Es ist vielleicht nur ein kleiner Beitrag, doch Axel Schmidt hat zur kulinarischen Völkerverständigung von Ost und West beigetragen – und das Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung. Seine Mission begann 2013, als der gelernte Koch eines Cateringunternehmens aus dem Sorgebereich ins Ruhrgebiet sollte, um für einen Klinikbetreiber das Essen umzustellen.
Können erneut im Ruhrgebiet unter Beweis stellen
Die Reise führte Schmidt hauptsächlich nach Dortmund und Recklinghausen, wo der Betreiber zwei große Standorte hat. Aber auch nach Kamen, Lünen, Marl und Lütgendortmund. Davor hatte Schmidt, auch gelernter Betriebswirt, für einen großen Berliner Klinikkonzern die Verpflegung umgestellt. Nun sollte er sein Können im Ruhrgebiet erneut unter Beweis stellen. „Demzufolge wollte man meine Erfahrung dort mit einbringen“, erzählt der 67-Jährige dem Berliner KURIER.
DDR-Jägerschnitzel kommt auf die Speisekarte
Die Aufgabe war zunächst auf zwei Jahre angesetzt. Daraus wurde aber mehr. Am Ende war Schmidt von 2013 bis 2021 als verantwortlicher Betriebsleiter im Ruhrgebiet tätig – und sparte nicht mit Einflüssen aus der DDR.

Bereits kurz nach seinem Dienstantritt schlug er vor, Jägerschnitzel nach ostdeutscher Art anzubieten. Der Aufschrei war groß. „Man hatte unwahrscheinlich große Skepsis, so nach dem Motto: ‚Jetzt wollen uns die Ossis das Essen beibringen‘“, erzählt Schmidt. Denn viele seiner Kollegen im Ruhrgebiet hatten keine Osterfahrung oder Bezugspunkte zur DDR. Ein „Kulturschock“ sei es für sie gewesen.
DDR-Jägerschnitzel besiegt die West-Variante
Doch zur großen Überraschung: Den Kunden gefiel es, sehr sogar. Das lag nicht nur am guten Geschmack, sondern auch am Preis. Denn im Vergleich zum Jägerschnitzel aus dem Westen war die Ost-Variante um einiges günstiger. Für eine Region, die unter anderem von relativ niedrigen Löhnen geprägt ist, wichtig. „Das waren alles sehr bodenständige Leute“, sagt Schmidt über seine Kunden.
Es hat insgesamt Spaß gemacht und wir konnten einen kleinen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis leisten.
Das Interesse am Ost-Jägerschnitzel war so groß, dass er sich sogar zu einem Wettbewerb hinreißen ließ. Eines Tages bot die Küche Ost- und West-Jägerschnitzel gleichzeitig an, um zu wissen, welche Variante bei den Kunden besser ankommt. Das Ergebnis: 60 zu 40 für das DDR-Schnitzel. Der Osten hatte gewonnen. „Das war der Renner.“
Weitere DDR-Gerichte stehen jetzt zur Auswahl
„Später hat unser Großhändler sogar panierte Jagdwurstscheiben mit einem Kaliber von 105 Millimetern ins Sortiment unter dem Namen ‚Jägerschnitzel Ostdeutsche Art‘ aufgenommen. Für mich und viele Kollegen aus der ehemaligen DDR war das ein Ritterschlag“, sagt Schmidt, der heute in Eichwalde (Landkreis Dahme-Spreewald) in Brandenburg wohnt.

Nach dem Erfolg des Jägerschnitzels setzte Schmidt weitere Ideen um. Nun schafften es auch Soljanka, Wurstgulasch, Tote Oma und Grünkohl auf die Speisekarte. Die Gerichte liefen zwar gut, konnten aber an den durchschlagenden Erfolg des Jägerschnitzels nicht anknüpfen. Grünkohl beispielsweise kam in Recklinghausen gar nicht an, in Dortmund hingegen schon, erzählt Schmidt. „Die beiden Orte liegen zwar nur 30 Kilometer auseinander, aber das Essverhalten ist lokal unterschiedlich – ähnlich wie Hellersdorf und Kreuzberg.“
Nur die DDR-Currywurst kommt im Westen nicht gut an
Völlig chancenlos war nur die Currywurst aus dem Osten. Die Brühwürste wurden wie üblich ohne Darm serviert, was für West-Geschmäcker ein Unding war. Dennoch: Am Ende der Zeit gab es für Schmidt mehr gute als schlechte Erfahrungen. „Es hat insgesamt Spaß gemacht und wir konnten einen kleinen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis leisten“, sagt er. Entscheidend seien gewesen der gute Geschmack, der niedrige Preis und die Fähigkeit, aus wenig viel zu machen – so, wie es in der DDR üblich war. „Wir waren Improvisationskünstler.“




