Wal Timmy

Rocker-Klartext zum Wal-Drama: „Santianos“ Message gefällt nicht allen

Der Wal ist eine Projektionsfläche für tiefe menschliche Schuld gegenüber der Tierwelt. Längst geht es den Rettern nur noch um sich selber.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Ein Rettungsteam versucht Wal Timmy zu helfen, teilweise wird mit Wasser besprüht und nasse Tücher bedecken seinen Rücken. Über den Sinn der Aktion kann man streiten.
Ein Rettungsteam versucht Wal Timmy zu helfen, teilweise wird mit Wasser besprüht und nasse Tücher bedecken seinen Rücken. Über den Sinn der Aktion kann man streiten.Imago

Ja haben wir denn alle das rechte Maß verloren?  Vor der Insel Poel findet öffentlich ein Hauen und Stechen statt, die Retter, die Wal Timmy um jeden Preis in die Nordsee bugsieren wollen, sind sich nicht grün. In den Kommentaspalten der sozialen Medien tobt ein Glaubenskrieg. Mitten im Sturm melden sich mahnend die Seemanns-Roker von Santiano zu Wort. Ihr auf Facebook veröffentlichtes Statement gefällt nicht allen. 

Santiano mit Wellermann-Hit und als Botschafter der Ozeane

„In den letzten Tagen mehren sich die Aufforderungen an uns, zum Buckelwal in der Ostsee doch bitte eine Stimme abzugeben. Auch in unserer Funktion als Botschafter des deutschen Komitees der UN- Ozeandekade“, schreiben die Rocker. „Das machen wir jetzt und es wird nicht jedem gefallen.“

Ehrenamtlichee Botschafter der Seenotretter sind die Band Santiano (l-r): Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen, Björn Both, Peter David „Pete“ Sage und Axel Stosberg.
Ehrenamtlichee Botschafter der Seenotretter sind die Band Santiano (l-r): Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen, Björn Both, Peter David „Pete“ Sage und Axel Stosberg.DGzRS

Der Wal biete offensichtlich eine Projektionsfläche, für „unsere tiefe Schuld, in der wir Menschen gegenüber der Tierwelt seit Langem stecken.“ So ließen sich auch die  hochgekochten Gemüter erklären.

Es könne aber nicht sein, dass sich hieraus zum wiederholten Mal eine gesellschaftliche „Debatte“ entwickelt, die weit über die Diskussion zum Tierschutz und das Finden einer guten Lösung hinausgehe, so Santiano.

Wissenschaft und Expertise wird angezweifelt

„Hier wird wieder die Wissenschaft und entsprechende Expertise infrage gestellt. Von Leuten, die, wie es die neue Unart ist, immer schon alles besser wussten und in Wort und Tat den inneren Frieden dieses Landes aufs Spiel setzen, Spaltung vorantreiben, das Vertrauen in Wissenschaft und demokratische Institutionen zerstören und damit weit über das eigentliche Problem hinausgehen.“

Die Band beunruhige es sehr, dass solche Dinge nicht mehr sachlich und fachlich diskutiert werden können, sonders dass„ jeder dahergelaufene Trouble-Junkie seine Chance auf der große Bühne der Arroganz, der Eitelkeit und des Pseudorevolutionären nutzt, um sich in den Mittelpunkt einer aberwitzigen Diskussion zu stellen.“

 Der bei Wismar vor drei Wochen gestrandete Buckelwal liegt weiterhin auf einer Sandbank fest. Eine privaten Initiative versucht seit Tagen den Wal zu retten.
Der bei Wismar vor drei Wochen gestrandete Buckelwal liegt weiterhin auf einer Sandbank fest. Eine privaten Initiative versucht seit Tagen den Wal zu retten.dpa

Politik getrieben von den Empörten

Die Politik nimmt Santiano in dem Drama als überfordert wahr.  Und wir merken nicht einmal mehr, dass der Wal stellvertretend für „ein Problem steht, welches so viel größer ist“.

Wirklich zu der Situation des Wals könnten Experten von diversen Meeres - und Tierschutz-Organisationen sagen, unter anderem Sea Shepherd Deutschland, deren Expertise Santiano vertraut.

„Das Tier ist so geschwächt und gestresst, dass es, wenn es überhaupt gelingt, es „frei“ zu bekommen, nur ein Frage von wenigen Stunden sein wird, bis es in der nächsten Untiefe hängen bleibt. Selbst wenn es die Nordsee erreicht - glauben wir dann wirklich einen Wal gerettet zu haben? Nein. Wir bekommen nur sein elendes Verrecken nicht mehr mit.“

Gestörtes Verhältnis zwischen Mensch und Tier

Während all der Bemühungen gehe es schon lange nicht mehr um den Wal. „Es geht um uns Menschen und wie wir in der Welt stehen. An wie vielen Tiertransporten fahren wir täglich vorbei?

Wieviel Steaks, Schnitzel und Würste werden demnächst wieder in den Gärten auf dem Grills der deutschen Männerkochkunst verbrannt? Wieviel Fischbrötchen knallt sich wer in diesem Sommer beim Spaziergang um den Hafen bedenkenlos in die Figur? Da fängt Tierschutz an! “

„Wir suchen uns im Regal der Unerträglichkeiten nur noch das raus, was gut in unser Empörungseinerlei hineinpasst. Das, liebe Freunde, ist für uns das wahrhaft Unerträgliche an dieser „Debatte“!

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