Hier fühlt sich Berlin nach Erholung und Entspannung an: in Schmöckwitz, dem südöstlichsten Ortsteil der Hauptstadt, umringt von Wasser und Wald. Genau hier, direkt am Ufer nahe der Schmöckwitzer Brücke, steht eine der seltsamsten Bauruinen der Stadt.
Projekt mit sehr exklusiver Lage
Ausgerechnet an einem Ort, der jahrzehntelang für Sommer, Tanz und Sonntagsausflüge stand, herrscht heute kompletter Stillstand. Schmöckwitz gilt bis heute als wasserumrahmter Randort Berlins und klassisches Naherholungsgebiet – die Lage des Projekts an der Wernsdorfer Straße 25 könnte exklusiver kaum sein.
670.000 Euro für 98 Quadratmeter große Wohnung
„Pier Berlin“ heißt das Projekt – und der Name war Kalkül. Geplant waren 58 Eigentumswohnungen, 67 Tiefgaragenstellplätze und rund 40 Bootsliegeplätze für Wasserfahrzeuge bis 17 Meter Länge. Fertigstellung: 2022. Kaufpreis: ab 380.000 Euro.

Ein älteres Exposé nennt für eine 98-Quadratmeter-Wohnung 670.000 Euro – der Tiefgaragenplatz für 76.000 Euro extra, der Außenstellplatz für 37.500 Euro. Echtholzparkett, Seeblick, Yacht vor der Tür: Hier wurde nicht für Normalverdiener gebaut.
Bisher steht dort nur der Rohbau
Nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ zeigen die Unterlagen, wie ambitioniert das Vorhaben war: Aufzüge, barrierefreie Erschließung, hochwertige Ausstattung, dazu ein direkter Zugang ans Wasser. Sogar eine Steganlage und ein Gastronomiebetrieb mit Pavillon und Terrasse tauchen in den Akten auf.
Heute ist von all dem nur Rohbau übrig. Bauzaunreste, überwucherte Flächen, stille Gerippe am Wasser – und ein Schweigen, das fast lauter ist als jeder Presslufthammer. Eine öffentliche Erklärung des Bauherrn gibt es nicht. Vor Ort findet sich kein Bauschild, keine Projektwerbung, nichts.
Bezirksamt weiß nicht, warum nicht weitergebaut wird
Selbst das Bezirksamt Treptow-Köpenick weiß nach eigener Aussage nicht, warum das Grundstück nicht weiterentwickelt wird. Dabei deutet inzwischen vieles darauf hin, dass es hier nicht nur um eine einfache Baupause geht. Eine notarielle Grundlagenurkunde aus dem Jahr 2020 beschreibt das Vorhaben als Verkauf von Wohnungs- und Teileigentum mit Bauverpflichtung.

Nach Unterlagen, die inzwischen bekannt wurden, waren bereits 16 Einheiten verkauft – mit Kaufpreisen von zusammen rund elf Millionen Euro, von denen ein Großteil bereits gezahlt worden sein soll.
Im März 2014 gibt es die Baugenehmigung
Eine Anfrage der Linke-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung brachte zumindest die Chronologie ans Licht: Im März 2014 wurde die Baugenehmigung für acht Stadtvillen erteilt, 2016 folgte eine neue Genehmigung für drei der Häuser. 2019 meldete sich dann ein Sachverständiger beim Bezirksamt – im Rahmen von zwei Zwangsversteigerungsverfahren.
Was aus diesen Verfahren wurde, ist öffentlich nicht dokumentiert. Warum kann der Bezirk also nicht einfach durchgreifen? Weil eine Baugenehmigung das Bauen erlaubt, aber nicht dazu verpflichtet. Und im Fall von „Pier Berlin“ kommt noch eine Besonderheit hinzu: Nach Angaben des Bezirksamts gilt die Genehmigung unbefristet.
Früher steht dort das beliebte Lokal „Zur Palme“
Heißt: Diese Geistervillen dürfen theoretisch ewig so am Ufer stehen bleiben. Parallel zeigt ein Verkehrswertgutachten aus dem April 2024, wie groß die wirtschaftliche Dimension inzwischen ist. Trotz Stillstand wurde der Wert des unfertigen Projekts damals noch auf knapp 28 Millionen Euro beziffert.
Die bittere Pointe liegt allerdings tiefer – in der Geschichte dieses Grundstücks. Wie die „Berliner Zeitung“ schreibt, stand hier seit 1870 das Ausflugslokal „Zur Palme“, auf einem Flecken, auf dem schon vor 600 Jahren eine Dorfschänke Gäste bewirtete. Die Lage machte das Haus berühmt.
„Zur Palme“ erlebt große Zeit in der DDR
Schon historische Ansichtskarten zeigen das Gasthaus als Ziel für Ausflügler, Bootsleute und Sommerfrischler. Zu DDR-Zeiten erlebte die „Palme“ ihre große Zeit. An Sommerabenden tanzten Hunderte Ost-Berliner im Garten direkt am Wasser, der Anlegekai war voll mit Booten, abends flanierte man bei Kerzenschein über die Uferpromenade.
Für Generationen aus Köpenick, Grünau und Umgebung war die „Palme“ der Sonntagsausflug schlechthin. Selbst die lokale Geschichtspflege verweist bis heute auf die besondere Rolle des Ortes im kollektiven Gedächtnis von Schmöckwitz.
Bis heute nur Beton mit Seeblick
Die Wende überlebte das Lokal nicht lange: 1996 war Schluss, 2015 kam der Abriss. Aus dem Ort, an dem sich einst halb Ost-Berlin erholte, sollte ein abgeschlossenes Wohnensemble mit Toranlage werden – beworben ausdrücklich mit Privatsphäre.
Geworden ist daraus weder das eine noch das andere. Kein Ausflugslokal, keine Wohnungen. Nur Beton mit Seeblick. In einer Stadt, in der jede Wohnung zählt, stehen an bester Lage 58 Einheiten seit Jahren im Rohbau. Ein Anwohner brachte es in einem Online-Kommentar auf den Punkt: Das Objekt hätte bei dieser Lage seine Käufer gefunden. Genau das macht diese Gegend so absurd.






