Die Reste der Lust stehen unscheinbar in der Ecke, doch für Andreas Weidhaas (65) bedeuten sie das Ende eines Lebenskapitels als umtriebiger Geschäftsmann. Zwischen weichen Schaffellen und dicken Fellmützen liegen die letzten Überbleibsel seines Erotikshops: ein paar Dildos, eine aufblasbare Sexpuppe, Handschellen, Strumpfhosen.
Ausverkauf im Sexshop: Jedes Teil für einen Euro
Alles wirkt ein wenig verloren, als wüssten die Dinge selbst, dass ihre Zeit abgelaufen ist. „Jedes Teil ein Euro“, sagt er und hebt einen Vibrator hoch, der schon bessere Tage gesehen hat. „Ich will, dass sie noch jemanden glücklich machen.“ Es klingt nicht nach Geschäft, sondern nach Abschied. 35 Jahre betrieb er in Thüringen den ältesten Erotikshop im Osten Deutschlands.

Mit einem tiefen Atemzug steigt er die enge Wendeltreppe hinauf, die zu seinem alten Laden führt. Die Stufen knarzen, als wollten sie ihn festhalten. Oben, direkt unter dem Dach, liegt der Raum, der ihn 35 Jahre lang begleitet hat. Ein Raum, der einmal voller Kichern, Flüstern, Mutproben und heimlicher Wünsche war. Heute ist er still, fast ehrfürchtig. „Es kam ja schon lange keiner mehr“, sagt er und lächelt schief. „In meinem Laden herrschte … na ja … absolut kein Verkehr mehr.“ Er sagt es mit Humor, aber man spürt, dass es ihm nahegeht.
Wo früher verlockende rote Spitzen-Dessous hingen, liegen heute naturweiße Schaffelle. Wo Vibratoren in Reih und Glied standen, stapeln sich Fellmützen. „Die Fellhandlung läuft“, sagt er. „Die Leute wollen warm bleiben. Lust – offenbar weniger.“ Den letzten Rest seines Erotiksortiments hat er hinter zwei weißen Laken versteckt. „Ich will ja niemanden verschrecken, der eigentlich nur ein Fell kaufen will“, grinst er. „Aber wer neugierig ist, für den lüfte ich den Schleier.“
Und dann zeigt er, was übrig blieb: Dildos in grellen Farben, Handschellen, Strumpfhosen, eine Sexpuppe, die schon etwas schlaff wirkt. „Alles für einen Euro. Wer ein Fell kauft, kann gleich noch was Aufregendes mitnehmen.“

Am 15. Dezember 2025 meldete er seinen Erotikshop offiziell ab. „Zehn Euro Verwaltungsgebühr“, sagt er. „Als ich am 1. Juli 1990 anfing, waren es 15 Ostmark – plus zwei Mark Auslagen.“ Er lacht. „Damals war das ein Abenteuer.“ Und wie es eines war. „Die Leute waren neugierig, offen, mutig“, erinnert er sich. „Die Scham fiel einfach weg. Ich war nicht nur Verkäufer, ich war Berater. Und klar – meine damalige Frau und ich haben vieles selbst ausprobiert. Man muss ja wissen, wovon man spricht.“
Im Sexshop hat Andreas Weidhaas viele Geschichten erlebt
Wenn Andreas Weidhaas erzählt, leuchten seine Augen. Er hat so viele Anekdoten erlebt, dass man daraus ein Buch machen könnte. Wie er mit seinem Wartburg beim Erotik-Großhandel in Wiesbaden-Schierstein vorfuhr. „Ich parkte zwischen Porsche und Ferrari – ein Bild für die Götter.“ Da war die Kundin, die Dessous für 70 Euro kaufte – und wollte, dass er sie zu ihr nach Hause bringt. „Ich saß im Wohnzimmer, sie verschwand im Schlafzimmer und kam dann in jedem Teil einzeln raus. Wie ein Model.“

Er schüttelt den Kopf. „Ich konnte das gar nicht genießen. Ich dachte nur: Hoffentlich steht jetzt nicht ihr Mann vor der Tür.“ Oder die beiden Brüder, die immer einzeln einkauften. „Einmal trafen sie sich zufällig bei mir im Laden. Beide wurden kreidebleich – und keiner kaufte mehr etwas.“ Oder der junge Mann, der ihm vorwarf: „Deine Kondome taugen nichts!“ Und dabei auf seine schwangere Frau zeigte. Weidhaas lacht. „Heute sind die beiden Großeltern – und glücklich. Also so schlecht waren die Kondome wohl nicht.“
Sexshop in Oettersdorf wurde auch zur Therapiepraxis
Mit den Jahren wurde er ruhiger, gelassener, verständnisvoller. „Ich habe so viele geheime Wünsche gehört, so viele Sorgen. Manche Leute haben mir Dinge erzählt, die sie niemandem sonst anvertraut hätten.“ Er wurde zum Zuhörer, zum Ratgeber – fast schon zum Dorftherapeuten. „Eine Frau Anfang 40 hat mir mal unter Tränen erzählt, dass zu Hause fast nichts mehr läuft. Kinder, Job, Hausbau – sie war völlig am Limit.“ Er seufzt. „Da merkt man, wie viel Not hinter verschlossenen Türen steckt.“ Manchmal, sagt er, sei sein Laden weniger ein Geschäft gewesen als ein sicherer Ort. „Die Leute wussten: Bei mir wird nicht ausgelacht. Bei mir wird geholfen.“

Oettersdorf, 800 Einwohner, ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Und doch wussten viele nicht, wer alles bei Weidhaas einkaufte. „Ich habe nie geplaudert“, sagt er. „Diskretion war das Wichtigste.“ Manchmal beobachtete er, wie Kunden erst dreimal ums Haus schlichen, bevor sie sich hineintrauten. „Andere kamen mit Sonnenbrille. Oder spät abends. Oder sagten: ‚Wenn mich jemand fragt, ich war nur wegen der Felle da.‘“ Er lacht. „Ich habe alles gesehen. Und alles verstanden.“
Sexshop-Betreiber verkauft jetzt Felle statt Dildos
Jetzt, wo der Erotikshop Geschichte ist, bleibt ihm die Fellhandlung, die er seit 1981 betreibt. Und die Vorfreude auf die Rente. Am 1. April 2027 ist es so weit. „Dann bin ich offiziell Rentner“, sagt er. „Ich werde viel in Schweden sein. Ich habe dort ein kleines Häuschen auf dem Land.“ Dann blitzt sein Humor auf: „Passt ja irgendwie. Schweden war 1971 nach Dänemark das zweite Land, das Pornos legalisiert hat.“ Er zwinkert. „Da fühle ich mich doch gleich wie zu Hause.“
Was bleibt, ist ein Mann, der 35 Jahre lang ein Tabu im Dorf gebrochen hat – mit Herz, Humor und Mut. Ein Dachboden voller Geschichten, die man nicht im Kirchenchor erzählt. Und ein Regal mit den letzten Resten eines Lebenskapitels – alles für einen Euro.




