Der Sommer ist da – und mit ihm auch die Grillabende, die überall in Deutschland abgehalten werden. Bei Bratwurst und Thüringer Rostbrätel genießt man überall im Land die schöne Jahreszeit. Um das Grillen dreht sich auch ein skurriles Fundstück, das der KURIER im Archiv der Stasi-Unterlagen entdeckte. Hier schlummert ein Brief, mit dem eine Frau aus dem Westen DDR-Chef Erich Honecker um einen Grillabend anbettelte. Was lustig klingt, birgt aber eine traurige Geschichte – denn mit einem Brief an den Staatsratsvorsitzenden wollte sie vor allem Menschen aus der DDR einen Gefallen tun.
West-Bürgerin bat Erich Honecker um Grillabend
Es ist ein unscheinbares Stück Papier, das da im Bundesarchiv schlummert – ein vergilbter Zettel, beschrieben mit feiner, blauer Schreibschrift. „Sehr geehrter Herr Honecker“, heißt es dort. „Seit mehreren Wochen arbeiten Leute vom VEB Halle in Bad Segeberg. Bewohner vom Konrad-Adenauer-Ring möchten diese Arbeiter zu einem Grillabend an der Trave einladen.“
Man habe, so die unbekannte Schreiberin des Briefes, beim „Vormann“ der Baustelle nachgefragt – doch die Teilnahme von ihm und seinen Leuten sei scheinbar nicht möglich, schreibt sie an Erich Honecker.
Es klingt absurd, doch hinter diesen zunächst harmlos wirkenden Zeilen verbirgt sich ein trauriges Stück Geschichte der DDR. Denn dass es den Bauarbeitern des VEB Halle untersagt war, mit Anwohnern von Bad Segeberg zu grillen, hat einen Grund: Um Devisen zu verdienen, exportierte die DDR auch Bauleistungen in den Westen.
In den 80er-Jahren wurden also Bauarbeiter aus der DDR ins sozialistische Ausland geschickt, um dort zu bauen – in Bad Segeberg sollte an der Trave ein schlüsselfertiger Wohnblock entstehen, ein Bau des Modells „WBS 70 – Typ Halle“.

Die Stasi kümmerte sich um die Überwachung der Baustelle und des „Reisekaders“ der Bauarbeiter. In einem Konzept wurde alles festgehalten, was dem Ministerium wichtig erschien. 150 Bauarbeiter sollten zum Reisekader gehören – und auf zehn Reisekader sollte ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi kommen.
Für die Anwerbung dieser Mitarbeiter musste noch gesorgt werden. „IM-Werbungen sind vorrangig zu konzentrieren auf bauleitendes Personal, wie Bauleiter, Meister und Brigadiere, und in Ausnahmefällen auf Monteure entsprechend den zu erwartenden spezifischen Bedingungen und bei Kaderbesonderheiten.“
Stasi-Mitarbeiter dokumentierten die Bauarbeiten
Mitarbeiter der Stasi dokumentierten dann während der Bauarbeiten viele Dinge über das Verhalten der Bauarbeiter, aber auch über Probleme, die auf der Baustelle auftauchten. So schrieb ein Stasi-IM in einem Bericht, dass an einem Tag plötzlich zwei Polizisten der westdeutschen Polizei auf der Baustelle erschienen.
„Die Beamten gaben an, daß eine Anzeige der Handwerkskammer vorliegt, daß auf der Baustelle BRD-Elektriker schwarz beschäftigt werden“, schrieb er in seinem Protokoll. Sie seien durch den IM abgefertigt worden. Die Vorwürfe wurden zurückgewiesen.

Auch auf die Bauarbeiter passte die Stasi natürlich besonders auf – und damit sind wir zurück zum Brief an Honecker. „Wir wollen aus rein menschlichen Interesse den Mitarbeitern eine Party geben und wissen, daß sie gerne kommen würden“, schrieb die Frau aus Bad Segeberg an den Staatschef der DDR. Der Chef der Baustelle habe allerdings den Entschluss gefasst, selbst nicht an der Grillparty teilzunehmen – und er wolle scheinbar auch seine Leute nicht daran teilnehmen lassen.
Ob die Bitte an Erich Honecker beantwortet wurde?
Für sie unverständlich: Der „Vormann“ habe darüber entschieden, „anstatt es mit seinen Leuten demokratisch zu besprechen“. Der Bürgerin, die das Schreiben an Erich Honecker aufsetzte, war das unverständlich. „Dürften wir Sie bitten, die nötige Erlaubnis zu erteilen? Vielen Dank im Voraus.“
Den Brief unterzeichnete sie im Namen der Bewohner des Konrad-Adenauer -Rings in Bad Segeberg. Ob es auf das Schreiben vom 6. August 1984 gab, ist allerdings nicht überliefert – und leider auch nicht, ob das Grillfest der Anwohner stattgefunden hat, ob mit oder ohne Bauarbeiter aus der DDR.




