26. April vor 55 Jahren

Der geheime Honecker-Putsch: So wurde Walter Ulbricht wirklich gestürzt

Vor 55 Jahren brachte ein geheimer Putsch Erich Honecker an die Macht. KURIER erklärt, was damals wirklich in der Schorfheide passierte.

Author - Stefan Henseke
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So sieht eine KI den Tag des Honecker-Putsches am 26. April 1971: Erich Honecker fährt, begleitet von bewaffneten Personenschützern, zum Landsitz von Walter Ulbricht am Großdöllner See und zwingt ihn mit einerr Unterschrift zum Rücktritt.
So sieht eine KI den Tag des Honecker-Putsches am 26. April 1971: Erich Honecker fährt, begleitet von bewaffneten Personenschützern, zum Landsitz von Walter Ulbricht am Großdöllner See und zwingt ihn mit einerr Unterschrift zum Rücktritt.STH/KI/Berliner KURIER

Als ich im September 1972 in Berlin-Schmöckwitz in die Schule kam, waren alle Walter-Ulbricht-Bilder längst abgehängt. Erich Honecker war seit einem Jahr der neue starke Mann in der DDR. Ulbricht, so hieß es, sei aus Krankheitsgründen abgedankt. Dass aber am 26. April vor 55 Jahren ein bewaffneter Putsch die wahre Ursache für den überraschenden Machtwechsel war, ahnte niemand.

Walter Ulbricht wird ins Abseits manövriert

Über Walter Ulbricht, dem Mann mit dem Spitzbart, werden damals nur noch Witze gemacht. Was aber auch an Erich Honecker liegt, der seinen Vorgänger erst abserviert und dann geschickt ins Abseits manövriert.

Das beste Beispiel dafür ist das Foto, dass die DDR-Zeitungen am Tag dem 78. Geburtstag Ulbrichts am 30. Juni 1971 abdrucken. Erich Honecker (im Anzug) beugt sich herunter, um dem sitzenden Walter Ulbricht von oben herab zu gratulieren. Der wird im Bademantel vorgeführt – und das dahinter aufgereihte SED-Politbüro schaut betreten zu.

Erich Honecker ist jetzt endlich da, wo er immer hin wollte. An der Spitze der Partei, als Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED. Fünf Jahre später greift er dann zur absoluten Macht, wird im Oktober 1976 auch noch Vorsitzender des Staatsrats der DDR.

Der gebürtige Saarländer hatte lange auf die Machtübernahme warten müssen. 1946 wird der damals 33-Jährige Gründungsvorsitzender der FDJ und rückt 1958 in das Politbüro der SED auf – und gilt spätestens seit diesem Zeitpunkt als Kronprinz, als der kommende starke Mann.

Honecker häuft immer mehr Macht an (Sekretär des Zentralkomitees  und verantwortlich für Sicherheitsfragen, Kaderfragen und die Parteiorganisation, Sekretär des Nationalen Verteidigungsrats) – doch den Weg ganz nach oben versperrt Partei- und Staatschef Walter Ulbricht, der bisher immer geschickt taktierende Mann mit dem Spitzbart.

Da waren Sie schon keine Freunde mehr: Walter Ulbricht und Erich Honecker bei einem gemeinsamen Auftritt im Jahr 1971.
Da waren Sie schon keine Freunde mehr: Walter Ulbricht und Erich Honecker bei einem gemeinsamen Auftritt im Jahr 1971.Zuma/Keystone/imago

Doch Ende der 60-Jahre verliert Ulbricht Rückhalt innerhalb des Politbüros. Er will die beginnende Entspannungspolitik mit der Bundesrepublik forcieren, doch die Mehrheit der regierenden Genossen folgt seiner Meinung nicht.

Ulbricht bemerkt, dass Honecker an seinem Thron rüttelt. Auf einer außerordentlichen Politbürositzung (1. Juli 1970) tritt der Parteichef seinen Rivalen die Karriereleiter wieder runter – und supendiert ihn überraschend von der inoffiziellen Funktion des Leiters des Sekretariats des ZK.

Erich Honecker, in Panik, wendet sich an den großen Bruder. An die Sowjetunion, den sowjetischen Parteiführer Leonid Breshnew. Noch im Juli des selben Jahres reist er nach Moskau und holt sich die Rückendeckung für einen möglichen Wechsel. Das erste Signal dafür: Ulbricht muss Honecker auf Weisung von Breshnew wieder als Leiter des ZK-Sekretariats einsetzen.

Honecker rückt mit schwerbewaffneten Stasi-Leuten aus

In einem auf den 21. Januar 1971 datierten und unter Honeckers Federführung verfassten Brief an Breschnew fordern später 13 von 20 Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros Ulbrichts Absetzung. Er sei nicht mehr in der Lage, die Realität richtig einzuschätzen, Ulbrichts Führungsstil und seine Alleingänge in der Deutschlandpolitik schwächen die Partei, heißt es darin.

Ulbricht und Honecker reisen im April 1971 zusammen in die Sowjetunion. Doch in einem Sechs-Augen-Gespräch mit Breshnew lehnt der SED-Chef am 12. April 1971 seinen Rücktritt ab. Der Weg zu einem gesichtswahrenden Übergang ist damit versperrt.

Walter Ulbricht 1959, beim 3. Deutschen Turn- und Sportfest in Leipzig. Ulbricht trieb bis ins hohe Alter gern Sport und förderte den Sport in Schulen, Betrieben und Hochschulen.
Walter Ulbricht 1959, beim 3. Deutschen Turn- und Sportfest in Leipzig. Ulbricht trieb bis ins hohe Alter gern Sport und förderte den Sport in Schulen, Betrieben und Hochschulen.Zastrom/Zentralbild/Bundesarchiv/Wikimedia Commons

Die beiden SED-Rivalen fliegen zurück in die DDR. Jeder zieht sich auf seinen Landsitz zurück, 14 Tage passiert erstmal nichts. Dann kommt der 26. April 1971. Der Machtkampf eskaliert.

Honecker macht sich auf den Weg zu Ulbrichts Sommersitz am Großdöllner See (Schorfheide) – und fordert mit Maschinenpistolen bewaffnete Kräfte der „Hauptabteilung Personenschutz der Staatssicherheit“ als Begleitung an.

DDR-Chefspion Markus Wolf schreibt später über den Tag: „Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz der Stasi wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl, zu diesem Besuch unter Freunden nicht nur ihre normale Ausrüstung mitzubringen, sondern auch Maschinenpistolen.“

Überraschung auch beim wachhabenden Kommandanten in Groß-Dölln. Doch Honecker beruft sich auf seine Weisungsbefugnis als ZK-Sekretät für Sicherheitsfragen. Er lässt alle Tore und Ausgänge besetzen und die Telefonleitung kappen – und zwingt Walter Ulbricht, ein vorbereitetes Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee der SED zu unterzeichnen.

Personenkult gehörte damals dazu: Eine junge Mutter mit Kinderwagen und ihren Kindern fährt vor einem Foto von Walter Ulbricht in Ost-Berlin vorbei.
Personenkult gehörte damals dazu: Eine junge Mutter mit Kinderwagen und ihren Kindern fährt vor einem Foto von Walter Ulbricht in Ost-Berlin vorbei.Kai Bienert/imago

Und was erfahren die DDR-Bürger? Nichts von der bewaffneten Aktion. Kommuniziert wird damals, dass Walter Ulbricht aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten sei. Am 3. Mai 1971 erklärt Ulbricht seinen Rücktritt von fast allen seinen Ämtern. Bis zu seinem Tod bleibt er nur Staatsratvorsitzender und wird Ehrenvorsitzender der SED.

Walter Ulbricht wird aus der DDR-Geschichte getilgt

Schon zu Ulbrichts Lebzeiten beginnt die DDR, seinen Namen aus Geschichte und Öffentlichkeit zu tilgen: 1971 endet seine Briefmarkenserie, 1973 verschwindet sein Name von der Potsdamer Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft – weitere Umbenennungen von Betrieben und Einrichtungen folgen. Das Walter-Ulbricht-Stadion in Berlin heißt auf einmal Stadion der Weltjugend.

Am 1. August 1973 stirbt Walter Ulbricht im Alter von 80 Jahren im Gästehaus der DDR-Regierung am Großdöllner See an den Folgen eines Schlaganfalls.

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