Kommentar

Unser nächster Bürgermeister wird kein Berliner sein

Keiner der Spitzenkandidaten für die Berlin-Wahl stammt aus der Hauptstadt. Warum das mehr ist als eine Nebensache – und vielen Berlinern sauer aufstoßen dürfte.

Author - Sharone Treskow
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Ins Rote Rathaus wird nach der Abgeordnetenhauswahl im September kein gebürtiger Berliner einziehen. Keiner der Kandidaten kommt gebürtig aus der Hauptstadt.
Ins Rote Rathaus wird nach der Abgeordnetenhauswahl im September kein gebürtiger Berliner einziehen. Keiner der Kandidaten kommt gebürtig aus der Hauptstadt.Sabine Gudath

Hilfe, will denn kein Berliner mehr regieren? Mit Kai Wegners Rückzug als Spitzenkandidat der CDU steht fest: Unser nächster Bürgermeister oder unsere nächste Bürgermeisterin wird kein gebürtiger Berliner sein. Auch wenn man wirklich nicht über Wegners Fehler hinwegschauen sollte: Immerhin ist er ein waschechter Spandauer. Ein Blick auf die aktuellen Spitzenkandidaten aller relevanten Parteien zeigt: Aus Berlin kommt hier keiner. Auch der Osten Deutschlands ist stark unterrepräsentiert.

CDU: Stefan Evers

Nach Wegners Rücktritt als Spitzenkandidat hat die CDU nun Stefan Evers aufgestellt. Der Senator für Finanzen und seit April 2026 zudem Senator für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Berlin kommt gebürtig aus Herdecke – einer Stadt im südöstlichen Ruhrgebiet.

Stefan Evers, 46, hat Rechtswissenschaft studiert.
Stefan Evers, 46, hat Rechtswissenschaft studiert.M. Popow/imago

Evers will einen anderen Kurs fahren als Wegner: So will er unter anderem Sozialempfänger die Stadt putzen lassen und in ganz Berlin einen strikten Sparkurs fahren.

Linke: Elif Eralp

Spitzenkandidatin der Linken ist Juristin und Politikerin Elif Eralp. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, die sich besonders für ein bezahlbares Wohnen in Berlin und gegen jegliche Form von Diskriminierung einsetzen will, kommt gebürtig aus München.

Elif Eralp, 45, ist die jüngste Kandidatin für das Amt an Berlins Spitze.
Elif Eralp, 45, ist die jüngste Kandidatin für das Amt an Berlins Spitze.Jörg Carstensen/imago

Als regierende Bürgermeisterin würde sie in Berlin konkret umsetzen: Mieten deckeln, große Wohnungskonzerne vergesellschaften, bezahlbaren ÖPNV stärken und kostenlose Sperrmüll-Abholung für Berliner Haushalte.

SPD: Steffen Krach

Steffen Krach ist der Spitzenkandidat der SPD. Geboren wurde er in Hannover. Von 2016 bis 2021 war er Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in der Berliner Senatskanzlei. Seit dem 1. November 2021 ist er Regionspräsident der Region Hannover.

Steffen Krach, 46, ist verheiratet und hat drei Söhne.
Steffen Krach, 46, ist verheiratet und hat drei Söhne.Thomas Koehler/imago

Nun will er Regierender Bürgermeister von Berlin werden – und in einem 100-Tage-Plan Folgendes umsetzen: Expo für Berlin, Handyverbot an Grundschulen, strengere Regeln für E-Scooter und Deutschlandticket für Ehrenamtliche.

Grüne: Werner Graf

Werner Sebastian Graf aus Neumarkt in der Oberpfalz ist der Spitzenkandidat der Grünen. Er gehört seit 2021 dem Abgeordnetenhaus von Berlin an, seit März 2022 als Co-Vorsitzender der Grünen-Fraktion.

Werner Graf, 46, hat Politikmanagement studiert.
Werner Graf, 46, hat Politikmanagement studiert.Jörg Carstensen/Imago

Der Politiker will die Verkehrswende mit sicheren Radwegen, besserem ÖPNV und weniger Autoverkehr in der Stadt vorantreiben und außerdem den Klimaschutz in Berlin zum Kernthema machen.

AfD: Kristin Brinker

Kristin Brinker ist seit 2016 Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus und Spitzenkandidatin der AfD für die Wahl am 20. September. Gebürtig kommt die 54-Jährige aus Bernburg (Saale).

Kristin Brinker, 54, ist seit 1996 mit dem ehemaligen Landeschef der Berliner AfD, Günter Brinker, verheiratet.
Kristin Brinker, 54, ist seit 1996 mit dem ehemaligen Landeschef der Berliner AfD, Günter Brinker, verheiratet.Bernd Elmenthaler/imago

Brinker setzt auf mehr Sicherheit, ein sauberes Berlin, eine strengere Migrationspolitik, schnelleren Wohnungsbau, Infrastrukturinvestitionen und eine sparsame Haushaltspolitik.

Berlin und Ostdeutschland unterrepräsentiert

Fassen wir also zusammen: Die Geburtsorte unserer Berliner Spitzenkandidaten liegen überwiegend in West- und Süddeutschland. Ausgerechnet in einer Stadt, die sich so gern über ihre Eigenheiten definiert, tritt niemand fürs Rote Rathaus an, der diese Eigenheiten von klein auf kennt.

Berlin ist nicht nur Regierungsviertel, Start-up-Standort oder Karrieresprungbrett. Berlin ist der tägliche Kampf mit ausfallenden S-Bahnen, der Frust über die Wohnungsnot, die Suche nach einem Kitaplatz, der Lieblingsdöner um die Ecke und das Gefühl, dass jeder Kiez seine eigenen Regeln hat.

Ab wann darf man sich als Berliner bezeichnen? Diese Frage würde wohl jeder anders beantworten.
Ab wann darf man sich als Berliner bezeichnen? Diese Frage würde wohl jeder anders beantworten.Stefan Zeitz Photograpy/Imago

Wer Berlin erst als Erwachsene oder Erwachsener entdeckt hat, kann die Stadt lieben. Aber zwischen „hier leben“ und „hier groß geworden sein“ gibt es einen Unterschied. Es ist bemerkenswert, dass sich unter den Spitzenkandidaten kaum jemand findet, der die Berliner Realität seit Kindertagen kennt.

Berliner wollen einen Berliner

Dabei wünschen sich viele Berliner keine weitere Hochglanzvision ihrer Stadt, sondern jemanden, der versteht, warum sie genervt sind, wenn die Verwaltung nicht funktioniert, die Miete steigt und der Alltag komplizierter wird.

Berlin braucht keinen Bürgermeister, der Berlin erklärt bekommt. Berlin braucht jemanden, der das Lebensgefühl, die Widersprüche und die Realität dieser Stadt nicht erst studieren muss, sondern seit Jahren aus eigener Erfahrung kennt.

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