Er starb vor 3 Jahren

Heinz Florian Oertel: Unvergessene Momente des DDR-Sportreporters

Der KURIER blickt auf besondere Ereignisse seines Lebens zurück. Seinen ersten Einsatz vor dem Mikrofon hatte Oertel 1948 bei einem Boxkampf.

Author - Sebastian Krause
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Heute vor drei Jahren ist die DDR-Sportreporter-Legende Heinz Florian Oertel im Alter von 95 Jahren gestorben.
Heute vor drei Jahren ist die DDR-Sportreporter-Legende Heinz Florian Oertel im Alter von 95 Jahren gestorben.Stephanie Pilick/dpa/Archivbild

Er ist und bleibt unvergessen. Heinz Florian Oertel ist die Sportreporter-Legende schlechthin der DDR. Wie kaum ein Zweiter zog der gebürtige Cottbuser Millionen Menschen mit seinen Schilderungen, Emotionen und Reportagen in den Bann.

Heute vor drei Jahren stirbt Heinz Florian Oertel

Oertel lebte schon als kleiner Junge für den Sport. Später war er bei unzähligen Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen dabei und berichtete für Hörfunk und Fernsehen für Millionen Fans der DDR-Sportler. Heute vor drei Jahren ist Heinz Florian Oertel im Alter von 95 Jahren in Berlin gestorben.

Boxabend 1947 ist erster Reporter-Einsatz

In seinem Buch „30 Jahre wie ein Sprint“ aus dem Sportverlag Berlin von 1985 blickt die Legende auf ein bewegtes Leben zurück. Dabei lässt Oertel nicht nur seine vielen sportlichen Erlebnisse Revue passieren, sondern gewährt auch tiefe Einblicke und offenbart das eine oder andere Kuriosum.

Speziell waren etwa seine Anfänge. Zum ersten Mal vor einem Mikrofon saß der junge Heinz Florian 1948 im Gewerkschaftshaus bei der Cottbuser Nachkriegs-Boxpremiere. „Georg Snoppek, der die Ost-Staffel 1947 gegründet hatte und seitdem trainierte, setzte mich als ‚Sprecher am Ring‘ ein“, schildert Oertel jenen Augenblick, der sein Leben verändern sollte. Snoppek war überzeugt, dass der „gewollte Reporter“ doch mal zeigen sollte, was er so kann.

Heinz Florian Oertel ist auf einem Friedhof in Berlin Pankow beigesetzt worden.
Heinz Florian Oertel ist auf einem Friedhof in Berlin Pankow beigesetzt worden.Jürgen Ritter/imago

Erste Reportage beim Frauen-Feldhandball

An dem Abend traten Kämpfer aus Guben, Großräschen und Finsterwalde gegen die Cottbusser Lokalmatadore an. Das war aber zweitrangig. Denn: „Fest steht nur, und das allein ist wichtig, das Erlebnis, über ein Mikrofon, über Saallautsprecher zu den Gästen eine Brücke zu schlagen, erschien mir erregend – einmalig“, so Oertel in seinem Buch.

Seine Premierenreportage folgte nur wenig später. Beim Rundfunkstudio Cottbus, das zum Landessender Potsdam gehörte, hatte Oertel offenbar „einen halbwegs ansprechenden Eindruck hinterlassen“, sodass sie ihn 1949 zum Endspiel um die Brandenburgische Landesmeisterschaft im Frauen-Feldhandball zwischen Spremberg und Luckenwalde schickten.

Mensch, mit dieser verkorksten Stimme, mit diesem Piepsen ist doch nichts drin, das können ja heitere sieben Minuten voller Hoffnung auf ein weiteres, Spielerinnen und Zuschauer belebendes Tor werden.

Heinz Florian Oertel, DDR-Sportreporterlegende

Fußball und Kommerz schon damals zuwider

Zu dem Spiel kamen etwa 200 bis 300 Zuschauer. Und es tat sich nichts, nahezu nichts. In der dritten Minute folgte das 1:0 für Luckenwalde, dabei blieb es bis zum Schluss. Oertel sollte die letzten sieben Minuten kommentieren. Doch als er anfing, spürte er „einen gewaltigen Kloß im Hals“. „Mensch, mit dieser verkorksten Stimme, mit diesem Piepsen ist doch nichts drin, das können ja heitere sieben Minuten voller Hoffnung auf ein weiteres, Spielerinnen und Zuschauer belebendes Tor werden“, beschreibt Oertel seine Gedanken. Am Ende wurden drei Minuten gesendet. „Was für ein Gefühl!“

Fußball und Kommerz – das war Oertel schon damals zuwider. Bei seinen ersten Olympischen Spielen 1952 in Helsinki hatte er passend dazu ein einschneidendes Erlebnis.  Am Rande eines Spiels der Brasilianer ertönte es ständig: „Maltao, Maltao, Matao“. Hinzu kam ein marktschreierisches „Filloberto, Filloberto, Filloberto“.

Propeller-Schock auf dem Rückflug von Melbourne

Nun fragten sich Oertel und sein österreichischer Kollege Heribert Meisel, wer diese beiden Spieler sind, von denen immer gesprochen wird. „Dann wurde recherchiert. Herauskam, daß es sich bei Maltao um eine Kakaosorte, bei Filloberto um ein Rasierwasser handelte. Die Nr. 1 des Reportergespanns entpuppte sich als Reklamefanfare“, erklärt Oertel. Mit dem, was in den Jahrzehnten danach noch passieren sollte, sei das nur ein „verspäteter Scherz“ gewesen.

Nichts zu lachen hatte Oertel hingegen auf seinem Rückflug von den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne. „Mit einem Ruck saß ich stocksteif. Was erblickten meine erschrockenen Augen? Dort, tatsächlich, der äußere Motor stand still. Mucksmäuschenstill. Die Propellerblätter machten Pause.“

Reporter Heinz Florian Oertel interviewt beim Sachsenmeeting 1995 400-Meter-Läufer Thomas Schönlebe.
Reporter Heinz Florian Oertel interviewt beim Sachsenmeeting 1995 400-Meter-Läufer Thomas Schönlebe.Harry Härtel/imago

Flugzeug stürzt Jahre später über dem Pazifik doch ab

Die Katastrophe blieb aber – glücklicherweise – aus. Die Maschine, eine DC 7, landete sicher in Kalkutta. „Für die einwandfreie Landung hätte ich der Crew glatt eine 6,0 als Haltungsnote bewilligt“, so die DDR-Legende mit einem Augenzwinkern. 

Stunden später war der Schreck überwunden, doch die Geschichte hatte noch ein Nachspiel. Jahre später stürzte eine DC 7 der KLM, der niederländischen Luftfahrtgesellschaft, bei einem Sturm über dem Pazifik ab. „Es war dieselbe Maschine, die uns im Dezember 1956 nach Europa zurückgetragen hatte und der vor Kalkutta an einem Motor die Puste ausgegangen war“, erzählt Oertel.

Erdbeben in Tokio 1964 erschüttert Oertel

Ein nicht ganz so dramatisches Ereignis erlebte der rasende Reporter aus der DDR bei den Spielen 1964 in Tokio. Vor der Reise hatte er schon viel über die Naturgewalten vor Ort gelesen und gehört. Doch es live mitzuerleben, war doch etwas anderes.

„Um Himmels willen! Was geschieht? Alles wackelt, der Tisch klappert, die Stühle stürzen, das Bett schwankt hin und her! Was ist los...?“ schildert Oertel. Ein Erdbeben. Was sich für die Gäste wie eine Katastrophe anfühlte, war für die Einheimischen offensichtlich ganz normal.

Die Leichtathletik war eine der Lieblingssportarten von Reporter Heinz Florian Oertel. Hier berichtet er vom ISTAF 1992 aus dem Berliner Olympiastadion.
Die Leichtathletik war eine der Lieblingssportarten von Reporter Heinz Florian Oertel. Hier berichtet er vom ISTAF 1992 aus dem Berliner Olympiastadion.Kai Bienert/imago

Oertel lebt bis zum Schluss seinen Traum

„Das ist nix, gar nix, nix schlimm, kann jeden Tag sein, ist normal, ganz normal, keine Angst, warum?, schilderte seine Gastgeberin nachsichtig und sanft, als Oertel nachfragte, ob das wiederkäme.

Diese und viele weitere Eindrücke und Erlebnisse sind es, die die Reportertätigkeit von Heinz Florian Oertel so besonders machen. Mehr als drei Jahrzehnte lang war er das Aushängeschild der DDR-Sportberichterstattung. Als kleiner Junge in Cottbus aufgewachsen, lebte er bis zum Schluss seinen Traum. „Mehr Glück kann man also nicht haben.“

Was verbindet Sie mit Heinz Florian Oertel? Haben Sie eine besondere Geschichte? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com