Union-Kolumne

Steffen Baumgarts Zauberhand – warum jetzt jeder Joker trifft

Zuletzt haben für den 1. FC Union Berlin ausnahmslos Einwechselspieler getroffen. Zwei Treffer dieser Art bleiben dennoch unerreicht.

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Eine von vielen Einwechslungen, die dem 1. FC Union Punkte gebracht haben: Steffen Baumgart bring Stürmer Marin Ljubicic gegen Mainz.
Eine von vielen Einwechslungen, die dem 1. FC Union Punkte gebracht haben: Steffen Baumgart bring Stürmer Marin Ljubicic gegen Mainz.Matthias Koch/imago

Diese Worte von Joachim Löw sind längst legendär. Am Abend des 13. Juli 2014 flüsterte der damalige Bundestrainer Mario Götze zu – besser: Er befahl dem Mittelfeldspieler im WM-Finale gegen Argentinien: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi!“ Das war kurz vor Götzes Einwechslung in Minute 88, als das Spiel der Spiele auf des Messers Schneide stand und niemand seriös sagen konnte, wer im Maracana von Rio den Goldpokal gewinnt.

„Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi!“: Bundestrainer Joachim Löw motiviert WM-Finaltorschütze vor seiner Einwechslung.
„Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi!“: Bundestrainer Joachim Löw motiviert WM-Finaltorschütze vor seiner Einwechslung.Imago/Sven Simon

Götze sollte es richten. Einer, der nach dem Fast-K.o. im Achtelfinale gegen Algerien aus der Startelf geflogen und beim Jahrhundert-7:1 im Halbfinale gegen Brasilien nicht zum Zuge gekommen war. War es Fantasie? Pures Wunschdenken? Grenzenlose Hoffnung? Blanke Verzweiflung? Oder alles zusammen?

Joker treffen beim 1. FC Union wie im Rausch

Der Rest ist Legende und eine Sternstunde des deutschen Fußballs. Weil Götze in Minute 113 mit seinem Tor (ARD-Reporter Tom Bartels: „Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn!“) tatsächlich den Unterschied brachte. Wie an der Seitenlinie zuvor ausgemacht. Man muss das mit Abstand wichtigste Joker-Tor der DFB-Historie nur mal flapsig absprechen.

Stürmer Ilyas Ansah traf gegen Leipzig zwar nicht als Joker, bereitete aber ein Tor beim 3:1-Sieg des 1. FC Union vor.
Stürmer Ilyas Ansah traf gegen Leipzig zwar nicht als Joker, bereitete aber ein Tor beim 3:1-Sieg des 1. FC Union vor.Matthias Koch/imago

Wie schwierig so etwas sein kann, zugleich aber auch wie es flutschen kann, erlebt der 1. FC Union gerade in beiden Extremen. Es ist noch gar nicht so lange her, da schienen in Köpenick erste Alarmglocken zu läuten. Nach den Niederlagen gegen das damalige Schlusslicht Heidenheim (1:2) und in Wolfsburg (1:3) war das Polster auf den Relegationsplatz auf vier Zähler geschrumpft. Zudem war das restliche Programm vor der Winterpause mit dem Heimspiel gegen Leipzig und in Köln durchaus knackig. Dazu besaß der 1. FC Union ein Alleinstellungsmerkmal, auf das man nirgendwo stolz sein darf. Anfang Dezember waren die Eisernen das einzige Team, das im laufenden Spieljahr noch kein Tor durch einen Joker erzielt hatte. 13 Spiele und noch immer gab es in dieser Rubrik einen weißen Fleck.

Union Berlin feiert Mega-Serie

Die Angst des Gegners vor einem Joker-Tor? Nicht doch! Nicht in den Farben des 1. FC Union. Schnell machte es die Runde, dass Steffen Baumgart mit seinen Einwechselspielern nicht gerade ein glückliches Händchen habe. Nur: Kann man so etwas trainieren?

Viereinhalb Spiele später ist das krasse Gegenteil eingetreten. Aus dem unglücklichen Händchen ist eine Zauberhand geworden. Als ob es allein noch Einwechslern vorbehalten sei, in die Kiste des Gegners zu treffen. Tim Skarke setzte beim 3:1 gegen Leipzig in jenem Spiel den Schlusspunkt, zugleich machte er mit seinem Treffer den Anfang für eine unglaubliche Serie an Toren durch Joker: Andras Schäfer beim 1:0 in Köln, Yeong-Woo Jeong und Marin Ljubicic beim 2:2 gegen Mainz, der Kroate gleich noch einmal beim 1:1 in Augsburg und der Südkoreaner beim 1:1 am Sonntag in Stuttgart. So lässt sich der 60. Gründungstag des 1. FC Union ausgelassen feiern. Das Beste daran: Außer bei Skarke brachten alle diese Tore auch Punkte.

Steffen Baumgarts Plan geht beim 1. FC Union auf

Dabei geht fast unter, dass die Vorarbeit zu den Joker-Toren zumeist von Spielern kam, die gleichfalls noch nicht lange auf dem Platz waren. Bei Skarke und beim Augsburg-Treffer von Ljubicic war es Andrej Ilic, bei Jeong zuletzt Stanley Nsoki. Für Steffen Baumgart ist das ein Zeichen dafür, dass es im Team stimmt. „Das sind alles Jungs, die um ihre Form kämpfen. Das zeigt aber, dass sie da sind, dass sie klar sind“, sagt der Trainer.

Welches dieser Tore am Ende am wichtigsten sein könnte, wird sich zeigen. An die von mir gleich doppelt vergebene Nummer 1 eiserner Joker-Tore (die Wahl dazu wäre doch was zum 70. Gründungsjubiläum in zehn Jahren) reichen sie bei weitem nicht heran. In der Bundesliga ist es das von Janik Haberer, nachdem Kevin Volland gegen Freiburg mit einem Elfmeter gescheitert war, Haberers Nachschuss am 18. Mai 2024 in letzter Minute dennoch das 2:1 und den Klassenerhalt bedeutete. Ähnliches passierte 36 Jahre zuvor beim immer wieder epischen 3:2 in Karl-Marx-Stadt. Frank Placzek legte für Michael Weinrich auf, dessen 2:2 die Voraussetzung für eine eiserne Sternstunde schuf. Was dabei bereits auffiel: Auch Placzek und Volland waren Joker.

Das dazu, die Köpenicker könnten keine Tore dieser Art. Nur manchmal nicht. Ab und an gelingt ihnen damit dafür ein Spektakel. Andreas Baingo