Alles nur noch Ramsch hier?

Warum Billig-Ketten wie Woolworth, Action und Tedi sich in der Krise behaupten

Das Stadtbild verändert sich, wenn kleine Läden schließen und nur noch Billig-Ketten neu eröffnen.

Author - Stefanie Hildebrandt
Teilen
Kaufhäuser wie Galeria haben es schwer, sich gegen Online-Konkurrenz aus Asien durchzusetzen.
Kaufhäuser wie Galeria haben es schwer, sich gegen Online-Konkurrenz aus Asien durchzusetzen.dpa

Kik, Woolworth, Action, Tedi – Billigketten eröffnen immer neue Läden, während Kaufhäuser wie Galeria Kaufhof oder kleinere Fachgeschäfte in den Berliner Kiezen schließen. Sind Billig-Ketten in der Krise des stationären Einzelhandels die einzigen Gewinner? Berlin, ein einziger Ramschladen? Ganz so einfach ist es nicht. 

Handelsexperte erklärt den Erfolg der Billig-Ketten

Wir haben mit dem Geschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes Nils Busch-Petersen gesprochen. Im KURIER erklärt er den Siegeszug der Billig-Ketten. Und er sagt, wer der eigentliche Gewinner im Einzelhandel ist.

Der Einzelhandel steht unter immensem Druck, sagt Nils Busch-Petersen, der Chef des Berliner Einzelhandelsverbandes, im Gespräch mit dem Berliner Kurier.
Der Einzelhandel steht unter immensem Druck, sagt Nils Busch-Petersen, der Chef des Berliner Einzelhandelsverbandes, im Gespräch mit dem Berliner Kurier.Thomas Uhlemann

„Am Ende setzt sich immer der durch, den die Kunden wollen“, sagt Nils Busch-Petersen. Und ja: „Die Nachfrage nach preisgünstigen, ja preisaggressiven Angeboten ist groß.“

Die Menschen wollen oder müssen günstig einkaufen. Generell gilt: Das Konsumverhalten der Menschen ist weiter sehr eingeschränkt. „Wir bewegen uns hier nach wie vor unter dem Niveau von 2019. Aber das alles mit den gestiegenen Preisen und Kosten für Energie und Personal von 2026“, so Busch-Petersen.

Die Formel: Weniger Kauflust und Kaufkraftkraft treffen auf höhere Ausgaben für die Händler. Dies setzt den Einzelhandel stark unter Druck.

Ketten wie Action, Tedi, Woolworth expandieren stark, weil sie große Flächen günstig mit standardisierten Konzepten übernehmen können.
Ketten wie Action, Tedi, Woolworth expandieren stark, weil sie große Flächen günstig mit standardisierten Konzepten übernehmen können.Bernd Weißbrod

Corona, Kriege und Krisen vermiesen uns die Kauflaune

Man sehe deutlich die Ausschläge nach unten, so Busch-Petersen: Erst vermieste Corona den Menschen die Kauflaune, dann kam die zweite Pandemie-Welle, gefolgt vom Ukraine-Krieg. Selbst das Hamas-Massaker in Israel ist als Einbruch der Konsumzahlen zu sehen. Ganz zu schweigen vom jetzigen Iran-Krieg. Auch wenn sich die Kauflust doch immer wieder erholt, steigt sie nie auf das Niveau aus Friedenszeiten.

„Selbst der Onlinehandel hat zu knabbern, wenn er denn nach fairen Regeln spielt“, sagt Nils Busch-Petersen. Obwohl die technologiegetriebene Transformation längst dazu geführt habe, dass viel mehr online gekauft wird, als offline.

Onlinehandel hält Einzelhändler im Würgegriff

Busch-Petersen hat den Blick auf die langfristige Entwicklung. „Die letzte große Transformation im Einzelhandel war die Einführung der Selbstbedienung“, sagt er.

Weg vom Krämer und von Tante Emma und hin zu Supermarkt und nunmehr sogar zur Selbstbedienungskasse. „Diese Transformation war schon tiefgreifend. Doch wird sie von der jetzigen noch spielend übertroffen“, so der Experte.

Schon vor Corona hätten 30 Prozent der Verkäufe bei Damenoberbekleidung – und die sei ausschlaggebend – online stattgefunden.

Foulplay von Temu, Shein und Co.

Dazu kommt das unregulierte Foulplay aus Asien, mit dem sich Händler auseinandersetzen müssen.

Temu und Shein glänzen mit perfektem Marketing, liefern aber höchst zweifelhafte Ware, die hiesigen Standards in keiner Weise entspricht. Sie fluten noch immer ungehindert den Markt, Regulierung wie die Zollfreiheitsgrenze kommt viel zu spät und wird viel zu einfach durch Umdeklaration umgangen. Täglich kommen 400.000 Pakete aus Asien nach Deutschland“, weiß Nils Busch-Petersen.

Lohnt es sich noch, ein Geschäft aufzumachen?

Während die Kaufhäuser hier kranken, verdoppeln die chinesischen Hersteller im Jahr ihren Umsatz. „Die Ware, die sie verkaufen, muss woanders nicht mehr verkauft und auch nicht hergestellt werden“, so die bittere Bilanz des Einzelhandelsexperten.

Hat man als kleiner Einzelhändler in Städten wie Berlin also gar keine Chance mehr? Ganz so schwarz sieht Busch-Petersen die Lage nicht. „Auch jeder kleine Händler hat eine Chance, wenn er perfekt performt, Kunden an sich bindet“, sagt Nils Busch-Petersen.

Noch heiße es nicht „Game over“, wenn man nur seine Nischen gut bediene. Schließlich entstehen noch immer neue Cafés, Boutiquen und spezialisierte Läden.

Warenhäuser wie Kaufhof stark unter Druck

Die klassischen Warenhäuser allerdings sind stark unter Druck, weiß der Experte. „Nur die preisorientierten Formen wie Woolworth expandieren auch. Der Preis spricht die Leute an, davon leben Tedi, Action oder Kik.“

Im Dezember 2024 hatte Tedi 84 Filialen des vor allem in Ostdeutschland bekannten Discounters Pfennigpfeiffer übernommen.
Im Dezember 2024 hatte Tedi 84 Filialen des vor allem in Ostdeutschland bekannten Discounters Pfennigpfeiffer übernommen.dpa

Deutsche Käufer seien sehr preissensibel, sagt Nils Busch-Petersen. Nirgendwo sonst werde im Handel so wenig verdient wie in Deutschland. Im Lebensmittelsegment gibt es beispielsweise unter ein Prozent Marge. Die Dichte an Supermärkten und Discountern (1500 in Berlin) sorgt für Wettbewerb, der die Preise purzeln lässt.

Und wie geht es weiter? „Wir hoffen auf eine Erholung des Konsumklimas. Dann hat auch der Mittelbau wieder mehr Chancen. Momentan aber brennt gerade für den mittleren stationären Einzelhandel die Kerze an beiden Enden.“

Am Ende bekommen die Kunden das, was sie sich wünschen. Es gilt: Ist der kleine Fachhandel im Kiez erst einmal weg, heißt es: They never come back – sie kehren nie zurück.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Gehen Sie bewusst in kleinen Läden einkaufen oder kaufen Sie  günstig online? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com