Seit Tagen hängen die Sale-Schilder in den Schaufenstern des Schreibwarenladens in der Breiten Straße in Pankow. Im Nebenan-Netzwerk macht die Nachricht die Runde: der Laden Schreib Art schließt. Bedauernde Kommentare häufen sich.
Kleine Händler kämpfen ums Überleben
Schließlich haben Generationen von Pankower Schulkindern hier ihre Schulranzen, Blöcke und Füller gekauft. Die Drehständer mit bunten Karten hielten Passendes für jeden Anlass bereit. Zum Nikolaus hing das Geschäft voll von selbst ausgemalten Stiefeln. Zu Ostern werden leere Scheiben zu sehen sein.
All die Bemühungen, den Laden zu erhalten, haben nichts genützt. Die freundlichen Verkäuferinnen müssen nun die letzten Artikel verkaufen, das Geschäft leert sich.
Leere Läden in der Florastraße
Das Schreib Art-Geschäft ist nicht der erste kleinere Einzelhändler, der aufgibt. Die Kieze veröden und werden langweilig mit dem x-ten Barbershop, Kosmetikladen oder Späti.
Wie in der Breiten Straße dem Schreib Art-Geschäft, ging es in der Florastraße schon dem Unterwäschegeschäft Brafinette, einem Fotostudio, dem Blumenladen der Blumenkönigin. In der Ossietzkystraße machte ein Kinder-Secondhandladen nach kurzer Zeit wieder dicht. Es zog ein Laden für Thai-Massagen ein.

Kaum noch Geschäfte für den täglichen Bedarf lassen sich in den Kiezen finden, stattdessen kommen Büros, Ferienwohnungen und Schönheitsinstitute. Die Berliner Mischung wird zusehends dröger. Und nicht immer sind die Vermieter schuld.
Nicht immer sind Mieterhöhungen schuld
„Nein, es liegt nicht an der Gesobau“, schreibt mir der Besitzer des Schreib Art, der nun in Pankow sein Geschäft aufgibt. Im Gegenteil, er würde sich einen solchen Vermieter an anderen Standorten wünschen.
Als Grund für die Schließung führt er aus: „Wir kämpfen, wie alle Einzelhändler, außer Tankstellen und Lebensmittelhändler, damit, die Umsätze des Jahres 2019 (vor Corona) zu erreichen.“
Die Menschen konsumieren schlicht weniger, und wenn dann im Internet. Das monatlich gemessene Konsumklima in Deutschland zeigt die Krise im Einzelhandel schon länger.
Todesstoß für kleine Händler: Umsatz sinkt während Kosten steigen
In der gleichen Zeit sei der Mindestlohn um 51 Prozent gestiegen – und steige weiter. Von den Energiekosten, den höheren Einkaufspreisen habe er noch gar nicht gesprochen, so Geschäftsführer Uwe Kaim.
„Viele bekennen sich zwar zum Einzelhandel, kaufen aber selten dort“, sagt auch Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg.
Online-Handel ist harte Konkurrenz
Leider sei es wegen der Wettbewerbssituation online wie offline nicht möglich die Kostensteigerung an die Kunden weiterzugeben. Wenn er die Preise noch weiter erhöhen würde, kämen noch weniger. Ein Teufelskreis. So sieht die Rechnung für den Schreibwarenladen in Pankow aus.
Sie ist einfach und vorhersehbar: Umsatz singt, Kosten steigen. Am Jahresende gab es nicht einmal eine schwarze Null.
Kundenverhalten ist ausschlaggebend
Wenn man jemanden suche, der für die Entscheidung zur Schließung maßgeblich verantwortlich ist, dann sind es die Kunden, welche immer den letzten Cent sparen wollen, aber trotzdem das 5-Sterne plus Einkaufserlebnis haben wollen, so Kaim weiter.
Und ja, jeder müsse mit seinem Geld haushalten, er selber auch. Doch „Wer das eine will, muss das andere mögen: billiger Einkauf auf der einen Seite. Ladenschließungen, verödete Innenstädte, Kündigungen auf der anderen.“


