Eine neue Supermarktkasse sorgt in Berlin Tegel für Aufsehen. Hier wird keiner am Kassenband gehetzt. Ist es nicht schrecklich, dass wir uns diesen menschlichen Service nur als Ausnahme leisten?
Erfahrene Kassiererin hört zu
Seit über 30 Jahren sitzt Petra Bertow an der Supermarkt-Kasse. Sie hat Erfahrung. Auch damit, dass es sonst am schwarzen Fließband ganz schön flott gehen muss.
Zeit für ein paar nette Worte bleibt selten, wenn man damit beschäftigt ist, Wurst, Eier und Äpfel möglichst fix in Wagen oder Tasche zu bugsieren. Im Alltag ist das „Bon mitnehmen?“ am Ende des Kassiervorgangs oft der einzige Austausch zwischen zwei Menschen.
Naturtalent im Small Talk an der Kasse
Hier und heute ist das anders: Petra Bertow hat im REWE-Markt in der Tegler Ernststraße die erste Schicht an der neuen Plauderkasse übernommen. Ein Reporter der Berliner Zeitung hat zugehört.
„Ich wurde ein bisschen ins kalte Wasser geworfen“, sagt Petra Bertow. „Aber eigentlich passt das perfekt zu mir”. Wie man mit Menschen ins Gespräch kommt, könne man sich nicht anlesen.
Sonst wird man an der Supermarkt-Kasse angeblökt
Einer der ersten an der neuen Kasse, die der Einsamkeit allerorten etwas entgegensetzen will, ist Thomas Lach. Er stellt sein Sechserpack stilles Wasser auf das schwarze Band und sagt erstmal nix.
„Heute wieder gesund unterwegs?“, fragt die Kassiererin und zeigt auf die Wasserflaschen. „Immer doch”, so Lach. „Tolle Sache übrigens.“ Damit meint er das rote schild über der Kasse, das darauf hinweist, dass hier geredet werden darf, nicht muss.
„Sonst sind ja immer die Leute hinter dir, die dich wegen zehn Sachen anblöken, wenn du zu langsam bist. Hier ist es einfach entspannt”, sagt Thomas Lach.
Alte trauen sich gar nicht, an der Kasse zu sprechen
Auch andere Kunden schätzen den entspanten Umgang, keiner vermisst den Zeitdruck, den kurze Einräumtische und die hohe Taktzahl der Kassierer für gewöhnlich machen.

Kathleen (60) kommt gerade aus ihrem Garten. An der Plauderkasse geht es schnell um Setzlinge. „Viele ältere Leute wollen ja niemandem zur Last fallen und trauen sich gar nicht, an der Kasse zu reden – vor allem, wenn zu Hause keiner mehr wartet. Hier weiß man: Da steht jemand, der Zeit hat. Und hier darf man plaudern. Steht ja groß genug drauf.“
Man plaudert über Zigaretten, über das Wetter, den Einkauf. Es ist in vielen Studien längst erwiesen, dass freundliche Alltagskommunikation, nette Gesten von Fremden, random acts of kindness uns ausgeglichener machen und Stress reduzieren. Das Gefühl der Einsamkeit entsteht, wenn wir in unseren Blasen keinen Kontakt zur Umwelt und Mitmenschen zulassen.
Durchoptimierte Abläufe und digitalisierter Alltag sind dabei nicht förderlich für den zwischenmenschlichen Austausch. Die Plauderkassen sind ein Gegenentwurf zu einer immer schneller werdenen, maschiniesierten und technisierten Welt.
Ist es nicht schrecklich, dass wir eigentlich das Selbstverständlichste, das was unser Mensch sein ausmacht, die soziale Interaktion nämlich, als Sonderweg wieder lernen und zurückerobern müssen?

Wer nicht Schritt hält im Takt der Gewinnmaximierung, der gilt als Sonderfall. Aber immerhin. Aktionen wie diese in Tegel machen uns bewusst, wie sehr wir uns dem Diktat der optimierten Abläufe bereits unterworfen haben, und wie sehr manche darunter leiden.
Die Plauderkasse in Tegel ist ab jetzt immer an zwei Tagen in der Woche im Rewe (Ernststraße 7 in Berlin-Tegel) geöffnet: dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 16 Uhr. Dann gilt eine einfache Regel: Wer hier ansteht, darf reden.
Direkt gegenüber von Petra Bertows Kasse stehen die Selbstzahlerkassen. Hier fragt keiner nach dem Befinden. Wer es eilig hat, kann in wenigen Minuten seinen Einkauf selbst gescannt haben. „Jeder soll so einkaufen, wie er will“, sagt Petra Bertow. „Schnell bei einer Kollegin, alleine an der Selbstkasse – oder eben ganz gemütlich bei mir.“
Einsamkeitsbeauftragte für den Bezirk
Dass es die Gemütlich-Kasse nur in Reinickendorf gibt und nicht überall, liegt übigens an dem besonderen Fokus auf Einsamkeit im Bezirk. Reinickendorf hat die erste Einsamkeitsbeauftragte Berlins eingestellt. „Im Bezirk haben wir schon Maßnahmen gegen Einsamkeit gestartet – in Cafés, Pizzerien, bei sozialen Projekten“, erklärt Marktleiter Viet Nguyễn (47).
„Wenn Kunden sich wohlfühlen, kommen sie gerne wieder. Wir schaffen nicht nur Ware, sondern auch Freundlichkeit. Manche kommen extra zu einer bestimmten Kasse, nur um zu plaudern.“
Und genau hier knüpft die Arbeit der Bezirks-Einsamkeitsbeauftragten an. Katharina Schulz sagt: „Seit diese Stelle von der Bezirksbürgermeisterin geschaffen wurde, hat Reinickendorf eine Vorreiterrolle übernommen. Viele Menschen fühlen sich unsichtbar oder nicht gebraucht. Unsere Angebote, ob Quasselbänke oder Kooperationen mit Supermärkten, helfen, Einsamkeit sichtbar zu machen und ihr aktiv zu begegnen.“





