Der 1. Mai ist in Berlin kein Tag wie jeder andere. Kaum eine andere Stadt in Deutschland erlebt so viele Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionen. Seit den 1980er‑Jahren ist der 1. Mai in Berlin allerdings auch mit dem Thema Gewalt verknüpft. Besonders in Kreuzberg.
Größere Auseinandersetzungen gab es zuletzt 2021
In den vergangenen Jahren ist es jedoch ruhiger geworden. Zuletzt kam es 2021 zu größeren Auseinandersetzungen, in deren Folge 354 Menschen festgenommen und 93 Polizisten verletzt wurden. Die Bilanz 2025: 73 Festnahmen und 13 verletzte Beamte.
Die Tage rund um den 1. Mai – inklusive Walpurgisnacht – zählen dennoch zu den heißesten für die Berliner Polizei. Rund 5800 Polizisten waren vor einem Jahr im Einsatz, die Zahl dürfte 2026 kaum geringer ausfallen, auch wenn es längst nicht mehr so hektisch zugeht wie noch vor einigen Jahren.

Benjamin Jendro (37) von der Gewerkschaft der Polizei Berlin erklärt:
„Ein wesentlicher Faktor ist auch, dass die Polizei sich als lernende Organisation entwickelt hat. Wir haben heute eine enorme Einsatzerfahrung, hochprofessionelle Polizeiführer. Gleichzeitig bewegen wir uns auf einem schmalen Grat: Fahren wir die Maßnahmen zu stark runter, entstehen genau die Lücken, die andere gezielt ausnutzen könnten. Deshalb ist der 1. Mai immer eine Wundertüte: Man weiß vorher nie genau, was einen erwartet.“
18‑Uhr‑Demo führt am Görlitzer Park vorbei
Ein besonderer Fokus der Polizei liegt auf der „Revolutionären 1.-Mai“-Demo, die ab 18 Uhr durch Kreuzberg und Neukölln zieht – vorbei am Görlitzer Park. Dort ist inzwischen vieles anders: Wegen Kriminalität und Drogenhandels wird der Park seit März nachts abgeschlossen. Nicht alle finden das gut, Kritiker werfen dem Senat eine gescheiterte Sicherheitspolitik vor.
„Der Görlitzer Park – und besonders der Zaun – ist ein prestigeträchtiges Symbol staatlichen Handelns und damit ein potenzielles Feindbild für bestimmte Szenen“, so Jendro. „Wenn es einen Ort gibt, der als Provokation verstanden werden könnte, dann ist es genau dieser.“
Dass der Görlitzer Park rund um den 1. Mai durchgehend geöffnet sein wird, hält Jendro für die richtige Entscheidung: „Das nimmt viel Drive heraus und entlastet unsere Kollegen, die mit dem Versammlungs-Geschehen ohnehin alle Hände voll zu tun haben werden.“

Die 18-Uhr-Demonstration läuft unter dem Motto: „Freiheit, Frieden, Solidarität“. Jendro: „Der Szene sind in den vergangenen Jahren die klassischen Themen abhandengekommen. Gentrifizierung und Mieten mobilisieren längst nicht mehr wie früher, die Polizei taugt nicht als Feindbild. Deshalb wird versucht, auf möglichst viele aktuelle Themen gleichzeitig aufzuspringen, um neue Mitstreiter zu gewinnen.“
Hat die Pro-Pali-Szene den 1. Mai übernommen?
Jendro fügt an: „Bei der revolutionären 18‑Uhr‑Demo sehen wir inzwischen sehr unterschiedliche Spektren, eine homogene Szene gibt es nicht mehr. Die Pro-Pali-Szene (Gruppen, die sich solidarisch mit den Palästinensern zeigen – d. Red.) hat so ein bisschen den 1. Mai für sich gekapert und übernommen.“




