Berlin geht kaputt. Der Pressesprecher der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt erklärt, dass „nur noch 19 Prozent“ der Brücken in der Hauptstadt „in einem sehr guten oder guten Zustand“ sind. Es ist eine besorgniserregende Einschätzung, die Michael Herden hier abgibt. Denn die 19 Prozent sind eine Zahl, die künftiges Verkehrschaos in der Hauptstadt unausweichlich macht. An welchen Brücken demnächst Baufahrzeuge anrücken.
Einige Berliner Brücken schon über 100 Jahre alt
Die Gründe für den strukturellen Verfall sind vielfältig – und vor allem altersbedingt. Viele Bauwerke sind bereits mehr als 60 Jahre alt. „Zudem existiert eine erhebliche Anzahl von Brücken, die ein Alter von über 100 Jahren erreicht haben und deren rechnerische Nutzungsdauer bereits überschritten ist“, sagt Herden dem Berliner KURIER.
Brücken sind für heutigen Straßenverkehr nicht ausgelegt
Dadurch seien bei Kontrollen „zentrale Schadens- und Einflussbereiche“ entdeckt worden. Die würden „maßgeblich die Dauerhaftigkeit, Verkehrssicherheit und Standsicherheit der Bauwerke beeinflussen“, so der Senatspressesprecher.

Der ADAC Berlin-Brandenburg sieht im zunehmenden Straßenverkehr einen weiteren Grund dafür, warum der Zustand der Brücken so schlecht ist. Schließlich seien die beim Bau „für deutlich geringere Verkehrsbelastungen ausgelegt“ worden, sagt Pressesprecherin Claudia Löffler dem KURIER. „Heute sind nicht mehr nur mehr Fahrzeuge unterwegs, auch der Güterverkehr hat stark zugenommen und trägt vielerorts zu einer zusätzlichen Belastung bei.“
300 Brücken müssen in Berlin angegangen werden
„In Berlin sind zahlreiche Brücken marode“, urteilt Löffler daher. Nach Senats-Angaben gibt es in Berlin 913 Brückenstandorte und 1047 Bauwerke, für die das Land verantwortlich ist. Die Gesamtfläche aller Brücken beträgt 383.777 Quadratmeter.

Um die vielen Überquerungen wieder auf Vordermann zu bringen, hat die Verwaltung den sogenannten „Masterplan Brücken 2025 bis 2040“ ins Leben gerufen. Der sieht vor, dass 300 Bauwerke saniert oder komplett neu gebaut werden müssen. Heißt: 20 pro Jahr.
Berlin nimmt 1,84 Milliarden Euro in die Hand
Demnach sollen 175 sanierungsbedürftige Brücken in den kommenden 15 Jahren neu gebaut werden. Weitere 125 warten auf umfangreiche Instandsetzungen. Kosten: rund 1,84 Milliarden Euro.
Zudem existiert eine erhebliche Anzahl von Brücken, die ein Alter von über 100 Jahren erreicht haben und deren rechnerische Nutzungsdauer bereits überschritten ist.
Im Doppelhaushalt 2026/27 sind für die Baumaßnahmen bereits jeweils rund 150 Millionen Euro veranschlagt worden. Das Geld kommt aus dem Landeshaushalt und aus den Förderprogrammen „GRW – Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“, „Sondervermögen – Infrastruktur und Klimaneutralität“ und „Programm Stadt und Land“ des Bundes.
Diese Brücken stehen in den Listen ganz weit oben
Die Politik hat mit dem Masterplan auch eine Priorisierung der Brücken vorgenommen. Wegen der Kriegsvergangenheit und den vielen Bombenabwürfe auf Berlin wird der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bevorzugt behandelt. Die Liste kann sich nach Lage aber noch ändern.
- Röntgenbrücke (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1962
- Caprivibrücke (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1956
- Schlossbrücke (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1929
- Schlossbrücke/Schlossbrückensteg (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1962
- Brücke Lietzensee Durchlass (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1904
- Nördliche Holzbrücke im Ruhwaldpark (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1964
- Brücke Parkhaus ICC - Halenseestraße West (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1976
- Halenseestraßenbrücke - West (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1967
- Halenseestraßenbrücke Ost (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1961
- Kurfürstendammbrücke (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1963
- Charlottenburger Brücke (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1939
- Volksparksteg (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1971
- Brücke über Wiesbadener Straße, Übb 1 - Ost (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1979
- Brücke über Wiesbadener Straße, Übb 2 - West (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1979
- 15 Brücken über den Breitenbachplatz (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1976
- Rampenbrücke Dillenburger Straße (Charlottenburg-Wilmersdorf), Baujahr: 1976
- Schillingbrücke (Friedrichshain-Kreuzberg), Baujahr: 1912
- Eldenaer Brücke (Friedrichshain-Kreuzberg), Baujahr: 1934
- Michaelbrücke (Friedrichshain-Kreuzberg), Baujahr: 1995
- Modersohnbrücke (Friedrichshain-Kreuzberg), Baujahr: 2002
Berlin will Verkehr weitgehend aufrechterhalten
Klar ist: Angesichts der vielen Projekte wird es zwangsläufig zu zahlreichen Behinderungen im Straßenverkehr kommen. Herden betont zwar, dass es das grundsätzliche Ziel sei, während der Bauarbeiten den Verkehr weitgehend aufrechtzuerhalten. Fraglich ist aber, ob das gelingt.
„Nur in den Fällen, wo projektspezifische Randbedingungen, unter anderem fehlender Platz, Bauwerkszustand oder Sicherheitsauflagen, die Aufrechterhaltung nicht ermöglichen, werden Verkehrsbeziehungen unterbrochen und durch Umleitungen beziehungsweise Ersatzverkehre ersetzt“, kündigt er an.
Fraglich, ob Berlin den Masterplan einhalten kann
Dass Berlin einen Masterplan bis ins Jahr 2040 aufgestellt hat, zeigt nach Ansicht von Löffler vom ADAC, „wie groß der Sanierungsbedarf tatsächlich ist und wo in den kommenden Jahren gehandelt werden muss“. Grundsätzlich sei es zwar positiv, dass Sanierungen priorisiert, Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie die Digitalisierung von Prozessen vorangetrieben werden sollen.

Aber: „Papier ist allerdings geduldig. Entscheidend wird sein, dass aus den Plänen jetzt konkrete Maßnahmen werden und die Finanzierung langfristig gesichert ist.“
Das sind die Fehler der Vergangenheit
Wie groß der Bedarf ist, zeigt ein Blick auf die Versäumnisse der Vergangenheit. Laut Herden habe man sich in den zurückliegenden Jahren darauf konzentriert, die vielen Aufgaben bei begrenzten Ressourcen zu priorisieren. „Hierbei wurde sich auf die Bearbeitung des übergeordneten Straßennetzes konzentriert“, sagt der Senats-Pressesprecher.
Wir erleben derzeit keine plötzliche Krise, sondern die Folgen einer grundsätzlichen Infrastrukturpolitik, bei der Erhalt und Modernisierung über viele Jahre nicht ausreichend priorisiert wurden.
Bis 2020 übernahm die Behörde zudem Aufgaben im Auftrag des Bundes. Dazu gehörten umfangreiche Sanierungen an Bundesbrücken sowie große Neubauprojekte im Autobahnnetz.
Krise zeigt deutlich die Fehler der vergangenen Jahre
Für Löffler greift das aber zu kurz. „Wir erleben derzeit keine plötzliche Krise, sondern die Folgen einer grundsätzlichen Infrastrukturpolitik, bei der Erhalt und Modernisierung über viele Jahre nicht ausreichend priorisiert wurden“, sagt sie.

Hinzu komme, dass Planungs- und Genehmigungsprozesse häufig zu langwierig und zu komplex seien. Dadurch würden sich Sanierungen oder Neubauten erheblich verzögern.
Großer wirtschaftlicher Schaden durch kaputte Brücken
Die Folgen dieser verfehlten Infrastrukturpolitik sind weitreichend – und belasten Bürger und Wirtschaft gleichermaßen. Marode Brücken sind in Deutschland längst Alltag.
„Eine ADAC-Modellstudie hat gezeigt, dass die spontane Sperrung wichtiger Brücken je nach Standort volkswirtschaftliche Schäden in dreistelliger Millionenhöhe pro Jahr verursachen kann“, sagt Löffler. Gründe dafür sind längere Fahrtzeiten, Umwege, Staus und Belastungen für Umwelt, Verkehr und Wirtschaft. Berlin will mit einem Mega-Projekt nun gegensteuern.






