In der Wohnung von Karlheinz Petersen hängt ein Gemälde von der „Völkerfreundschaft“ an der Wand. Das Bild, in Grau und Weiß gehalten, hat einen besonderen Platz bekommen. Schließlich hat Karlheinz Petersen eine innige Beziehung zu dem legendären „Traumschiff der DDR“, das jetzt in Gent zerlegt wird.
Zufall führt zur „MS Völkerfreundschaft“
Die Reise von Petersen beginnt 1971 mit einer Funker-Ausbildung an der Seefahrtschule Wustrow. Dabei müssen alle Auszubildenden ein Praktikum auf einem Schiff absolvieren. Während sich die meisten seiner Mitschüler für einen Frachter entscheiden, stößt Petersen durch Zufall auf die „MS Völkerfreundschaft“ – der Beginn einer bis heute andauernden Verbindung.
Mit 21 Jahren im schicken, weißen Anzug
1972 kommt er zur „Völkerfreundschaft“ und arbeitet dort als vierter Funkoffizier. Mit gerade einmal 21 Jahren trägt er einen schicken weißen Anzug, hat allerlei Aufgaben und Verantwortung. „Das hat einem schon gefallen“, blickt der 75-Jährige im Gespräch mit dem Berliner KURIER zurück. „Im Unterschied zum Frachter war das ein völlig anderes Leben.“
Als Funker ist er unter anderem für die Sicherheit auf See zuständig. Er zeichnet Wetterkarten, wertet Satellitenfotos aus und kümmert sich um dienstlichen oder privaten Telegrammverkehr. Da kommt an manchen Tagen viel zusammen. Neben der Besatzung passen bis zu 1000 Passagiere auf das Schiff.

Lust auf Abenteuer steht im Vordergrund
Die Reisen führen Petersen an verschiedene Orte und schöne Häfen. Er sieht Venezuela, Mexiko, die Isle of Wight oder Trinidad und Tobago. „Das sind Häfen, die werden nur mit Passagierschiffen angelaufen, da kommt man mit einem Frachtschiff nicht hin“, erzählt Petersen, der heute in Stadt Wehlen in der Sächsischen Schweiz lebt.
Insgesamt 14 Monate verbringt er auf der „Völkerfreundschaft“. Seine längste Reise dauert sechs Monate. Bei Petersen kommt dabei auch Heimweh auf, der Reiz des Unbekannten ist aber größer. „Als junger Mann ist das Abenteuer mehr im Vordergrund. Da ist man vielleicht nicht so traurig, wenn man Weihnachten mal nicht zu Hause ist.“
Ich hatte als junger Mann so einen Luxus noch nicht gesehen. Es war ein schönes, elegantes Passagierschiff.“
„Völkerfreundschaft“ bietet sehr viel Luxus
Von dem Schiff ist er begeistert. Das Holzdeck besteht aus feinem Mahagoni-Holz, es gibt ein Außen- und ein Innenschwimmbad, einen Frisiersalon, einen Rauchersalon, ein Veranda-Café mit großer Tanzfläche und einen Kinosaal für 180 Besucher. Auch ein Operationssaal und ein Röntgenlabor sowie ein Hospital mit sechs Betten sind vorhanden. „Ich hatte als junger Mann so einen Luxus noch nicht gesehen“, sagt er. „Es war ein schönes, elegantes Passagierschiff.“
Von den vielen Geschichten auf dem Schiff ist Karlheinz Petersen vor allem eine besonders in Erinnerung geblieben. Eines Nachts geht er mit seinen Kollegen an die Schiffsbar, die Trennung zwischen Gästen und Personal ist aufgehoben. Der Kapellmeister stimmt einen Tango Jalousie an, ein Kollege legt mit einer Tanzpartnerin eine heiße Show aufs Parkett.

Acht Wochen Barverbot wegen Rotweinfleck
Bei Petersen hält sich die Lust auf Tanzen zunächst in Grenzen. Der Grund: Er hat den linken Ärmel seines weißen Anzugs mit Rotwein bekleckert. Panisch versucht er, den Schaden zu verstecken. Gehen will er deswegen aber nicht. Zu später Stunde zieht es ihn dann trotzdem auf die Tanzfläche.
Das wird ihm zum Verhängnis: Der Deckoffizier sieht den roten Fleck und greift durch. Petersen muss den Raum sofort verlassen – acht Wochen Barverbot. „Natürlich war das eine harte Strafe“, sagt er.
2017 Reise als Passagier auf der „Völkerfreundschaft“
Nach seinen 14 Monaten auf dem Schiff behält Petersen die „Völkerfreundschaft“ weiter im Blick, auch wenn es lange Zeit keine Berührungspunkte mehr gibt. 2017 aber bekommt er von seinem Sohn eine Reise von Southampton nach Amsterdam auf der „Völkerfreundschaft“ geschenkt.
In den Jahren dazwischen verändert sich das Schiff sehr – nicht zum Besseren, wie Petersen findet. „Es ist nicht gerade eleganter geworden.“ Wegen seiner beruflichen Vergangenheit auf dem Schiff hat er das Glück, dass er für ein paar Minuten auf die Kommandobrücke darf, um sich ein Bild zu verschaffen. Sonst ist der Bereich nur bei Führungen für Gäste zugänglich.

Schiff wird jetzt in Gent verschrottet
2017 ist es das letzte Mal, dass er das Schiff sieht. Danach verfolgt er den Werdegang nur noch über die Medien. Zuletzt war die „Völkerfreundschaft“ wieder in den Nachrichten präsent – allerdings aus einem traurigen Grund: Das Schiff wird jetzt verschrottet.
37 Jahre nach dem Mauerfall endet somit die Geschichte des einst in Schweden gebauten 160 Meter langen Schiffes. Zuletzt war es unter dem Namen „Astoria“ unter portugiesischer Flagge unterwegs – bis es fahruntauglich wurde. Das geschichtsträchtige Schiff wurde in eine Recycling-Werft ins belgische Gent geschleppt. Dort wird es abgewrackt.
Für einen DDR-Bürger eine Reise auf der ‚Völkerfreundschaft‘ oder der ‚Fritz Heckert‘ zu kriegen, war schon was richtig Besonderes.“
Schiff fährt zunächst als „Stockholm“
Ein Ende, das Petersen bewegt. „Bei einem Frachter ist man da nicht so emotional dabei wie bei einem Passagierschiff“, sagt er. „Da geht es einem ein Stück näher, ohne ganz sentimental zu werden.“ Die Entscheidung, das Schiff auseinanderzubauen, sei eine rein wirtschaftliche und „ein bisschen der Lauf der Dinge“.
Das Schiff war im schwedischen Göteborg gebaut worden und trug zunächst den Namen „Stockholm“. 1948 hatte es auf der Strecke von Skandinavien nach Nordamerika seine Jungfernfahrt. Am 25. Juli 1956 wurde die „Stockholm“ durch ein trauriges Ereignis weltbekannt: Im dichten Nebel vor der nordamerikanischen Küste kollidierte sie mit dem italienischen Luxusliner „Andrea Doria“. Dieser ging unter. 51 Menschen starben.

DDR kauft das Schiff für 20 Millionen schwedische Kronen
Die DDR kaufte die „Stockholm“ 1959 für rund 20 Millionen schwedische Kronen. 1960 stach das Schiff schließlich als „MS Völkerfreundschaft“ ins Meer. 25 Jahre wurde das „Traumschiff der DDR“ vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) betrieben, wie es auf der Seite DDR-Museums in Berlin heißt. Plätze an Bord waren demnach oft eine Belohnung für Arbeiter oder Parteiveteranen. „Für einen DDR-Bürger eine Reise auf der ‚Völkerfreundschaft‘ oder der ‚Fritz Heckert‘ zu kriegen, war schon was richtig Besonderes“, sagt Petersen.
Es war das erste Schiff der kleinen DDR-Kreuzfahrtschiff-Flotte, zu denen auch die „Fritz Heckert“ und die „Arkona“ gehörten. Etwa 280.000 DDR-Bürger hatten das Glück, solch eine Seereise zu unternehmen. Viele nutzten diese auch für einen endgültigen Abschied aus der Heimat.
1985 verkauft die DDR die „Völkerfreundschaft“
1985 verkaufte die DDR das Schiff und ersetzte es durch die größere und viel modernere „Arkona“. Wie das DDR-Museum schreibt, war die „Völkerfreundschaft“ dann unter wechselndem Namen und Eigentümern das am längsten im Dienst befindliche Transatlantikschiff der Welt.




