Der einstige DDR-Staatschef Erich Honecker und seine Frau Margot: Sein Todestag jährt sich jetzt zum 32. Mal. Sie starb vor zehn Jahren. Die Honeckers sind tot. Aber wurden sie auch begraben? Das ist nicht sicher. Es scheint, als hätten die Honeckers das Geheimnis um den Verbleib ihrer sterblichen Überreste mit in ein Grab genommen, das es vielleicht gar nicht gibt. Denn die Urnen von Margot und Erich Honecker waren jahrelang auf keinem Friedhof beigesetzt worden.
Erich und Margot Honecker: Wo ist ihr Grab?
Irgendwie sind sie noch immer unter uns. Erich und Margot Honecker leben etwa in den Witzen aus der DDR-Zeit weiter, die man sich noch heute gerne erzählt. Der einstige DDR-Staatschef und die einstige DDR-Volksbildungsministerin tauchen auch in Biografien ehemaliger DDR-Politiker auf oder feiern Wiederauferstehung in TV-Dokus. „Tatort“-Star Jan Josef Liefers hat sogar einen Spielfilm über die Honeckers gedreht.
Der einstige Staatschef der DDR und seine Frau: Die verstorbenen Honeckers sind auf allen möglichen Kanälen präsent – nur auf einem richtigen Friedhof findet man sie offiziell nicht.

Das politische Leben als Staatschef endete für Erich Honecker am 18. Oktober 1989 – der Tag, an dem er aus „gesundheitlichen Gründen“ von allen seinen Ämtern zurücktrat. Erich und Margot verlieren auch alle Privilegien und das Haus in der Politbürosiedlung Wandlitz.

Das Ende der DDR bedeutet für die Honeckers Flucht: Nach der kurzzeitigen Haft des einstigen Staatschefs findet das Ehepaar Unterschlupf im sowjetischen Militärhospital in Beelitz und bei einer Pfarrersfamilie in Brandenburg. Es folgt die Flucht nach Moskau in die dortige chilenische Botschaft. Danach Rückkehr nach Deutschland: Erich Honecker kommt in Untersuchungshaft, Prozess vor dem Landgericht Berlin – unter anderem wegen der Mauertoten.
Das war 1992. Seine Frau Margot flieht weiter nach Chile. In der Hauptstadt Santiago lebt bereits Tochter Sonja mit ihrem chilenischen Mann und ihrem gemeinsamen Sohn Robert. Erich Honecker folgt ein Jahr später, nachdem in Deutschland der Prozess gegen ihn wegen seiner Krebserkrankung eingestellt wird.
Erich Honecker: Er lebte nur 16 Monate im Exil in Chile
Sein Alltag ist von Krankheit und Heimweh geprägt. Nach nur 16 Monaten im Exil stirbt er am 29. Mai 1994 mit 81 Jahren an Krebs. Offiziell wird verkündet, dass der ehemalige DDR-Staatschef im engsten Familienkreis auf einem Friedhof in Santiago de Chile beigesetzt wurde.
Doch bald heißt es in Deutschland: Die Urne mit der Asche von Erich Honecker soll im Schlafzimmer seiner Witwe Margot auf einem Kamin stehen.
Am 6. Mai 2016 stirbt Margot Honecker im Alter von 89 Jahren an Krebs. Es gibt Bilder von der Trauerfeier. Fotos zeigen den Sarg, mit dem die einstige DDR-Volksbildungsministerin im Krematorium des Friedhofs „Parque del Recuerdo“ in Santiago eingeäschert wird. Wo genau ihr Grab liegt, darüber schweigen damals Tochter Sonja und ihr Sohn Roberto.
Roberto Yáñez (52), der mehr schlecht als recht als Liedermacher, Maler und Autor in Chile lebt: Zwei Jahre nach dem Tod seiner Oma lässt er die Bombe platzen. In seinem Buch „Mein Leben als Enkel der Honeckers“ (Suhrkamp-Insel) verrät Roberto: Es gab zwar Trauerfeiern, aber beide Honeckers wurden nie begraben! Die Urnen stehen irgendwo in Chile.

In dem Buch berichtet Roberto, wie er die Fake-Beerdigung von seinem Opa Erich erlebte. „Auf einmal zog ich mit 3000 Menschen zur symbolischen Beerdigung des Erich Honecker. Es werden Reden gehalten. Hinten sitzen einige Jugendliche und rauchen Marihuana“.
Das Verkünden der ganzen Wahrheit über die Honecker-Gräber überlässt der Enkel im Buch dann dem Mitautor Thomas Grimm. Der Berliner Filmemacher, der die Honeckers bestens kennt und 2013 mit Yáñez die TV-Doku „Honeckers Enkel" drehte. Er erklärt damals, dass die Urnen der Honeckers noch nicht unter der Erde sind. „Sie stehen bei einem Freund der Familie und warten auf die letzte Ruhestätte.“
Honecker-Enkel verrät: Erich und Margot nie beigesetzt
Wie ist das möglich? „Anders als in Deutschland gibt es in Chile keine Bestattungspflicht“, sagt Grimm dem KURIER. „Jeder kann dort die Asche seiner Angehörigen mitnehmen, zu Hause aufbewahren oder sie im Garten beisetzen.“

Aber warum ließ Margot Honecker zu Lebzeiten nie die Urne ihres verstorbenen Mannes beisetzen? „Er sollte seine letzte Ruhe in Deutschland finden – am liebsten in seinem saarländischen Geburtsort Neunkirchen", sagt Grimm. „Die Familie hoffte immer, dass sich eine Möglichkeit ergeben könnte, was am Ende nicht der Fall war.“
Und weiter sagt er: „Die Urne ihres verstorbenen Mannes hatte Margot Honecker nie bei sich im Haus. Sie kam damals bereits zu einem guten Bekannten der Familie, der geheim gehalten wurde."

Dorthin kam auch die Urne von Margot Honecker. Zu den guten Bekannten und den engsten Vertrauten der Honeckers gehörten unter anderem Mitglieder der Kommunistischen Partei Chiles.
Warum die Urnen der Honeckers an einem geheimen Ort aufbewahrt wurden, hatte folgenden Grund: Enkel Roberto plant, seine Großeltern in Deutschland beisetzen zu lassen. In seinem Buch nennt er auch den Wunschort: Nahe der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde sollen die Honeckers an der Seite ihrer ehemaligen Genossen für immer ruhen.

„Das war damals nicht nur so dahingeschrieben“, sagt Grimm. „Es gab schon entsprechende Vorbereitungen. Zwei Grabstellen waren bereits für eine Beisetzung ausgesucht worden.“ Die Rückkehr der Honeckers nach Deutschland: Beim damaligen Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hätte es dazu keine Bedenken gegeben, so Grimm.
Berliner Bürokratie verhindert Beisetzung der Honeckers
Bedenken hatten damals andere. „Als deutsche Staatsbürger, die die Honeckers ja waren, haben sie auch ein Recht darauf, in Deutschland beigesetzt zu werden“, sagte damals Gregor Gysi (Linke) dem KURIER. „Allerdings ist die Gedenkstätte der Sozialisten dafür ungeeignet.“
Der ehemalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (starb 2023) erklärte damals dem KURIER: „Ihre Gräber würden zu einem Ort werden, an dem Leute nochmals ihren Hass gegen die DDR ausleben könnten. Im Zweifel würden die Grabstätten sogar geschändet werden.“
Die Befürchtungen hatten ihren Grund: Nach der Wende in der DDR waren Erich und vor allem Margot Honecker stark umstritten. Viele sahen Erich als Symbol für das DDR-Unrecht – doch Margot traf noch deutlich mehr Kritik.
Sie zeigte nie Reue oder Einsicht. Bis zu ihrem Tod verteidigte sie die DDR unbeirrt und rechtfertigte deren Politik. Für viele Deutsche galt sie deshalb als uneinsichtige Ehefrau des DDR-Staatschefs, die das Leid der Opfer ausblendete. Während es für Erich vereinzelt Mitleid gab, blieb Margot für viele das Gesicht der alten Macht – ohne jedes Schuldeingeständnis.
Am Ende verhinderte die Bürokratie die Beisetzung der Honecker-Urnen in Berlin. „Die Beisetzung der Familie Honecker in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Lichtenberg sei nicht möglich, da die Anlage unter Denkmalschutz steht und dort seit 1989 keine neuen Bestattungen mehr vorgenommen werden“, erklärte der Senat.

So wie es scheint, hat Enkel Roberto den Plan für immer begraben, seine Großeltern in Berlin beisetzen zu lassen. „Ich glaube nicht, dass die Urnen noch bei Freunden an einem geheimen Ort sind. Erich und Margot Honecker ruhen inzwischen in chilenischer Erde“, sagt der Berliner Verleger Frank Schumann (Edition Ost), der ebenfalls zu den wenigen Vertrauten der Honeckers im chilenischen Exil gehörte.
Filmemacher Grimm teilt diese Meinung nicht hundertprozentig. Er glaubt, dass die Honecker-Urnen noch immer an einem geheimen Ort sind. „Aber es ist durchaus möglich, dass sich am Ende Tochter Sonja durchgesetzt hat“, sagt Grimm.

Die Honecker-Tochter wollte die Asche ihrer Eltern dem Pazifik übergeben. „Warum sollen Margot und Erich Honecker nicht ihre letzte Ruhe im größten Meer der Erde finden, das so viele Kontinente miteinander verbindet? Für die einstigen kommunistischen Internationalisten eine nicht unpassende Bestattungsform", sagt Grimm.



