Ist in Berlin von Organisierter Kriminalität die Rede, sprechen viele über arabischstämmige Clans oder seit ein paar Monaten auch über türkische Banden. Über die italienische Mafia diskutiert in der Hauptstadt hingegen kaum jemand.
Experte sagt, Aufmerksamkeit ist schlecht fürs Geschäft
Sandro Mattioli hat im Gespräch mit dem KURIER dafür eine simple Erklärung: „Aufmerksamkeit ist schlecht fürs Geschäft. Dass man wenig hört, heißt nicht, dass es keine Aktivitäten gibt – im Gegenteil.“
Der 50‑Jährige ist Journalist und Bestsellerautor, gilt als Mafia‑Experte und ist Vorsitzender des Vereins mafianeindanke. Der Sohn eines italienischen Gastarbeiters wuchs in Heilbronn auf, lebt heute in Berlin und recherchiert seit Jahren zur italienischen Mafia.
Er sagt: „Ich lebe ohne akute Bedrohung, aber mit einer gewissen Wachsamkeit. Ich achte auf mein Umfeld und verlasse mich auf Intuition – vor allem in sensiblen Recherchephasen. Wenn ich aus dem Haus gehe, dann gucke ich rechts und links, immer. Das ist so.“

Als Mafia‑Jäger sieht sich Mattioli nicht: „Der Begriff Mafia-Jäger passt nicht zu meinem Selbstverständnis, beschreibt aber teilweise, was ich tue: beobachten, aufspüren, verstehen – nicht zuschlagen.“
Auch in der deutschen Hauptstadt. Mattioli sagt: „In Berlin gibt es belegbare Aktivitäten der Camorra, Hinweise auf Cosa Nostra und auch auf die ’Ndrangheta. Am sichtbarsten ist die Camorra, weil sie weniger einheitlich organisiert ist. Über italienische Mafia wird hier aber kaum gesprochen – das bedeutet nicht, dass sie nicht existiert.“
Gastronomie ist ein klassischer Bereich für die Mafia
Cosa Nostra (Herkunft: Sizilien), ’Ndrangheta (Kalabrien) und Camorra (Neapel) gehören zu den bekanntesten Gruppierungen der italienischen Mafia.
Sie sind unter uns. Und wo? Mattioli erklärt: „Die Gastronomie ist ein klassischer Bereich. Ich war selbst Gast in einem Restaurant, das, wie ich später erfuhr, von der Camorra kontrolliert wurde, allerdings über Strohleute. Solche Modelle sind typisch, auch wegen der Möglichkeit zur Geldwäsche.“
Auch das Immobiliengeschäft gilt als klassisches Betätigungsfeld der Organisierten Kriminalität. Mattioli kennt einen Fall aus Charlottenburg‑Wilmersdorf: „Ich konnte anhand von Akten belegen, dass ein Berliner Wohngebäude im Besitz italienischer Unternehmen ist, von denen mindestens eines einen mafiösen Hintergrund hat. Die Mieter waren ganz normale Leute und wussten davon nichts. Solche Firmen‑ und Treuhandkonstrukte sind kein Einzelfall.“

Schutzgelderpressung gilt als Klassiker im Zusammenhang mit mafiösen Strukturen aus Italien. Doch die Zeiten haben sich geändert, wie Mattioli beobachtet hat: „Die klassische Schutzgeldforderung ist vielfach ersetzt worden, etwa durch erzwungene Warenabnahmen.“
Heißt: Jemand betritt ein italienisches Restaurant und legt dem Besitzer nahe, nur eine bestimmte Sorte Wein oder Olivenöl anzukaufen und zu verwenden. Mattioli erklärt: „Juristisch gilt das oft nur als Nötigung mit geringem Strafrahmen. Für die Mafia ist das ein Vorteil: wirtschaftlich stabil, rechtlich schwer zu greifen.“
Im Gegensatz zu einigen arabischstämmigen Clans drängt die italienische Mafia nicht in den Vordergrund. „Man hat gelernt, dass spektakuläre Aktionen – große Diebstähle, Museen, offene Erpressung – kontraproduktiv sind“, so Mattioli. „Die Strategie ist, Geschäfte leise, kontrolliert und ohne Aufsehen abzuwickeln. Das ist kein Zufall, sondern eine bewusste Gesamtstrategie.“
Dazu passt folgende Geschichte: „Bei meinen Recherchen bin ich auf Hinweise gestoßen, dass es in Deutschland eine Bank unter Kontrolle der ’Ndrangheta geben soll. Welche es ist, habe ich zum Glück nicht herausgefunden, denn eine Veröffentlichung wäre extrem heikel und gefährlich.“

Für viele Menschen ist der Begriff „italienische Mafia“ fast ein Mythos, befeuert durch Filme wie „Der Pate“. Nicht zuletzt deswegen sind italienische Gruppen eine Art Maßstab für andere kriminelle Vereinigungen. „Die italienische Mafia gilt als Vorbild, weil sie weiß, wie man Gewinne schützt, verschiebt und legalisiert“, erklärt Mattioli. „Auffälliges Verhalten ist für Organisationen wie die ’Ndrangheta ein Risiko, deshalb vermeiden sie es konsequent.“
So gehen sie selbst in einer Stadt wie Berlin fast unter. Dabei ist die deutsche Hauptstadt laut Mattioli durchaus attraktiv für italienische Banden: „Berlin ist weniger als Drogenumschlagplatz interessant, dafür als Standort für Investitionen. Immobilien, Geldwäsche, Vermögensverwaltung – dafür ist die Stadt extrem attraktiv. Wenn ich Mafioso wäre, würde ich mein Geld genau hier anlegen.“
Thema italienische Mafia hat in Berlin keine Priorität
Dass die Berliner Behörden ihren Fokus eher auf andere Gruppierungen richten, ist dabei kein Nachteil, wie er meint: „Das Thema italienische Mafia hat in Berlin keine Priorität. Ressourcen fließen in andere Felder – Terrorismus, Clans, akute Gewalt. Das schafft fast ideale Bedingungen für Organisationen, die konsequent auf Unauffälligkeit setzen.“

Deutschland könne im Kampf gegen die Mafia einiges von Italien lernen. Vor allem die geplante Beweislastumkehr, die dort bereits seit 1982 angewendet wird, könnte helfen. Mutmaßliche Täter müssten dann nachweisen, dass ihr Besitz aus legalen Quellen stammt. „Sie ist eines der wirksamsten Instrumente gegen die Mafia“, sagt Mattioli. „In Italien wurden damit Milliarden abgeschöpft.“
Bis es so weit ist, sind die Behörden gefragt. Und Menschen wie Mattioli, die darauf aufmerksam machen wollen, wie mafiöse Strukturen in Deutschland funktionieren. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der Ungerechtigkeiten nicht erträgt, selbst wenn es um die eigene Sicherheit geht.






