Unterwegs für Patienten

Gemeindeschwestern wie Agnes: Vergessener DDR-Beruf oder Zukunftsvision?

In Berlin-Neukölln wird eine DDR-Ikone wiederbelebt. Die AOK Nordost testet im Rollbergviertel seit April den Einsatz von Gemeindeschwestern.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Agnes Kraus als Schwalbe fahrende „Schwester Agnes“ im gleichnamigen DDR-Fernsehfilm 1975.
Agnes Kraus als Schwalbe fahrende „Schwester Agnes“ im gleichnamigen DDR-Fernsehfilm 1975.ARD

Viele Gesundheits- und Vorsorgeangebote kommen oft nicht da an, wo sie am nötigsten sind. Bei den besonders vulnerablen Gruppen. Arme, Geflüchtete, vielfach Kranke und Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz gehen seltener oder zu spät zum Arzt. Im Neuköllner Rollbergkiez leben viele solcher Menschen. Für sie sind nun Fachkräfte im Einsatz, die man schon aus der DDR kennt.

Als Schwester Agnes wurde die Gemeindeschwester in der DDR berühmt. Mit der Schwalbe von Dorf zu Dorf unterwegs wechselte sie Verbände, impfte Kinder, nahm den Blutdruck und leistete Beistand. „Schwester Agnes“ aus dem Defa-Film von 1971 ist Kult.

In Wirklichkeit waren in der DDR mehr als 7000 Gemeindeschwestern so wie Agnes unterwegs. Gemeindeschwester war ein eigenständiger Medizinberuf in der DDR. Nach der Wende fehlte ihre Arbeit, die abgeschafft wurde, schmerzlich.

Längst besinnt man sich wieder auf die Vorteile gut geschulter Bindeglieder zischen Arzt und Patienten: Deutschlandweit werden vor allem in ländlichen Regionen immer wieder Modelle der aufsuchenden Gesundheitspflege ausprobiert, allerorten erlebt also Agnes ein Revival. Die meisten Teilnehmer an den Projekten, die dann MoNI, VERAH oder InGe heißen, sind begeistert darüber, dass sie einen festen Ansprechpartner vor Ort haben.

Gemeindeschwester für Neukölln

Nun soll eine sogenannte Community Health Nurse auch in Neukölln eingesetzt werden. Die AOK Nordost finanziert das Projekt mit dem Titel NAVIGATION – „Nachhaltig versorgt im gemeindenahen Gesundheitszentrum – Gesundheit im Zentrum“. Partner vor Ort ist das GeKo-Stadtteilzentrum Neukölln.

Im Neuköllner Rollbergkiez sollen die speziell ausgebildeten Pflegekräfte Hilfsbedürftige ausfindig machen, betreuen und bei Bedarf weitervermitteln. Erste Patienten nehmen bereits an dem Projekt teil. Im Rollbergkiez leiden überdurchschnittlich viele bei der AOK Nordost versicherte Bewohner an chronischen Erkrankungen wie Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen, Atemwegserkrankungen und Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems.

Hier soll erforscht werden, wie es klappt, wenn Hausärzte, Kinderärzte, Pfleger und Sozialarbeiter und Medizinische Fachangestellte eng zusammen arbeiten. Gelder dafür gibt es aus sogenannten Innovationsfondsprojekten, die darauf abzielen, ärztliche und pflegerische Ressourcen so einzusetzen, dass möglichst viele Patientinnen und Patienten trotz aller Herausforderungen weiterhin die bestmögliche Versorgung erhalten.

„Innovationsfondsprojekte geben uns den notwendigen gestalterischen, aber auch finanziellen Spielraum, Versorgungsmodelle auszuprobieren, deren Umsetzung unter den gegebenen Rahmenbedingungen sonst äußerst schwierig oder gar unmöglich wäre“, sagt Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost.

Kassenleistungen oft nicht für besonders Bedürftige

Denn die ungerechte Verteilung der Versichertenbeiträge aus dem großen GKV-Finanztopf führe erwiesenermaßen dazu, dass für die Versorgung von Pflegebedürftigen und anderen vulnerablen Gruppen viel zu wenig Geld zur Verfügung steht.

Unter der Leitung einer Community Health Nurse sollen nun Menschen Hilfe erhalten, die sich bisher zu wenig um ihre Gesundheit kümmerten. Durch den barrierefreien Zugang zu Versorgungsleistungen – sei es durch Unterstützung bei bürokratischen Hürden, Sprachmittlung oder Hausbesuchen – wird eine breitere Patientengruppe erreicht, deren Versorgung bislang nicht ausreichend sichergestellt ist. ■