Bei einem Blick in den Kühlschrank kann man anhand der Würstchenpackung mit ziemlicher Treffsicherheit die Sozialisierung des Essers bestimmen. Der Ossi greift auch über dreißig Jahre nach der Wende noch gern zu Eberswalder Wurst und zur Schorfheider Knüppelsalami aus Britz.
Ein Stück Heimat und DDR-Vergangenheit landen so gefühlt auf dem Teller, auch wenn die traditionsreiche Wurstfabrik schon länger in der Hand des nordrhein-westfälischen Fleischgiganten Tönnies ist.
Eberswalder Würstchen nicht mehr aus Eberswalde
Nun aber knipst der Wessi im Werk im Osten die Lichter aus. Bei der Tönnies-Tochter, der Zur-Mühlen-Gruppe, gehen 500 Arbeitsplätze verloren, wenn die Wurstproduktion in Britz bei Eberswalde eingestellt wird.
Die Zur-Mühlen-Gruppe gehört der Familie Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück in NRW. Erst vor drei Jahren hatte die Zur-Mühlen-Gruppe den Wursthersteller in Britz übernommen, jetzt soll das Werk zum 28. Februar dichtmachen.
Aus für die Eberswalder Würstchen
Damit endet eine ganze Würstchen-Ära in Eberswalde. Bis zuletzt wurde hier Wurst der ostdeutschen Traditionsmarke „Eberswalder“ hergestellt. Das Werk in Britz blickt auf eine lange Geschichte zurück. In der DDR war es eines der größten Fleischwerke Europas mit über 3000 Beschäftigten. Alle Wurstwaren für die Hauptstadt wurden hier im Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde (SVKE) hergestellt.
Wurst für die Hauptstadt der DDR
Die Beschäftigten für das große Werk wurden aus der gesamten DDR angeworben. Damit die Arbeiter in der Nähe unterkommen konnten, zog man in Eberswalde zwei Neubaugebiete hoch. Die Stadt war eng mit dem Werk verwoben. Auf dem Werksgelände befanden sich eine eigene Poliklinik, ein Friseur, eine Gaststätte, eine Gärtnerei, eine Bibliothek und eine Sparkasse.
Gleich in der Nähe wurden in der Schweinemastanlage in Lichterfelde 200.000 Schweine gehalten. Massenbetrieb für die Versorgung der Bürger.
Ost-Produkt schaffte es über die Wendezeit
Aus ostdeutschen Kühlschränken sind die „Eberswalder Würstchen“ seit Jahrzehnten nicht wegzudenken, stolz prangt das „Eberswalder“-Logo über der Punktetafel beim 1. FC Union Berlin in der Alten Försterei. Der Hersteller liefert auch die Stadionwurst und versorgt auch die Uber-Arena. Nun sollen die in der Region beliebten Produkte anderswo hergestellt werden.

Dabei war es nach der Wende gelungen, den Standort zu erhalten. Ab 1991 schloss man zwar Teilbereiche des Betriebs, und die Mitarbeiterzahl sank drastisch. Nach einer Insolvenz im Jahr 2000 gelang wenig später die Rettung. Seit 2002 führte man den Betrieb unter der MBU Märkische Beteiligungs- und Unternehmensverwaltungs GmbH weiter. Eckhard Krone übernahm die Geschäfte und sanierte das Unternehmen als Familienbetrieb.
Die Firma zählte zu den größten Herstellern von Fleisch- und Wurstwaren in Brandenburg. Die rund 550 Mitarbeiter der Eberswalder-Gruppe produzierten jährlich mehr als 300 Millionen Würstchen und erwirtschafteten einen Umsatz von etwa 120 Millionen Euro. 2023 übernahm Fleischgigant Tönnies und versicherte, den Standort erhalten zu wollen. Die Tönnies-Gruppe ist Deutschlands größter Fleischproduzent und einer der führenden in Europa. Keine drei Jahre später kommt nun das Aus.
Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisiert die rücksichtslose Rendite- und Marktbereinigungspolitik des Fleisch-Milliardärs. Empört sind die Gewerkschafter, aber wenig überrascht.
Tönnies: Totengräber der Tradition
„Diese rücksichtslose Politik des Aufkaufens und Dichtmachens passt in das Bild, das die Tönnies-Gruppe abgibt: Den Menschen wurde beim Kauf vollmundig eine Zukunft des Werkes versprochen. Das Gegenteil ist der Fall, Tönnies entpuppt sich als Totengräber der Tradition“, meint Uwe Ledwig, der Vorsitzende des NGG-Landesbezirks Ost.
Anstatt wie versprochen, zu investieren, sei das Werk zweieinhalb Jahre auf Verschleiß gefahren worden, so Ledwig. „Nun werden die Leute auf die Straße gesetzt. Das ist nichts anderes als Marktbereinigung. Tönnies sichert sich so Marktanteile und seine dominante Stellung in der deutschen Fleischbranche – auf dem Rücken der Beschäftigten.“

Das Aus für das Eberswalder Wurstwerk ist für Uwe Ledwig deshalb auch ein Signal an die Politik: „Der Betriebsrat hat hier versucht, zu retten, was zu retten war. Doch wie oft müssen wir mit ansehen, wie Großkonzerne Konkurrenzbetriebe kaufen und dann kurz darauf die Menschen ohne ordentliche Abfindung auf die Straße setzen. Wenn das, was hier passiert ist, erlaubt ist, gehört es verboten! Wer Industriearbeitsplätze erhalten will, muss solchen Missbräuchen einen Riegel vorschieben.“
Tönnies-Wurst ist überall
Tönnies-Fleischwaren sind in nahezu allen Supermärkten zu finden.Verpacktes Frischfleisch wird oft unter den Eigenmarken der Discounter und Supermärkte verkauft. Dies ist beispielsweise an der Herstellerangabe SB-Convenience GmbH aus Rheda zu erkennen. Daneben werden unter dem Namen Artland und IQF viele Restaurants und Kantinen mit Frischfleisch oder vorgebratenen Schnitzeln und Burgerpatties von Tönnies beliefert, schreibt das Handelsblatt.
Zu den bekanntesten Tönnies-Marken zählen etwa Gutfried, Böklunder, Zimbo, Redlefsen und Schwarz Cranz. Aber auch viele regional bekannte Wurstmarken befinden sich unter dem Dach des Fleisch-Riesen: Hareico, Lutz, Weimarer, Lechtaler, Wikinger, Dölling, Astro, Schulte, Jensen’s, Heine’s, Zwerbster Original, Naumburger, Plumrose, Marten und Könecke.
Bei Tönnies hergestellte Fleischprodukte werden unter anderem unter dem Markennamen Tillman’s sowie unter den Eigenmarken des Handels wie Landjunker (Lidl) und Meine Metzgerei (Aldi Nord/Aldi Süd) in Discountern vertrieben.
In Deutschland gibt es bisher acht Tönnies-Produktionsstandorte. Am Stammwerk in Rheda sind etwa 7000 Mitarbeiter beschäftigt. Weitere Werke gibt es in Weißenfels in Sachsen-Anhalt und im niedersächsischen Sögel.




