn dort der weltberühmte Joachim Streich ist, hier ist der unwissende …“ Er: „Du brauchst Deinen Namen gar nicht zu sagen, Dich erkenne ich doch an der Stimme.“ Ich: „Das ehrt mich, und ich wollte endlich wieder mit einer Autorität sprechen, die etwas vom Fußball versteht.“ Er: „Da gibt es nicht viele, und da musst Du warten. Heute nämlich bin ich Gärtner und muss erst einmal das abarbeiten, was meine Frau mir auf den Zettel geschrieben hat. Das geht aber nicht so schnell, Du weißt, ich habe ein künstliches Hüftgelenk …“

Trotzdem endete kein Telefonat – die künstliche Hüfte hatte er tatsächlich, die Erledigung der gärtnerischen Aufgaben aber war nur vorgetäuscht und gehörte zum Ritual, wobei er mir nebenbei verriet, auf welche Art von Blumen seine Frau besonders stehe, auf weiße Rosen nämlich – selten unter einer Stunde.

Joachim Streich hatte noch viele Pläne

Immer, wirklich immer traf er mit seinen Ansichten den Nagel auf den Kopf. Schon nach dem deutschen WM-Debakel 2018 forderte Streich mit einem „Ein Weiter so darf es nicht geben!“ den sofortigen Rücktritt von Joachim Löw.

Auch seinen 1. FC Magdeburg ließ er selten ungeschoren, weil der sich ewig schwer damit tat, in die 2. Bundesliga aufzusteigen. Als die Blau-Weißen es 2018 endlich doch geschafft hatten, sie aber nicht gleich Fuß fassten und Aufstiegstrainer Jens Härtel entlassen wurde, schüttelte der ehemalige Stürmer missbilligend den Kopf: „Die Richtung stimmt doch. Einen besseren werden sie so schnell nicht finden.“ Recht hatte er, wieder einmal.

Joachim Streich: Von Wismar in die Fußball-Welt

Bei unserem letzten Telefonat, es ist gerade acht Wochen her, strahlte er Optimismus aus, sowohl was den 1. FCM betrifft und noch mehr sich selbst. „Wenn es jetzt nicht mit dem Aufstieg klappt, dann können sie nur über sich selbst stolpern“, sagte er über den Drittliga-Spitzenreiter. Und über sich: „Es ist eine Lungenentzündung, das wird schon wieder.“

Von Kühlungsborn hat er geschwärmt, da wolle er bald wieder hin, an die Ostsee sowieso, wohin es den Jungen, der von Wismar aus die Fußball-Welt erobert hatte, immer wieder zog.

Ich wünschte mir, er hätte auch hier recht behalten. Am Mittwoch voriger Woche, es war sein 71. Geburtstag, ist er schon nicht mehr ans Telefon gegangen.

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