Als im Jahr 1955 das Fahrerfeld auf die siebte Etappe der Internationalen Friedensfahrt 1955 geschickt wurde, ahnten die Zuschauer am Straßenrand noch nicht, dass es ein historischer Tag werden sollte. Und ein großer Tag für Täve Schur. Eine Legende wird geboren.
Radfahrer sind auf „bockigen Maschinen“ unterwegs
„Die 203 km von Karl-Marx-Stadt nach Leipzig erwiesen sich als mächtiger Brocken, doch etwa drei Millionen (!) Zuschauer feuerten die Männer auf den bockigen Maschinen unentwegt an. Dieser Tagesabschnitt wuchs zu einem Jubelzug sondergleichen“, beschrieb DDR-Reporterlegende Heinz Florian Oertel jenen 12. Mai in seinem Buch „30 Jahre wie ein Sprint“.
Täve Schur gewinnt seine erste Friedensfahrt-Etappe
Am Ende der Strapazen kam es zum Showdown. Und zu der Frage, ob vielleicht sogar Detlef Zabel (Vater von Erik Zabel, Anm. d. Red.) oder Gustav Adolf Täve Schur die Etappe gewinnen können?
Aus dem DDR-Duell wurde aber nichts. Der Belgier Joseph Verhelst und Schur bogen als Erste ins Stadion ein. „Täve beugt sich über den Lenker, umkrallt ihn, er tritt wie ein Teufel in die Pedalen, er gewinnt gegen Verhelst, der wie ein flandrischer Löwe kämpft, Zentimeter um Zentimeter ... Jetzt die Zielgerade! Täve schafft es, Täve schafft es! Er gewinnt, er gewinnt“, fasste Oertel, der am 27. März 2023 verstarb, die Szenen auf den letzten Metern der Etappe in seinem Buch zusammen.

Begeisterung für die Friedensfahrt wächst mit den Jahren
Nach dem Etappensieg von Täve kannte die Begeisterung in der DDR für die Friedensfahrt keine Grenzen mehr. Schur gewann auch die 12. Etappe und sicherte sich als erster Deutscher den Gesamtsieg 1955. Der Jubel bei den Ostdeutschen war riesig.
Der Magdeburger löste mit seinen Erfolgen eine regelrechte Euphorie aus, die weit über den Sport hinausging. In den fünfziger Jahren regte dieses „rollende internationale Straßenfest“, wie es Oertel nannte, sogar Autoren und Komponisten an, ein Musical zu schreiben. „Jedes Jahr im Mai“ ging über die Bretter des Berliner Metropol-Theaters.
Wir dürfen uns glücklich schätzen, über ganze Staffeln erstklassiger Friedensfahrer berichten zu können, die uns durch drei Jahrzehnte führten.
Täve überzeugt mit Leistung und Auftreten
Zur Popularität der Friedensfahrt und Täve trugen auch die Medien bei, die mit ihren Übertragungen und Berichterstattungen ein Millionenpublikum erreichten. Am Beispiel der Friedensfahrt wurde deutlich, „wie sehr Rundfunk und Fernsehen ein Ereignis mittragen und mitbestimmen können“, erklärte Oertel.
Das lag nicht zuletzt an Täve, der 1959 erneut die Rundfahrt gewann. In den Augen vieler Beobachter überzeugte er nicht nur durch seine „außergewöhnlichen Leistungen“, sondern auch durch sein „sympathisch-bescheidenes Auftreten“. Der Name Täve stand für „Können und Zuverlässigkeit, für Achtung und Haltung über Generationen hinweg“, schrieb die DDR-Reporterlegende.
Friedensfahrt soll auch an Nazi-Verbrechen erinnern
Nach dem Karriereende von Schur 1961 lebte die Begeisterung für die Friedensfahrt weiter. Das lag nicht zuletzt an den vielen ostdeutschen Erfolgen von Erich Hagen, Klaus Ampler, Axel Peschel, Olaf Ludwig oder Uwe Ampler. „Wir dürfen uns glücklich schätzen, über ganze Staffeln erstklassiger Friedensfahrer berichten zu können, die uns durch drei Jahrzehnte führten“, so Oertel mit patriotischem Stolz.
Denn für jene Fahrer und Berichterstatter war die Rundfahrt mehr als nur ein Radrennen im Mai. Es war auch ein ständiges Erinnern an die dunkle Nazi-Zeit. „Wir alle müssen alles tun, um die schmerzhaften Wunden zu heilen. Wir müssen jedoch vor allem alles unternehmen, um unseren Kindern, Enkeln, Urenkeln, der ganzen Welt ein neues Inferno zu ersparen“, beschrieb Oertel den Wert der Friedensfahrt.

2006 wird die letzte Friedensfahrt ausgetragen
Noch jahrzehntelang fuhr die Rundfahrt im Auftrag des Friedens weiter, auch wenn ihre Bedeutung wegen der Tour de France immer geringer wurde. 2006 fand die letzte Austragung statt, seitdem gab es keine Friedensfahrt mehr.
Erfolgreichster Teilnehmer ist Steffen Wesemann aus Wolmirstedt bei Magdeburg, der die Friedensfahrt zwischen 1992 und 2003 fünf Mal gewann. Je vier Erfolge gehen auf das Konto von Uwe Ampler und von dem Polen Ryszard Szurkowski.




