Berlin steht vor einem Marode-Brücken-Dilemma: 300 Bauwerke müssen saniert oder ersetzt werden. Mit 1,84 Milliarden Euro investiert der Senat in einen ehrgeizigen Masterplan, um die Verkehrsinfrastruktur für die wachsende Stadt fit zu machen. Leidtragende werden die Autofahrer sein.
Berlin startet Großoffensive für marode Brücken
Der Berliner Senat beschließt ein gewaltiges Infrastrukturprojekt: 175 sanierungsbedürftige Brücken sollen innerhalb von 15 Jahren komplett neu gebaut werden, weitere 125 warten auf umfangreiche Instandsetzungen. 300 Brücken sind es also insgesamt – 20 pro Jahr. All das ist Teil des Masterplans Brücken 2025–2040, der jetzt offiziell verabschiedet wird.
Besonders sichtbar wird der Handlungsdruck in Oberschöneweide: Dort musste im vergangenen Jahr die stark beschädigte Wuhlheide-Brücke abgerissen werden – ein Symbol dafür, wie sehr die Stadt ihre Bauwerke vernachlässigt hat.

Die Dimension des Vorhabens ist enorm. Staatssekretär Andreas Kraus aus der Senatsverwaltung für Verkehr und Umwelt beziffert die Investitionskosten auf rund 1,84 Milliarden Euro. Erste Mittel stehen bereits im Doppelhaushalt 2026/27 bereit. Für die Finanzierung setzt der Senat nicht allein auf Landesgeld – auch EU- und Bundesförderungen sowie private Investoren sollen helfen. Letztere könnten einzelne Projekte sogar vorfinanzieren, um den Ausbau zu beschleunigen. Berlin stellt damit klar: Die Zeit des Flickwerks ist vorbei.
Viele Berliner Brücken stehen kurz vor dem Limit
Momentan ist Berlin für 1047 Brückenbauwerke verantwortlich, die täglich von Autos, Radfahrern, Fußgängern und dem ÖPNV genutzt werden. Doch ein Großteil davon ist alt, teils über ein Jahrhundert. Laut Verkehrsverwaltung befinden sich nur 19 Prozent der Bauwerke in einem guten oder sehr guten Zustand – also nicht einmal ein Fünftel. Der Rest benötigt regelmäßige Erhaltung oder muss komplett ersetzt werden. Die Folgen spüren Berlinerinnen und Berliner bereits heute: Lastbeschränkungen, Sperrungen und Umleitungen gehören vielerorts zum Alltag.

Für Kraus ist klar, dass Berlin nicht länger warten kann. Die Stadt wächst, der Verkehr nimmt zu – und die marode Infrastruktur kommt längst an ihre Grenzen. Brücken, die einst für Pferdefuhrwerke gebaut wurden, sollen heute tonnenschwere Lastwagen tragen. Ein Risiko, das auf Dauer nicht tragbar ist. Deshalb rückt der Senat jetzt entschlossen vor und will die dringlichsten Engstellen zuerst angehen. Denn je länger die Stadt zögert, desto teurer und gefährlicher wird es.
Diese Brücken stehen auf der Liste
Welchen Brücken will der Senat eigentlich genau an den Kragen? Aus der offiziellen Maßnahmen- und Projektliste der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt geht ein Teil hervor: In Pankow stehen gleich mehrere Bauwerke vor Sanierung oder größerem Umbau, darunter die Schönhauser Allee Brücke, die Östliche Bucher-Straßen-Brücke und die Schönfließer Brücke.
Auch in Kreuzberg und Friedrichshain laufen Maßnahmen an bekannten innerstädtischen Verbindungen wie der Admiralbrücke, für die ein Sanierungsprogramm vorgesehen ist, sowie an der stark frequentierten Modersohnbrücke.
Im Westen der Stadt, in Spandau, betreffen die nächsten Eingriffe die Schulenburgbrücke und die Rhenaniastraßenbrücke, die ebenfalls modernisiert oder erneuert werden sollen.
Der Masterplan soll Berlin entlasten
Besonders ambitioniert: Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen deutlich schneller werden. Bislang dauert allein die bürokratische Vorlaufzeit bei Brückenprojekten häufig zehn Jahre oder mehr – erst dann beginnt die eigentliche Bauzeit. Die Stadt will deshalb stärker digitalisieren, Zuständigkeiten bündeln und Nachhaltigkeitsstandards einführen. Ziel ist ein moderner Prozess, der den Rückstau von Sanierungen endlich aufarbeitet.

Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) betont die Bedeutung des Projekts: „Ziel des ‚Masterplans Brücken‘ ist es, die Brückeninfrastruktur der Hauptstadt langfristig zu sichern, zu modernisieren und zukunftsfähig aufzustellen.“ Für sie ist Berlin eine echte „Stadt der Brücken“, die nicht nur Verkehrswege schafft, sondern auch Stadtteile, Menschen und Lebensräume miteinander verbindet. Der Masterplan soll dafür sorgen, dass diese Verbindungen bestehen bleiben – heute und für die kommenden Jahrzehnte.
Autofahrer werden die Bauarbeiten zu spüren bekommen
Doch so wichtig das Vorhaben auch ist, werden sich über die Umsetzung viele Berliner Autofahrer ärgern. Denn wenn eine Brücke abgerissen, saniert oder neu gebaut wird, wird sie natürlich zur Baustelle – die man umfahren muss. Gerade bei Brücken bietet sich nicht unbedingt eine schnelle Alternativroute an. Jede größere Brückenbaustelle in Berlin bedeutet jahrelange Einschränkungen an zentralen Knotenpunkten.



