Kollektiv kreativ

So dreist klaute die DDR bei Lego, Monchichi, Coca Cola und Nivea

Cola, Jeans und Kuscheltiere: In der DDR wollten die Bürger Westwaren. Was es nicht gab, wurde einfach kopiert.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Monchichi, Club Cola, Florena-Creme, kaum etwas war vor dem Nachbau made in GDR sicher. Die kleinen Snoopys wurden als „Jagdhunde“ verkauft. Für 50 Pfennig.
Monchichi, Club Cola, Florena-Creme, kaum etwas war vor dem Nachbau made in GDR sicher. Die kleinen Snoopys wurden als „Jagdhunde“ verkauft. Für 50 Pfennig.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

Das flauschige Wesen mit dem Lutsch-Daumen kennt jedes Kind der 1980er Jahre. Ein Monchichi war das begehrte Teil auf Schulhöfen - in Ost wie West. Doch weil es die japanischen Affen-Püppchen in der DDR nicht gab, baute man sie kurzerhand nach und nannte den Ost-Verwandten aus Sonneberg „Tiemi“. So wie „Tiemi“, nach der Spielzeigdesignerin Susanne Thieme benannt, entstanden unzählige weitere Produkte in der DDR: Das kreative Kollektiv, es ließ sich inspirieren, klaute Ideen, Namen und Designs.

Bedarf war da, also wurde produziert

Im Westen gab es He‑Man, Lego, Transformers und Playmobil. Im Osten? Na ja… sagen wir mal: „kreative Interpretationen“. Die DDR war beim Spielzeug Nachbauen erfinderisch wie ein Kind.

„Der Bedarf war einfach da“, sagt DDR-Fachmann Mario Schubert. Er betreibt mit dem VEB Orange einen Laden für allerlei DDR-Waren. Die meisten Produkte, die die DDR in Anlehnung an ein erfolgreiches Pendant Westen herstellte, hat er in den Regalen stehen. „Die Menschen in der DDR sahen im Westfernsehen, was gerade angesagt war, der eiserne Vorhang hatte viele Gucklöcher.“ Die SED-Führung habe der Nachfrage mit Produkten aus heimischer Produktion nachkommen wollen, so Schubert. Klassenkampf im Kinderzimmer.

DDR Bausteine Formo statt Lego

Und so kam es, dass West‑Kids mit echten Lego‑Steinen Burgen bauten, und Ost‑Kinder fröhlich ihre „Plaste‑Bausteine“ zusammenklickten. Satt LEGO gab es in der DDR FORMO-Bausteine, das Prinzip war fast das Gleiche. 

Die kleinen, eckigen Bausteine aus Kunststoff, die in der DDR unter den Namen FORMO, PEBE oder PLASPI produziert und verkauft wurden, unterscheiden sich nur auf der Unterseite von den Steinen aus Dänemark.

DDR-Lego von Formo. Aber auch DDR-Produkte wie der Mixer RG 28 fanden im Wesen Anklang. Dort wurde er unter der Marke Privileg verkauft.
DDR-Lego von Formo. Aber auch DDR-Produkte wie der Mixer RG 28 fanden im Wesen Anklang. Dort wurde er unter der Marke Privileg verkauft.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

MSB-Boy statt Playmobil

In DDR-Kinderzimmern suchte man nach echten Playmobil‑Figuren vergeblich. Stattdessen bot der Handel den Bürgern Doppelgänger an: die MSB-Boys. MSB steht als Abkürzung für Mechanische Spielwaren Brandenburg. Diese Spielfiguren waren die Antwort der DDR auf die Playmobilfiguren.

Feuerwehr made in GDR anstatt Playmobil aus dem Westen.
Feuerwehr made in GDR anstatt Playmobil aus dem Westen.BK

Der 1956 aus verschiedenen Betrieben zusammengelegte VEB Mechanische Spielwaren Brandenburg war einer der wichtigsten Spielzeugproduzenten der DDR. Produziert wurden mechanische und elektromechanische Spielwaren, vor allem Autos, Flugzeuge und Figuren, aus Kunststoff und Blech. MSB exportierte auch ins Ausland und war auf dem Spielwarenmarkt der DDR führend.

Plaho-Tiere statt Schleich

Auch auf Schleichtiere mussten Kinder in der DDR nicht verzichten. Mit Plaho‑Figuren aus Steinach kamen in der DDR Tiere aus aller Welt auf den Markt.  Hersteller dieser Figuren waren zu DDR-Zeiten die Firma MAROLIN und der VEB PLAHO in Steinach/Thüringen. Alles begann hier mit sehr naturgetreuen Tieren aus Pappmaché, liebevoll von Hand angemalt.

Elefanten, Tiger und andere Tiere gab es auch in der DDR.
Elefanten, Tiger und andere Tiere gab es auch in der DDR.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

Malfi statt Alf

Selbst der Gigant Disney blieb vom DDR-Kopierwahn nicht verschont. Offiziell verboten, inoffiziell waren sie überall: Micky‑Maus‑ähnliche Figuren, die aussahen, als hätte Micky eine harte Schicht im VEB hinter sich.

Als der Außeridische Alf vom Planeten Melmac in der BRD boomte, entwarf die DDR Malfi-Figuren. Spielten die Kinder von Augsburg bis Husum mit Transformers, verwandelten sich im Osten „Weltraum‑Roboter“ in alles Mögliche – Autos, Flugzeuge, manchmal auch einfach nur in sich selbst zurück.

Malfis gab es für 50 Pfennig, oft wurden die Plastikfiguren auf Rummelplätzen verkauft.
Malfis gab es für 50 Pfennig, oft wurden die Plastikfiguren auf Rummelplätzen verkauft.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

Florena statt Nivea

Der Nachbau in der DDR machte bei Spielzeug nicht Halt. Auch Kosmetikprodukte und Kleidung wurden dem Westvorbild nachempfunden. Das gilt auch für die blaue Nivea-Dose, die sich trotz Mauer in so manchem DDR-Haushalt fand. Die Ost-Florena in auffallend ähnlichem Design hat erst nach der Wende eine richtige Karriere hingelegt.

Zwei Creme-Dosen, zwei Länder.
Zwei Creme-Dosen, zwei Länder.BK

Wisent-Jeans statt Levis und Wrangler

Mitte der 70er-Jahre ließ sich der Siegeszug der Ami-Jeans nicht weiter aufhalten und die SED wies die Textilbetriebe der DDR an, ebenfalls eigene Jeanshosen zu produzieren. „Wisent“, „Boxer“ oder „Shanty“ hießen die Marken, die ab 1978 in der DDR auf den Markt kamen. Doch so richtig beliebt waren die DDR-Hosen nicht. Der Stoff war entweder zu hart oder zu weich, der Schnitt war nicht richtig lässig und der Auswasch-Effekt fehlte. Und so ließen sich Jugendliche weiter heiße Ware aus dem Westen oder Ungarn mitbringen.

Im VEB Jugendmode in Schmarl wurden von 1978 bis 1991 die Jeans- Marken Boxer, Wisent oder Shanty produziert. Das Werk belieferte auch den Westen.
Im VEB Jugendmode in Schmarl wurden von 1978 bis 1991 die Jeans- Marken Boxer, Wisent oder Shanty produziert. Das Werk belieferte auch den Westen.IMAGO/Roland Hartig

Unverwüstlicher Mixer RG 28 aus Suhl auch in den Westen

Im Gegenzug exportierte die DDR die Jeans unter dem Namen Explorer in den Westen. Ebenso den Klassiker unter den bis heute geliebten DDR-Produkten: den Unverwüstlich-Mixer RG28. Ein anderes Schildchen drauf geklebt, macht der Mixer im Quelle Katalog unter der Marke Privileg auch im Westen Karriere. Gut möglich, dass auch so manche West-Hausfrau noch heute mit dem Ost-Mixer rührt.

Das Rührgerät RG 28 ist der Klassiker unter den Küchengeräten der DDR. Auch mehr als 35 Jahre nach der Wende leistet dieses Gerät treue Dienste.
Das Rührgerät RG 28 ist der Klassiker unter den Küchengeräten der DDR. Auch mehr als 35 Jahre nach der Wende leistet dieses Gerät treue Dienste.DDR Museum Berlin

Lebensmittel in Ost und West: Nutella und Nudossi

Nudossi kam 1970 in der DDR auf den Markt und wurde im VEB Kombinat Elbflorenz in Radebeul hergestellt. Die Creme enthielt deutlich mehr Haselnüsse als Nutella. Während Nutella heute etwa 13 Prozent Haselnüsse enthält, lag der Haselnussanteil bei Nudossi traditionell bei rund 36 Prozent. Hier ließ sich die DDr auf jeden Fall eine eigene Rezeptur einfallen, die bis heute vieleb besser schmeckt. 

Als eine direkte Antwort auf die amerikanische Club-Cola entwickelte die DDR ein eigenes Cola-Getränk und präsentierte 1967 Club-Cola.

Wenn man ganz streng ist, gab es in der DDR nur wenige echte 1:1-Kopien westlicher Produkte. Die meisten waren vielmehr staatlich entwickelte Alternativen, die dieselbe Marktlücke bedienen sollten. Historiker sprechen deshalb eher von „Pendants“, „Antworten“ oder „Nachahmungen“.

Mario Schubert mit einem DDR-Monchichi vor seinem Laden VEB Orange in Berlin.
Mario Schubert mit einem DDR-Monchichi vor seinem Laden VEB Orange in Berlin.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

Konsequenzen für den Idee-Klau waren in der DDR übrigens nicht zu befürchten. Wurde ein Produkt ausschließlich innerhalb der DDR verkauft, waren rechtliche Schritte westlicher Unternehmen praktisch wirkungslos.

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