Für 40.000 West-Mark und einen gebrauchten Audi 80 lieferte ein Mann aus der DDR dem Westen brisante Geheimnisse – kurz vor dem Mauerfall. In seiner Heimat galt er schlicht als Genosse Erich, beim Bundesnachrichtendienst führte er den Decknamen „Enrico“. Vor 37 Jahren wurde er damit zur wichtigsten Quelle des BND im Machtapparat der DDR um Staatschef Erich Honecker.
Vom DDR-Diplomaten zum Top-Spion für den Westen
Über das Leben von Erich Hempel ist bis heute nur wenig bekannt. Er wurde 1928 im böhmischen Jablonec nad Nisou (heute Tschechien) als Sohn eines Malers und einer Hausfrau geboren.
Bereits 1946 trat er in die SED ein. In der DDR arbeitete er zunächst als Musiker, später als Diplomat im Außenministerium. Auch Kontakte zur Stasi gehörten zu seiner Vergangenheit.
Ende der 1980er-Jahre lebte Hempel als Invalidenrentner. Bei einem Aufenthalt in West-Berlin bot er überraschend westlichen Geheimdiensten seine Dienste an.
Nach jahrzehntelangem Schweigen berichten nun BND-Mitarbeiter über ihren Top-Spion. Gleichzeitig tauchen immer mehr Veröffentlichungen über ihn auf – etwa in der Bild-Zeitung oder auf dem Portal der Bundeszentrale für politische Bildung.
BND plaudert jetzt über den Top-Spion aus der DDR
Beim BND genießt „Enrico“ bis heute einen herausragenden Ruf. „Er war in dieser Phase, aber auch, wenn man es über die gesamte Zeit des Kalten Krieges hinweg betrachtet, die beste Quelle, die der BND je im politischen Apparat der DDR rekrutieren konnte“, wird ein Mitarbeiter zitiert.
Vor allem 1989 lieferte Hempel präzise Einblicke in die DDR-Führung, die sich damals bereits im Niedergang befand. Während man in der Bundesrepublik das Geschehen hinter den Kulissen nur erahnen konnte, lieferte der ehemalige Diplomat konkrete Details.
Wann genau der erste Kontakt zustande kam, ist umstritten. Laut Bild geschah dies Ende November 1988, andere Quellen nennen Februar 1989. Fest steht: Ein Mann mit Halbglatze und Brille meldete sich beim West-Berliner Verfassungsschutz, gab seinen Namen preis und erklärte, er verfüge über internes Wissen aus Politbüro und Regierung.
So verrät Erich H. DDR-Staatschef Honecker
Dank seiner Einsätze in DDR-Botschaften – unter anderem in Kuba, Kolumbien und Argentinien – hatte Hempel enge Verbindungen in die Führungsspitze.
Er kannte Außenminister Oskar Fischer ebenso wie Egon Krenz, den damaligen Kronprinzen von Staatschef Erich Honecker. Zudem berichtete er von Stasi-Aufträgen, etwa dem Ausspähen jüdischer Friedhöfe zur Nutzung von Namen für Tarnidentitäten. Das bezeichnete er als widerliche Drecksarbeit.

Seine Beweggründe schilderte Hempel deutlich: Er sei mit dem System unzufrieden. Trotz der Reformrhetorik aus Moskau unter Michail Gorbatschow bleibe die DDR starr und verschließe sich Veränderungen. Er wolle „reinen Tisch“ machen. Zusätzlich habe man ihm eine dringend benötigte Herzbehandlung verweigert.
Zunächst misstrauten die westlichen Dienste dem Überläufer und vermuteten eine Stasi-Falle. Doch nach weiteren konspirativen Treffen in West-Berliner Hotels überzeugte Hempel die Verantwortlichen. Der BND führte ihn fortan unter dem Decknamen „Enrico“. Bis zum Herbst 1989 kam es zu rund 15 Treffen.

Seine Informationen waren brisant. So berichtete Hempel, dass Honecker die Flüchtlingsbewegung im Sommer 1989 unterschätzte und glaubte, „der Spuk geht schnell vorüber“. Außerdem machte er auf wachsende Spannungen im engsten Führungszirkel aufmerksam – Entwicklungen, die sich später bestätigten.
Nach einem Treffen kurz vor den historischen Ereignissen hielt der BND fest: „Enrico lieferte eine Reihe von Erkenntnissen zu aktuellen Themen.“ Dabei ging es um die „Führungssituation im Politbüro“, Diskussionen über den SED-Kurs, „Aspekte zum deutsch-deutschen Verhältnis“, den „Gesundheitszustand von Erich Honecker“ und die Reaktionen von Stasi-Chef Erich Mielke auf die Ausreisewelle.
Genosse Erich H. im Visier der Stasi
Das Urteil der BND-Experten fiel eindeutig aus: Den unter den Decknamen „Leo I“ und „Leo II“ erstellten Berichten „wurden wiederum überdurchschnittliche Qualität bescheinigt“. Auch Hinweise auf das angespannte Verhältnis zwischen Honecker und Gorbatschow bestätigten sich später.
Die Bezahlung blieb dennoch vergleichsweise überschaubar: rund 40.000 D-Mark und ein gebrauchter Audi 80. Gleichzeitig geriet Hempel ins Visier der Stasi. Bereits im März 1989 bestand laut Unterlagen der „dringende Verdacht, geheimdienstliche Verbindungen zum BND zu unterhalten“.



