Wenn über die DDR gesprochen wird, dann sind auch die Autos immer wieder ein Thema. Der Trabi, liebevoll auch als „Rennpappe“ bezeichnet, spielt noch heute eine wichtige Rolle in den Erinnerungen vieler Menschen an längst vergangene Zeiten. Von einer Luxus-Limousine konnten viele Auto-Fans in der DDR hingegen nur träumen. Die gönnte man sich nur im Politbüro: Wirtschaftslenker Günter Mittag fuhr einen Edel-Volvo, der speziell für seine Bedürfnisse umgebaut wurde. Heute steht das Auto im DDR Museum Berlin – wir verraten seine Geheimnisse.
Volvo von Günter Mittag ist ein besonderes DDR-Relikt
Das Auto steht beinahe versteckt in einer Ecke der Dauerausstellung des DDR Museums Berlin – mancher Besucher geht fast etwas achtlos daran vorbei. Vielleicht liegt es daran, dass der Volvo gar nicht richtig in die Welt der DDR zu passen scheint. Denn fuhren nicht alle Trabi, vielleicht Lada oder Wartburg? Nicht alle.
Das Politbüro durfte im Gegensatz zu vielen DDR-Bürgern im Luxus schwelgen. Der Volvo, der hier seit Jahren parkt, gehörte SED-Politiker Günter Mittag. Und er ist heute eines der größten beweglichen Objekte im Fundus des DDR Museum in Berlin.
Schon seit dem Jahr 2010 gehört der Volvo zur riesigen Sammlung des Museums. „Wir kauften ihn von einem Händler aus Leipzig, der sich auf Spezialfahrzeuge spezialisiert hatte“, erklärt Sören Marotz, der Ausstellungsleiter des Museums.
Das Fahrzeug wurde mit einem Transporter angeliefert, mithilfe eines Krans zum Eingang des Museums bugsiert, durch die breiten Tore und eine Rampe zu seinem Parkplatz in der Ausstellung gebracht. „Millimeterarbeit“, sagt Marotz. 1,6 Tonnen wog der Wagen.

Günter Mittag war zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr mit dem Auto gefahren. Der SED-Politiker war zu DDR-Zeiten Sekretär des Zentralkomitees der SED – und für die Lenkung der Planwirtschaft in der DDR zuständig. Dass er ein so luxuriöses Auto fuhr, hatte also eine gewisse Ironie.
Denn: „Er hat in seiner Funktion dazu beigetragen, dass viele Auto-Projekte verhindert wurden“, sagt Eric Strohmeier-Wimmer, der Sammlungsleiter des Museums. „Er ließ sich selbst so luxuriös kutschieren, gönnte es aber der Bevölkerung nicht.“ Schon der Volvo allein wäre vor dem Hintergrund frech gewesen. Doch der Wagen wurde für Mittag speziell umgebaut.
DDR-Politiker Günter Mittag gönnte sich Luxus
Das Auto – ein Volvo (S) 264 TE (Top Executive) – war zur Limousine verlängert – und die Rückbank enthielt ein besonderes Feature. „Einer der Sitze konnte elektrisch vorgefahren werden“, erklärt Sören Marotz. Der Grund: Günter Mittag war Diabetiker, weshalb ihm in den 1980er-Jahren beide Unterschenkel amputiert werden mussten. „Mit dem speziellen Sitz konnte er besser ein- und aussteigen.“
Und auch die Sicht durch das Fenster war damit für den unbeweglichen Wirtschaftslenker besser einstellbar. Das Ministerium für Staatssicherheit höchstselbst kümmerte sich um den Umbau des Wagens des schwedischen Herstellers aus Göteborg.

Für die Macher der Ausstellung ist das Auto ein echtes Highlight – aber auch kein einfaches Objekt. In den ersten Jahren nach der Platzierung im Museum war das Auto noch offen, die Besucher konnten sich hineinsetzen. Doch dieser Teil des Erlebnisses musste im Laufe der Zeit abgeschafft werden.
Das Auto habe sich, sagt Marotz, als nicht so stabil erwiesen. Die Belastung durch die Besucher war zu groß, manch einer versuchte sogar, sich einen Knopf aus dem Armaturenbrett zu brechen und mitzunehmen. „Auch die Polster sind leider nicht so stabil.“ Ironie des Schicksals: Mit dem Trabi hat man, zumindest aus Sicht des Museums, bessere Erfahrungen gemacht.
Volvo von Günter Mittag fuhr mit 100 km/h durch die DDR
Heute dürfen die Besucher immerhin durch das Seitenfenster spähen – und sich vorstellen, wie es sich angefühlt haben muss, mit dem Luxuswagen zu fahren. Und auch in den neuen Bildband „DDR in Objekten“ des Museums hat es das besondere Auto als Highlight der inzwischen 400.000 Exponate starken Sammlung geschafft.
Im Museum ist im Kofferraum des Wagens ein Bildschirm montiert, auf dem ein Film zeigt, wie die Stasi mit Autos wie diesem bei Fahrtrainings das blitzschnelle Wenden übte, um die Mitglieder des Politbüros zügig in Sicherheit bringen zu können. Dabei punktete der Wagen mit Baujahr 1982 übrigens mit 100 Kilometern pro Stunde.

Der Volvo aus der DDR hat noch ein paar Geheimnisse
Insgesamt 355 Exemplare des Autos wurden hergestellt, das ist bekannt. Wie viele solcher Wagen es im Fuhrpark der DDR-Regierung gab, wer noch darin gesessen hat und wie viele heute noch im Umlauf sind, ist nur schwer nachzuvollziehen.
Es gehört zu vielen Geheimnissen des Volvos – wie auch das folgende: Als das DDR Museum Berlin das Auto erwarb und in die Sammlung brachte, wurde der Motor ausgebaut, um das Fahrzeug etwas leichter zu machen. „Er ging an einen Autohändler in Berlin“, sagt Sören Marotz. Vielleicht fährt also irgendwo auch heute noch ein Volvo durch die Gegend – mit dem Motor von Günter Mittag.




