Kreuzfahrtschiff

Von der DDR bis zur Verschrottung: Das Schicksal der „Völkerfreundschaft“

Nach fast sieben Jahrzehnten auf den Weltmeeren wird das DDR-Kreuzfahrtschiff „Völkerfreundschaft“ verschrottet. Ein trauriges Ende Maritimgeschichte.

Author - Sebastian Krause
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Das DDR-Schiff „Völkerfreundschaft“ im Hafen von Warnemünde. Jetzt soll es ausgemustert und verschrottet werden.
Das DDR-Schiff „Völkerfreundschaft“ im Hafen von Warnemünde. Jetzt soll es ausgemustert und verschrottet werden.Ulrich Hässler/imago

Es ist ein trauriges Ende. Die „Astoria“ ist das derzeit älteste Kreuzfahrtschiff der Welt und soll verschrottet werden. Ein belgisches Recyclingunternehmen hatte es für ein Mindestangebot von 200.000 Dollar bei einer Auktion beim Bezirksgericht Rotterdam ersteigert. Fast fünf Jahre lang lag das Schiff dort im Hafen.

DDR kauft „Völkerfreundschaft“ für 20 Millionen schwedische Kronen

Vielen Menschen aus der ehemaligen DDR ist das Schiff allerdings unter einem anderen Namen bekannt: „Völkerfreundschaft“. Die DDR hatte das Passagierschiff im Januar 1960 für den stolzen Preis von 20 Millionen schwedischen Kronen gekauft und stellte es als Gewerkschaftsschiff MS „Völkerfreundschaft“ in Dienst.

Schiff sticht 1946 als „Stockholm“ in See

Bis dahin war das Schiff als „Stockholm“ unterwegs, nachdem es 1946 im schwedischen Göteborg gebaut worden war. Auf tragische Weise weltberühmt wurde das Schiff am 25. Juli 1956, als es aus New York vor der US-Küste im Nebel mit einem doppelt so großen italienischen Luxus-Liner kollidierte.

Während die „Andrea Doria“ unterging und insgesamt 51 Menschen starben, konnte die beschädigte „Stockholm“ gerettet werden. Sie nahm einen Teil der geretteten Passagiere von der „Andrea Doria“ auf und fuhr nach New York zurück. Dort wurde sie repariert.

Nach dem Umbau durch die DDR können die Gäste auf dem Schiff in den Pool.
Nach dem Umbau durch die DDR können die Gäste auf dem Schiff in den Pool.serienlicht/imago

DDR modernisiert „Völkerfreundschaft“ komplett

Nach dem Kauf der DDR, der vom Westen als Wiederauflage des „Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrttourismus“ während der Nazi-Zeit verhöhnt wurde, wurde das Schiff komplett umgebaut. Es erhielt ein Außen- und ein Innenschwimmbad, einen Frisiersalon, einen Rauchsalon und ein Verandakaffee mit Tanzfläche sowie ein Kino für 180 Besucher. Wer es sportlich mochte, konnte Tischtennis spielen oder auf dem Oberdeck Volleybälle schmettern. Der Ball war an einer Leine befestigt, damit er nicht über Bord ging. 

„Aber das ganze Entertainment, so wie es heutzutage auf den modernen Kreuzfahrtschiffen Standard ist, das gab es noch nicht“, erzählte der ehemalige Stewart Reinhard Brandt dem NDR. Dennoch träumten Millionen DDR-Bürger von einer Reise mit der eleganten „Völkerfreundschaft“ in ferne Länder.

Das war eine sehr interessante Zeit: Seefahrt zu den Bedingungen der DDR. Es war die einzige Möglichkeit, das Land legal zu verlassen.

Reinhard Brandt, ehemaliger Steward auf der „Völkerfreundschaft“

Schiff wird zum Aushängeschild der DDR

Das Schiff sollte aber noch mehr. Es sollte den Menschen nicht nur eine schöne Zeit bescheren, sondern zum Aushängeschild der DDR werden. Von Rostock aus starteten Reisen in die Ostsee, ins Schwarze Meer und sogar in die Karibik.

Während der Kuba-Krise durchbrach das Schiff auf einer seiner Reisen im Oktober 1962 die amerikanische Blockadelinie rund um Kuba. Die Urlauber wurden unversehrt auf die Insel gebracht. „Das war eine sehr interessante Zeit: Seefahrt zu den Bedingungen der DDR. Es war die einzige Möglichkeit, das Land legal zu verlassen“, erinnerte sich Brandt im NDR.

Angst, dass Leute über Bord springen

Auch bei Dieter Schumann war es das Fernweh, das ihn zu einer Ausbildung zum Vollmatrosen bei der Deutschen Seereederei führte. „Ich bin in Wismar zur Schule gegangen, bin oft am Hafen gewesen, wo die Handelsschiffe lagen. Ich wollte unbedingt ferne Länder erkunden und andere Kulturen kennenlernen“, schilderte er im NDR. Schon während der Ausbildung ging es mit der „Georg Büchner“ in die Karibik nach Mexiko und Kuba.

Die Fahrten waren nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch politisch sensibel. Zugleich bestand die Sorge, dass Passagiere oder Crewmitglieder fliehen könnten. „Deshalb hielten bei engen Passagen wie etwa der Durchfahrt durch den Bosporus immer Leute von der Besatzung Wache, dass keiner über Bord springt“, schilderte Brandt.

Die „Völkerfreundschaft“ ist bei den Menschen in der DDR sehr beliebt, weil sie damit das Land legal verlassen dürfen.
Die „Völkerfreundschaft“ ist bei den Menschen in der DDR sehr beliebt, weil sie damit das Land legal verlassen dürfen.serienlicht/imago

„Völkerfreundschaft“ macht immer wieder Probleme

Auch danach blieb das Schiff von Problemen nicht verschont. 1968 kam es zu einer Kollision mit einem westdeutschen U-Boot-Jäger in der Ostsee. 1983 stieß die „Völkerfreundschaft“ mit einem U-Boot der Bundesmarine zusammen. Leichte Schäden waren die Folgen.

In den vergangenen Jahrzehnten wechselte das Schiff mehrfach den Namen und Besitzer. Zuletzt übernahm 2021 ein US-Unternehmen den Ozeanriesen. Alle Hoffnungen auf eine weitere Nutzung zerschlugen sich aber 2025. Nun soll es ausgemustert und verschrottet werden. Das Ende einer Ära.

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