Betritt man die wunderschöne Arminiusmarkthalle in Berlin-Moabit und haucht zur Begrüßung in die Luft, bilden sich kleine Atemwölkchen. Händler und Kunden nehmen ihre Mützen nicht ab, während sie Kaffee ausschenken und Hähnchenkeulen servieren. Will man länger bleiben, sollte man besser Thermounterwäsche tragen.
Denn in der historischen Halle sind die Temperaturen höchstens einstellig, seit der Betreiber die Heizung ausgeschaltet hat. Die Händler bekommen trotzdem Schweißausbrüche – vor Ärger darüber und aus Angst um ihre Existenz. Denn die Kälte vertreibt die letzten Kunden.
Historische Markthallen in Berlin
Als die Arminiusmarkthalle 1891 errichtet wurde, war sie eine Errungenschaft. Sie gehört zu den überdeckten Markthallen, die der Berliner Magistrat zwischen 1883 und 1892 anstelle der bisher offenen Märkte erbauen ließ, um die Versorgung der Großstadt mit hygienisch einwandfreien Lebensmitteln zu verbessern. Geschützt vor Wind und Wetter-Unbill wurden hier seitdem frische Waren feilgeboten.
Heute kann man vor allem an den unterschiedlichsten gastronomischen Angeboten entlangschlendern und sich durch die halbe Welt schlemmen.

Unter dem hohen Dach, das von 72 schlanken Säulen und Bogenbindern getragen wird, werden auf rund 3500 Quadratmetern regionale Lebensmittel und „Genusshandwerksprodukte“ angeboten. Bars und Gastronomie sind die Zugpferde in der Halle.
An den meisten der Stände haben die Betreiber, die wie alle hier aus Angst vor negativen Folgen nicht öffentlich in Erscheinung treten wollen, sich wegen der Kälte einen Heizstrahler aufgestellt. „Seit Dezember kommen viel weniger Kunden“, sagen sie.

Händler bangen um ihre Existenz
Dabei haben die Händler hier alle einen Mietvertrag für eine gastronomische Fläche unterschrieben. Eine Mindestbetriebstemperatur von 18 Grad müsste gewährleistet werden, sagen sie. „Das Ausbleiben der Kunden gefährdet unsere Existenz.“
An einem anderen Stand messen Händlerkollegen regelmäßig nur noch einstellige Temperaturen. Bei unserem Besuch sind es gerade einmal fünf Grad. Keiner bleibt hier länger als nötig sitzen, isst und trinkt in Ruhe. 20.000 Euro im Monat gehen so an Einnahmen verloren, sagen die Gastronomen.

In der Geflügeloase kommen statt 200 Kunden nur noch 50 täglich. Dabei ist der Winter die Hochzeit in der Halle. Hier legen die Händler einen Puffer für die erfahrungsgemäß weniger ertragreichen Sommermonate an.
Man bekommt die Kälte nicht aus den Knochen
„Die Kälte bekommt man tagelang nicht aus den Knochen“, sagt einer der Verkäufer. Heizstrahler, Wärmflasche, Schal und Mütze gehören zur Arbeitskluft dazu.
Bei den Gästen hat sich die Situation ebenfalls herumgesprochen. „Es ist ein extremes Problem“, sagen Handwerker, die sich zum Mittag niedergelassen haben. Normalerweise sei es bei etwa 15 Grad auch im Winter gut in der Halle auszuhalten. Jetzt sehen sie zu, dass sie nach dem Essen schnell wieder loskommen.

Einige Restaurants, die mit größeren Veranstaltungen und Bruch am Wochenende werben, haben auf eigene Faust einen Dieselgenerator gekauft, der am Wochenende per Schlauch heiße Luft in wenige Bereiche der Halle bringt. Eine Notlösung, die wiederum für neue Probleme sorgt. Der Lärm des Generators stößt den Nachbarn sauer auf.
Auf der Website der Halle weist der Betreiber zwar auf die niedrigen Temperaturen hin. „Liebe Gäste, bitte beachten Sie, dass die Arminiusmarkthalle als historisches Gebäude unter Denkmalschutz über keine moderne Heizungsanlage verfügt“, heißt es da. Man freue sich, Kunden dennoch „zu einer warmen Mahlzeit und einem herzhaften Getränk empfangen zu dürfen – passend zur Saison etwas wärmer gekleidet und stets mit bester Laune“, so die Einladung auf der Website weiter.
Gute Laune, das klingt zynisch in den Ohren der frierenden Händler, die um ihre Existenz bangen.
Der KURIER wollte von Hallen-Betreiber Christoph Hinderfeld wissen, wieso hier so auf Sparflamme geköchelt wird.
Der Betreiber hat seine Gründe und legt dar, dass in der Halle das Heizkonzept grundlegend erneuert wird. Weil die steigenden CO₂-Preise das Heizen mit fossiler Energie künftig teurer machen, steigt er aus der Fernwärme aus und setzt auf punktuelle Wärme durch Infrarotlampen.
„Ab der zweiten Januarwoche sollten dann auch auf allen Flächen unserer Markthalle über 80 lokale – von ‚Naturstrom‘ betriebene – Infrarot-Wärmequellen an den Sitz- und Verweilflächen vorhanden sein, die etwa 1000 bis 1200 Quadratmeter Fläche der Markthalle gezielt erwärmen können. Wir heizen dann übrigens auch nicht mehr, die Klimaänderungen beeinflussend, zum Dach hinaus“, schreibt er.
In den letzten Jahren habe er bereits eine Steigerung der Fernwärmekosten
von 70.000 Euro im Jahr 2021 auf über 150.000 Euro im Jahr 2025 feststellen müssen, so Hinderfeld. Für die kommenden Jahre rechnet er mit einer weiteren Verdopplung. Daher der drastische Schritt: Punktuelle Heizstrahler sollen die Gäste wärmen.
„Eine ungedämmte, 1891 ohne jegliche Heizung erbaute Markthalle mit bis zu 15 Meter Raumhöhe kann man, wie auch eine große Kirche, verständlicherweise nicht so wärmen wie evtl. ein 20 Quadratmeter großes Wohn- oder Esszimmer“, so Christoph Hinderfeld.
Wärme müsse da sein, wo temporär Wärme benötigt wird, jedoch nicht unbedingt dort, wo man für eine kurze Verweildauer mit Mantel, Jacke und Mütze bekleidet, die Markthalle betritt.
Den „für uns alle erkennbaren Klimawandel wollen wir zudem nicht weiter durch die Verbrennung von Gas, Kohle und Öl befördern“, so die Markthallenleitung.
Im nächsten Schritt soll der Strom in der Halle auch über Solarzellen auf dem Dach erzeugt und gespeichert werden.






