„Wer ist überall der Erste? Das ist Fritz, der Traktorist! Ob’s im Pflügen oder Säen, oder ob’s im Lernen ist.“ An dieses alte Pionierlied wird sich so mancher erinnern, der in der DDR zur Schule gegangen ist. Traktorist – ein Beruf, den es heute gar nicht mehr gibt. Nicht die einzige Berufsbezeichnung, die mit dem Untergang der DDR aus dem Alltag verschwunden ist. Welche Jobs noch von der Wende ausradiert wurden.
In der DDR gab es mehr als 1000 Berufsschulen
In der DDR war der 1. Mai, der „Internationale Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“, wichtig. Die DDR verstand sich als Republik der Arbeiter und Bauern. Viel Wert wurde auf eine gute Ausbildung gesetzt.
Mitte der 80er Jahre gab es in der DDR knapp 320 Ausbildungsberufe, die in über 1000 den Betrieben angeliederten Berufsschulen mit über 600 Lehrwerkstätten gelehrt wurden. Zu den Grundberufen zählten der Facharbeiter für Anlagentechnik, der Elektrofacharbeiter oder der Zerspanungsmechaniker.
Der Zerspanungsfacharbeiter (stellt Bauteile für Maschinen her) war einer der meist verbreiteten Berufe in der DDR – und segnete schon damals das Zeitliche. 1985 änderte sich die Bezeichnung in Facharbeiter für Werkzeugmaschinen. Kurios: Nach der Wende die Rolle rückwärts. Plötzlich hieß der Beruf ähnlich wie einst – Zerspanungsmechaniker.
Viele der einstigen Facharbeiterberufe der DDR gibt es heute nicht mehr unter den alten Namen. Nach 1990 erschienen ganze Abhandlungen zur Bewertung der in der DDR erworbenen beruflichen Qualifikationen.
Laut Einigungsvertrag wurden in der DDR erworbene berufliche Abschlüsse den entsprechenden Befähigungsnachweisen in der BRD gleichgestellt. Doch die alten Berufsbezeichnungen verschwanden. Aus dem Aufzugsmonteur wurde ein Konstruktionsmechaniker, aus dem Elektromonteur ein Energieelektroniker und aus dem Facharbeiter für BMSR-Technik ein Meß- und Regelmechaniker.
Gregor Gysi und Peter-Michael Diestel waren Facharbeiter für Rinderzucht
Ähnlich in der Landwirtschaft. Prominente Beispiele sind die Politiker Gregor Gysi und Peter-Michael Diestel wurden in der DDR als Facharbeiter für Rinderzucht (ursprünglich Zootechniker) ausgebildet. Ein Beruf, den man heute als Tierwirt kennt. Diestel, der letzte Innenminister der DDR, war sogar der Erfolgreichere in dem Job. 1969 wurde er DDR-Vizemeister im Melken und als „Verdienter Melker des Volkes“ ausgezeichnet.

Die Berufsbezeichnung Traktorist wurde dagegen aus dem Russischen übernommen. Der Traktorist war ein Kraftfahrer in Kolchosen (Sowjetunion) oder LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften), der landwirtschaftliche Maschinen bewegte. Auch der Mähdrescherfahrer war eigentlich ein Traktorist.
Übernahmen aus dem Russischen waren damals nicht selten. Das gilt auch für einen anderen Beruf. Den Dispatcher. Klingt englisch, fand aber auch über den Umweg Sowjetunion den Weg in die DDR.
Ein Dispatcher war kein einfacher Angestellter. Er war ein leitender Mitarbeiter. Seine Aufgabe: den planmäßigen Ablauf sichern, er war für die operative Lenkung und Kontrolle von Produktions- und Verkehrsprozessen verantwortlich.

Entgleiste damals in Ost-Berlin eine Straßenbahn, dauerte es nicht lange, bis ein Barkas der BVB (Berliner Verkehrsbetriebe) auftauchte. „Dispatcher“ stand groß unter der Frontscheibe, im Auto ein leitender Mitarbeiter, der das Chaos wieder in Griff bekommen sollte.
Dispatcher arbeiteten in Schlüsselbranchen. Bergbau, Maschinenbau, Verkehr, Metallurgie, Elektrizität und Chemie. Überall dort, wo Prozesse reibungslos laufen mussten.
Abschnittsbevollmächtigten gingen im Kiez Streife
Zur Verfügung standen ihnen technische Mittel von Signal-, Regulierungs- und Fernsteueranlagen. Damit hatten sie Kontrolle über den Betrieb. Kurz gesagt: Der Dispatcher war das Auge und Ohr der Leitung. Ohne ihn lief nichts.
Im Osten hat sich der Begriff übrigens bis heute gehalten. Bei den Dresdner oder Chemnitzer Verkehrsbetrieben arbeiten immer noch Verkehrsdispatcher – Mitarbeiter der Einsatzleitung.
Ebenfalls nach sowjetischen Vorbild wurden im Oktober 1952 die sogenannten Abschnittsbevollmächtigten in der DDR eingeführt – die jeder aber nur als ABV kannte. Das waren die Polizisten, die vor Ort Streife gingen, für einen Kiez (Abschnitt) zuständig waren. Dienstgrad: Unterleutnant oder Leutnant.
Der ABV war für die Bewohner im Abschnitt der polizeiliche Ansprechpartner und für die Aufnahme von Anzeigen zuständig. Pro Polizeirevier gab es in Berlin acht bis neun Abschnittsbevollmächtigte.
Berufs aus dem DDR-Gesundheitsbereich wurden nach der Wende nicht anerkannt
Anders als ein Kontaktbereichsbeamter (KOB) im Westen hatte der ABV aber noch besondere Aufgaben: Er musste etwa die Einhaltung der Meldepflicht (Hausbücher) prüfen und seine Einschätzung über Bürger seines Abschnitts abgeben – etwa wenn diese einen Antrag auf eine Reise in den Westen stellten oder nach einem Fahrerlaubnisentzug ihre „Pappe“ zurückwollten.
Von der Wende hinweggefegt wurde auch das medizinische Schwesterngeschwader, ohne dass das Gesundheitswesen in der DDR nie funktioniert hätte. Durch den Fernsehfilm „Schwester Agnes“ erinnert man sich bis heute an die Gemeindeschwestern. 7000 davon gab es in der DDR, die von Dorf zu Dorf unterwegs und für die medizinische Grundversorgung (Verbände wechseln, Kinder impfen, Blutdruck messen) zuständig waren.

Auch die Sprechstundenschwestern oder Sprechstundenassistentinnen sind ein vergessener Beruf. Sie waren mehr als die Arzthelferinnen von heute, die dreijährige Ausbildung ähnelte eher der des Krankenpflegers. Sie arbeiteten vor allem in Polikliniken und waren nicht nur zur Organisation der Abläufe zuständig. Sie setzten Spritzen, legten Infusionen und assistierten bei kleineren, ambulanten OPs.






