Debatte um Spätis und Co.

DDR-Shop-Besitzer verzweifelt an Sonntagsschließzeit: Ich will meinen RG28-Mixer verkaufen!

Kleine Einzelhändler wie Mario Schubert, die ums Überleben kämpfen, bräuchten die Sonntagsöffnung dringend. Wie lange will Berlin sich die Steinzeit leisten?

Author - Stefanie Hildebrandt
Teilen
Händler Mario Schubert in seinem Laden VEB Orange in Berlin Prenzlauer Berg. Er würde gern auch sonntags aufmachen.
Händler Mario Schubert in seinem Laden VEB Orange in Berlin Prenzlauer Berg. Er würde gern auch sonntags aufmachen.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

In Italien, in Spanien, Schweden, Finnland, in den Niederlanden und in England, ja sogar im erzkatholischen Polen dürfen kleine Läden auch an Sonntagen öffnen. Mario Schubert muss seine internationalen Kunden regelmäßig daran erinnern, dass er hingegen seinen DDR-Souvenirladen VEB Orange sonntags nicht aufsperren darf. Das Berliner Ladenöffnungsgesetz regelt das kompromisslos.

Touristen gehen am geschlossenen Laden vorbei

Und während Scharen von Berlinern und Touristen sich an seinem Schaufester in der Oderberger Straße die Nasen plattdrücken, wenn sie  vorbei zum Flohmarkt im Mauerpark pilgern, geht dem Einzelhändler ein Geschäft verloren, dass er dringend gebrauchen könnte.

Im Mauerpark zieht der Flohmarkt regelmäßig viele Besucher an.
Im Mauerpark zieht der Flohmarkt regelmäßig viele Besucher an.Sabine Gudath

Mario Schubert bietet seit 20 Jahren allerlei Buntes aus vergangenen Zeiten an. Fernsehturm-Figuren, Postkarten, Gläser aus dem Palast der Republik. Zehn Jahre lang stellte er auch sonntags seine Waren vor den Laden in der Oderberger Straße.

Bis Kontrolleure vom Zoll ihm eine Anzeige schrieben, und er die Härten der Bürokratie zu spüren bekam. Schubert kämpfte, doch auch auf dem Gewerbeamt wurde ihm das Öffnungsverbot bestätigt. Verstehen kann Schubert die Regelung bis heute nicht.

Shopping-Tipp im Reiseführer: VEB Orange

„Wir stehen in vielen Reiseführern, ich als Inhaber arbeite jeden Tag selbst hinter der Kasse und zwinge keinen Mitarbeiter zur Arbeit am Sonntag“, erklärt Schubert. Wenn wir sonntags öffnen dürften, könnten wir dafür zwei Tage in der Woche geschlossen bleiben.“ Dem Laden gehen jede Menge Einnahmen verloren,  die via Steuerabgabe ja auch dem Staat zugutekämen.

Auch wenn er in seinem Sortiment einige touristische Souvenirs-Artikel führt, so gibt es im VEB Orange doch nicht ausschließlich Touri-Ware. Und das ist der Knackpunkt. Auch der Späti nebenan muss aus diesem Grund sonntags geschlossen bleiben.

Im Laden VEB Orange in Berlin Prenzlauer Berg gibt es jede Menge DDR- und Berlin Souvenirs.
Im Laden VEB Orange in Berlin Prenzlauer Berg gibt es jede Menge DDR- und Berlin Souvenirs.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

„Deswegen gibt es hier fast nur noch Restaurants“, sagt Mario Schubert. Einzelhändler wie er bräuchten auch den umsatzstarken Sonntag, um über die Runden zu kommen. Doch Berlin fährt in dieser Frage eine restriktive Linie. Einzig die FDP und die Grünen machten sich zuletzt für eine Lockerung im Ladenöffnungsgesetz stark.

Strenges Ladenöffnungsgesetz in Berlin

Bis auf Weiteres gilt: In Berlin dürfen Verkaufsstellen von Montag bis Samstag rund um die Uhr (6 Tage/ 24 Stunden) öffnen. An Sonn- und gesetzlichen Feiertagen müssen Verkaufsstellen grundsätzlich geschlossen sein.

Ausnahmen von diesem Grundsatz regelt das Berliner Ladenöffnungsgesetz zum Beispiel für Verkaufsstellen für den Bedarf von Touristen, für verkaufsoffene Sonn- und Feiertage oder aus Anlass besonderer Ereignisse.

Auch Spätis in Berlin müssen sonntags laut Gesetz grundsätzlich geschlossen bleiben. Viele Spätis öffnen dennoch, besonders wenn sie eine Gaststättenerlaubnis mit Sitzplätzen haben oder als Touristenbedarf gelten. 

Unter Einzelhändlern ist auch bekannt, dass in unterschiedlichen Bezirken unterschiedlich streng kontrolliert wird, wer öffnet und was angeboten wird.

Auf dem Flohmarkt am Mauerpark wird ein ähnliches Sortiment angeboten wie im VEB Orange.
Auf dem Flohmarkt am Mauerpark wird ein ähnliches Sortiment angeboten wie im VEB Orange.www.imago-images.de

Blumen, Zeitungen und Brot

Auch weitere Geschäfte mit besonderem Sortiment dürfen sonntags bis 16 Uhr öffnen. Darunter fallen Blumen und Pflanzen, Zeitungen und Zeitschriften, Back- und Konditorwaren und Milcherzeugnisse.

Daher haben Pflanzencenter wie der Holländer oder Pflanzen Kölle im Umland geöffnet. Aber auch gemischte Kioske verlieren die Ausnahme, sobald sie Alltagswaren verkaufen, die nicht touristisch sind. Wer soll da noch durchblicken? Und welchen Sinn haben die Ausnahmen?

„Für mich sind das hier alles Souvenirs“, sagt Mario Schubert und meint all die Gebrauchtwaren aus der DDR, von den 1960ern bis in die 1980er, die er in seinem Laden anbietet.

Hauptsache orange. Im Laden VEB Orange in Berlin gibt es neben Telefonen auch den berühmten RG28 Mixer in der Farbe der 1970er.
Hauptsache orange. Im Laden VEB Orange in Berlin gibt es neben Telefonen auch den berühmten RG28 Mixer in der Farbe der 1970er.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

Er fordert, dass kleine, inhabergeführte Läden auch sonntags öffnen dürfen. Damit sie eine Chance gegen immer mehr Billig-Ketten und Restautants haben. Doch die Gewerkschaften feiern es weiter als Errungenschaft, dass der Sonntag für Familie und Religion frei sein soll. Der stets sehr gut besuchte Flohmarkt am Mauerpark darf hingegen sonntags öffnen. Für Kunst- und Gebrauchtwarenmärkte gibt es, man ahnt es, eine Ausnahmegenehmigung.

„Die Alternative wäre, dass ich mich sonntags mit Kisten auch auf den Flohmarkt stelle und schwarz verdiene“, sagt Mario Schubert, „aber das will doch auch keiner.“

Und so wird Mario Schubert auch am nächsten Sonntag gezwungenermaßen wieder sein Schild ins Schaufenster hängen. „Sorry, we're closed“ steht darauf.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Sollten kleine Läden in Berlin auch sonntags öffnen dürfen? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com