Haben Sie manchmal auch das Gefühl, dass es auch mehr als 35 Jahre nach der Wende mit der Völkerverständigung zwischen Ost und West nicht so richtig klappt? Ja? Dann geht es Ihnen wie uns: Immer wieder diskutieren wir in der KURIER-Redaktion über kleine, witzige Dinge aus unser aller Alltag, die zeigen, dass über Jahrzehnte eine Grenze durch Deutschland verlief. Eine Grenze, deren ende uns im Jahr 1989 wieder vereint hat. Die uns aber auch Eigenarten beschert hat, an denen man klar erkennen kann: Zwischen Ossis und Wessis gibt’s einfach noch immer Unterschiede. Wir haben fünf davon zusammengetragen.
Es gibt noch immer Unterschiede zwischen Ost und West
Mit einem Augenzwinkern, versteht sich: Hier geht es nicht um die große Politik, sondern um ganz viel Humor: In diesem Artikel lesen Sie fünf Dinge aus dem Osten und aus der DDR, die die Wessis auch Jahrzehnte nach der Wende nicht verstehen.
Dinge wie das Jägerschnitzel oder die richtige ansage der Uhrzeit, über die auch im Jahr 2026 immer wieder diskutiert wird. Fällt auch Ihnen etwas aus dem Osten ein, das die Wessis nicht verstehen? Oder kennen Sie Dinge aus dem Westen, die die Ossis einfach nicht kapieren? Schreiben sie uns eine Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com.
Dreiviertel oder viertel vor: Der Westen versteht es nicht
Es gibt da diesen herrlichen Witz: Ein Ossi und ein Wessi stehen zusammen in der Küche und backen Kuchen. Sagt der Ossi: „Wir brauchen noch einen Dreiviertelliter Milch!“ Sagt der Wessi: „Wie bitte?“ Antwortet der Ossi: „Oh, ich meinte: Wir brauchen noch einen Viertel-vor-Liter Milch.“ Ziemlich dämlich, aber wahr: Wir hatten in der Redaktionskonferenz neulich eine Debatte über das richtige Ansagen der Uhrzeit.
Es stellt sich heraus: Auch mehr als 35 Jahre nach der Wende behaupten die westdeutschen Kollegen steif und fest, dass sie, wenn man sie für „dreiviertel vier“ zum Kaffee einlädt, keine Ahnung haben, wann sie auftauchen sollen. Wie bitte? Fehlt den Wessis ein bestimmtes Modul im Gehirn, um diese Zeitangabe richtig interpretieren zu können? Ich verstehe einfach nicht, wie man DAS nicht verstehen kann!
Ist doch einfach: Wenn die Uhr dreiviertel schlägt, ist ein Dreiviertel der Stunde rum. Dreiviertel drei ist also 14.45 Uhr. So wie „Viertel drei“ 14.15 Uhr wäre – schließlich ist dann ein Viertel der Stunde um. Ich komme aus Sachsen und bin mit „dreiviertel“ aufgewachsen. Zum Beispiel der Kaffee: Der kam bei Omi am Sonntag stets „dreiviertel viere“ auf den Tisch, um „dreiviertel fümfe“ wurde Karten gespielt, und spätestens „dreiviertel siehme“ ging es zum Abendbrot heim.
Wenn Sie jetzt wissen, wie mein Sonntagnachmittag als Kind verlief, dann sind Sie entweder Ossi oder kommen aus dem Südwesten Deutschlands. Dort sagt man nämlich auch „dreiviertel“ statt „viertel vor“. Der Westen ist eben doch noch nicht ganz verloren. (FTH)

FKK: Freikörperkultur als Schwiegereltern-Test
Als ich meine Schwiegereltern das erste Mal auf ihrem Boot an einem See im Süden der Stadt besuchte, waren sie unterwegs wie Gott sie schuf. Badeanzug oder Hemd und Hose? Fehlanzeige. In ihren Augen, die ich bei der Begrüßung fixierte, sah ich ein Schmunzeln. Würde ich den Nackig-Test bestehen?
Ein echter Ossi hat kein Problem mit Körpern, nicht mit dem eigenen und nicht mit fremden. Also Klamotten runter und rein in den See. Erst bei Kaffee und Kuchen haben wir uns dann etwas übergezogen. Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt es: Oben ohne am Strand von Hiddensee liegen, unten ohne Volleyball spielen.
Hauptsache es fühlt sich frei und ungezwungen an. Auch wenn die Freikörperkultur schon viel früher erfunden wurde, in der DDR wurde sie zum Massenphänomen. Als kleine Rebellion im Alltag. Die Gedenken sind frei, primäre und sekundäre Geschlechtsorgane auch. (SHI)
Jägerschnitzel ist nicht gleich Jägerschnitzel
Wie heftig kann man um ein Stück Fleisch eigentlich streiten? Deutschland: Ja! Auch 36 Jahre nach der Wende ist der Zoff um das Jägerschnitzel ungebrochen. Der Ossi liebt seine panierte Jagdwurstscheibe mit Tomatensoße und Spirelli, der Westen bevorzugt das zartgeklopfte Schnitzelchen mit einer würzigen Cremesoße mit Pilzen. Zwei Gerichte, ein Begriff – und noch immer hat sich keine einheitliche Lösung gefunden.
Erst im vergangenen Jahr hat mir der Koch Torsten Kleinschmidt erzählt, dass er mal als Küchenchef im Restaurant arbeitete. Auf der Karte stand Jägerschnitzel. Doch nach dem Servieren wollte der Wessi den Chef sprechen, weil er dachte, dass er betrogen wurde.
„Ich musste ihm erst mal erklären, dass wir nicht einfach nur kreativ waren, sondern dass es die panierte Jagdwurstscheibe schon lange gibt, dass das Gericht eine Geschichte hat.“ Auch ich habe das mal erlebt, vor vielen Jahren bei einer Mutter-Kind-Kur an der Ostsee. Es gab Jägerschnitzel, der große Teil der Patienten in der Klinik kam aus dem Westen. Da war aber was los!
Man könnte jetzt argumentieren, dass das West-Jägerschnitzel aus Schwein oder (selten) Kalb besteht und dass man es deshalb eigentlich Bauernschnitzel nennen könnte. Oder Sammlerschnitzel, wegen der Pilzsoße. Das Ost-Jägerschnitzel ist aus Jagdwurst, da passt der Name schon besser. Aber wir wollen den Streit nicht wieder entfachen. Ob sich dieses Streit-Relikt der deutschen Teilung irgendwann in Wohlgefallen auflösen wird? (FTH)

Erzgebirge-Deko statt Las Vegas Bling Bling
Während im Westen zu Weihnachten der Cola-Lastwagen kommt und alles glitzert und blinkt, geht es im Advent in so mancher Ost-Stube beschaulicher zu. Hier werden die Räuchermännchen aus dem Erzgebirge aufgestellt, die Crottendorfer Kerzen angezündet und die Flügel der Pyramiden angesengt. Weihnachten heißt nicht in erster Linie Kommerz, sondern Tradition. Steile These? Prägende Erlebnisse aus der Kindheit werden in den Familien oft noch lange weitergetragen.
Wer früher mit Frank Schöbel und Peter Schreyer-Platten in besinnliche Stimmung kam, der wird auch später noch dieses wohlige Gefühl wieder aufleben lassen. Wo es keine marktwirtschaftliche Verwertung des Festes im großen Stil gab, besann man sich auf das, was Bestand hatte und was erhältlich war.
Statt blinkender Lichterkette werden in dieser Tradition die echten Kerzen an den Baum gefriemelt. Der Schwibbogen im Fenster und die Lauschaer Glaskugeln am Baum, sie verraten den Ossi. Mit Handwerksprodukten aus dem Erzgebirge waren wir Weltspitze. Den Stolz darüber spürt man noch heute. (SHI)

Anstoßen mit Rotkäppchen-Sekt
Wir hatten Cremant, wir probierten Champagner, wir prosteten uns mit Prosecco und billigem Schaumwein zu. Am Ende aber landen wir Ossis doch immer wieder beim Rotkäppchen-Sekt. Über Generationen ist die grüne Flasche mit der roten Banderole unser gemeinsamer Nenner.
In der DDR war das Unternehmen Rotkäppchen Marktführer, nach der Wiedervereinigung brach der Absatz zusammen. Zum 30. Juni 1990 wurde der VEB Rotkäppchen-Sektkellerei unter Führung der Treuhandanstalt in eine GmbH umgewandelt und die Belegschaft von 350 auf 60 Mitarbeiter reduziert. Das hätte das Ende sein können, doch danach begann der Siegeszug des Gesöffs, mit dem wir in der DDR einfach alles begossen.
Silvester, Geburtstag, Hochzeit, alles war in Rotkäppchen getränkt. Meist in der halbtrockenen Variante, in die so manche Mutti, Tante oder Oma gern noch ein paar Dosen-Ananas rührte. Mit einem Marktanteil von rund 36 Prozent ist Rotkäppchen Sekt heute Marktführer in Deutschland. Auch wenn wir wissen, dass es Sekt gibt, der besser schmeckt: Wenns drauf ankommt, muss es Rotkäppchen sein. (SHI)



