Ganz Deutschland schimpft über die Deutsche Bahn – die Züge sind unpünktlich, sie fallen oft aus, sie sind unberechenbar. Ich fahre gern mit der Bahn und das häufig. Meist im Regionalverkehr, immer wieder auch im Fernverkehr. Am vergangenen Wochenende führte mich mein Weg nach Nürnberg, ein Ausflug mit Freunden stand an. Wir wollten in einem Escape Room in der fränkischen Stadt ein Abenteuer erleben. Doch das eigentliche Abenteuer des Trips lieferte die Deutsche Bahn.
Bei der Bahn wird die Reise zum Abenteuer
Am Samstagmorgen ging es mit dem ICE auf der Strecke zwischen Berlin und München bis Nürnberg – abgesehen von ein paar Minuten Verspätung, die noch akzeptabel waren, problemlos. Wir verbrachten einen ereignisreichen Tag in der Stadt, in die sich ein Ausflug definitiv lohnt. Nette Straßen und Gassen, tolle Geschäfte, dazu die typischen Bratwürste in der ältesten Bratwurstküche der Welt, dem Gasthaus Zum gulden Stern (von 1419!). Besser kann ein Tag nicht laufen – was sollte ihn jetzt noch trüben?
Die Antwort kennt jeder, der schon mal mit der Bahn gefahren ist – denn das Verkehrsunternehmen ist immer für eine Überraschung gut. Um 18.36 Uhr soll sich unser Zug in Richtung Berlin wieder in Bewegung setzen, doch am Bahnhof wird klar: Es könnte länger dauern.
Denn unser Zug soll Verspätung haben, weil „Gegenstände auf der Strecke“ liegen. Im Verlauf des Abends wird daraus eine Streckensperrung werden – und gegen 1 Uhr in der Nacht, als wir noch immer im Zug sitzen (ja!), wird der Buschfunk behaupten, ein defektes Signal sei der Grund für die Extrarunde.

Unser Zug fährt mit etwa 80 Minuten Verspätung ein, gegen 19.50 Uhr sitzen wir drin. In Bewegung setzt er sich noch nicht. Irgendwann geht es los – und mit Zwischenstopps auf der Strecke, dank denen die Verspätung schnell auf 150 Minuten anwächst, schaffen wir es nach einem längeren Halt in Bamberg sogar bis Coburg. Weit gekommen sind wir also nicht, gerade einmal etwas mehr als 100 Kilometer haben wir geschafft, etwa 400 fehlen noch. Doch in Coburg geht dann plötzlich gar nichts mehr.
Mitten in der Nacht sitzen wir am Bahnhof Coburg fest
Um kurz vor 22 Uhr schreibe ich meinen Eltern und schicke ein Foto. Denn wir stecken fest – und keiner weiß, ob und wann wir weiterfahren werden. Die Zugbegleiterin der Deutschen Bahn kann nicht sagen, ob wir jemals ankommen werden, dafür klingt sie bei jeder ihrer Durchsagen ein kleines bisschen anders. Mal hört es sich so an, als musste sie sich das Lachen verkneifen, mal klingt sie so, als würde sie gleich weinen. Die DB-Kundenbetreuer sind einfach genauso aufgeschmissen wie die Fahrgäste.
Als Entschädigung für den ganzen Mist dürfen wir uns im Bordbistro ein kostenloses Wasser abholen. Wir verzichten und machen daraus einen Running Gag: Immer, wenn sich die Zugbegleiterin in den kommenden Stunden meldet und uns ein weiteres Mal mitteilt, dass wir nicht weiterfahren werden, hängen wir hintendran: „… aber Sie können sich gern noch ein kostenloses Wasser abholen.“
Um eine lange Geschichte etwas abzukürzen: Bis nach Mitternacht sitzen wir im Zug am Bahnsteig in Coburg fest, werden dann nach Erfurt kutschiert, von da nach Berlin. Es ist nach 3 Uhr in der Nacht, als wir hier aussteigen. Mehr als sechs Stunden haben wir in der Bahn gesessen – abzüglich der einen Stunde, die wir aufgrund der Umstellung auf die Sommerzeit übersprungen haben. Rund acht Stunden sind vergangen, seit unser Zug in Nürnberg hätte starten sollen. Trotzdem: Auf der Tour habe ich fünf Dinge gelernt, die ich hier gern mal protokollieren möchte. Für Bahn-Fans und alle, die es werden wollen.
Fakt 1: Die Logistik der Deutschen Bahn ist mir ein Rätsel
Ich verstehe nicht, warum die Deutsche Bahn in einer solchen Situation mit so eklatanten Kommunikationslücken aufwartet. Bei einem Unternehmen dieser Größe sollte es eigentlich kein Problem sein, die Fahrgäste über die aktuellen Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten, sollte man meinen. Doch Informationen fehlen.
Auch sonst stellen wir logistische Schwächen fest, die ich nicht kapieren will. Das Bordbistro etwa macht pünktlich Feierabend. Hunderte Fahrgäste sitzen zu Teilen recht unvorbereitet mitten im Nirgendwo fest – und es gibt nicht mal einen heißen Kaffee?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein Fan davon, dass das Personal pünktlich Feierabend macht. Und die Mitarbeiter der Bahn können auch nichts für die Probleme, die ihr Arbeitgeber verzapft. Aber ich gehe mal davon aus, dass im Zug sicherlich auch Fahrgäste saßen, die im beruflichen Kontext unterwegs waren. Über ihren Feierabend konnten sie selbst nicht entscheiden. Das hat die Bahn erledigt.

Und dass die Fahrgäste quasi auf sich allein gestellt sind, finde ich in so einer Situation nicht schön. Wir haben es nicht genutzt, aber uns wurde gesagt: Das Gratis-Wasser wurde in Kisten im Bordbistro abgestellt und war schnell leer. Noch dazu ist Coburg ein dämlicher Bahnhof zum Stranden. Ich war mal im Regen auf dem Bahnsteig spazieren, habe nicht mal einen Snackautomaten gefunden. Wenn Sie also mal mit dem ICE hängen bleiben, machen Sie es nicht in Coburg. Aber Spaß beiseite.
Fakt 2: Das Personal kann nichts dafür und gibt sich Mühe
Das Personal kann nichts für solche Katastrophen. Die Mitarbeiter, die uns begegneten, haben sich alle Mühe gegeben. Ich bin mir sicher, dass sie gern mehr für uns getan hätten. Einer der Zugbegleiter ging am späten Abend mit vorgedruckten Karten durch den Zug. „Wir möchten uns bei Ihnen entschuldigen“, steht darauf. Man soll seine Daten eintragen, die Karte per Post zur Bahn schicken und bekommt dann ein Geschenk als Entschädigung. Bin gespannt, was es ist.

Und ich schätze Menschen, die sich zumindest den Galgenhumor bewahren. Als er die Karten verteilt, verkündet die Anzeige über unseren Köpfen, dass wir erst gegen 3.22 Uhr in Berlin sein werden. Auf unsere Anmerkung, wie viele Stunden das seien, entgegnet der Mitarbeiter der Deutschen Bahn, dass es wegen der Zeitumstellung ja eine Stunde weniger sei und deshalb gar nicht so schlimm. Dann haben wir alle gelacht. Er sagte auch, dass es besser sei, mit dem Zug im Herbst zu stranden, wenn die Uhren auf Winterzeit umgestellt werden, denn da wird die Verspätung quasi eine Stunde kürzer. Meine Freundin sagte daraufhin: „Wer weiß, vielleicht sind wir da ja noch hier.“ Da lachten wir alle noch lauter.
Fakt 3: Die Krise im ICE schweißt uns zusammen
Gemeinsames Lachen ist eine Wohltat in solchen Situationen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen sonst auf Bahnfahrten geht, aber ich finde die Reisen im Zug zu großen Teilen recht anonym. Die Gelegenheiten, bei denen man mit anderen Passagieren ins Gespräch kommt, sind selten. Doch plötzlich regt man sich mit anderen Leuten gemeinsam auf, lacht gemeinsam, geht zusammen auf dem Bahnsteig rauchen und plaudert. Als ich vom Spaziergang zurückkomme, sitzt ein fremder Mann auf meinem Sitzplatz zwischen meinen Freunden, und alle raten gegenseitig, was sie beruflich machen.
Schnell wird die Bahnfahrt zur witzigsten aller Zeiten. Wir fragen uns, welche Fähigkeiten jeder mitbringt, wenn wir hier, auf dem Bahnsteig von Coburg, eine neue Gesellschaft gründen müssen. Wer dann unser Arzt wird und wer die Kinder unterrichtet. Was zukünftig unsere neue Währung wird (Kronkorken? Gummibärchen? Zigaretten?). Und wann der Punkt kommt, an dem für die nun neue Gemeinschaft in unserem Zug das Oberhaupt gewählt wird. Eine Bahnfahrt die ist lustig? Nicht immer, aber man kann das Beste draus machen.
Fakt 4: Es gibt noch Hoffnung für die Menschheit
Denn auch wenn es sonst so anonym zugeht, besteht in solchen Momenten doch noch Hoffnung. Plötzlich rückt man zusammen, plötzlich fühlt man sich als Teil einer Gruppe, die es zuvor noch nie gab. Plötzlich spielen Fremde zusammen Karten, tauschen Zigaretten. Und auch andere Dinge zeigen mir, dass die Probleme, die sonst so gern im öffentlichen Nahverkehr auftreten und über die man sich aufregt, lösbar sind, wenn alle nur etwas mehr aufeinander achten.
Trotz stundenlangem Ausharren bleiben die Toiletten etwa sauber, weil sich jeder in der schwierigen Situation zu benehmen weiß. Ich weiß nicht, ob ich auf einer so langen Bahnfahrt jemals ein so aufgeräumtes Klo gesehen habe. Gut, am Ende riecht es im Abteil ziemlich nach Schweißfüßen, was nach den vielen Stunden nicht verwunderlich ist. Dafür verabschieden sich viele, die in Erfurt oder Halle aussteigen, voneinander – und wünschen uns eine gute Weiterfahrt.

Fakt 5: Bei der Zeitumstellung passiert absolut nix
Und, ach ja: Ich habe versprochen, dass ich von fünf Dingen erzählen will, die ich gelernt habe. Deshalb auch das noch schnell. Für mich war die Zeitumstellung immer ein Mysterium, aber mir ist aufgefallen, dass ich sie noch nicht live miterlebt habe. Klar, normalerweise schläft man um 2 Uhr in der Nacht. Doch dieses Mal mussten wir durch – danke, Deutsche Bahn! Wir haben sogar den Countdown gezählt. Falls sie es also immer schon mal wissen wollten: Wenn die Zeit umgestellt wird, dann passiert … absolut nichts. Die Uhr springt von 1 Uhr, 59 Minuten und 59 Sekunden auf 3 Uhr. Das war’s.




