Doppelmoral

Rettungsaktion für Wal Timmy: Ein Spiegel der Doppelmoral

Der gestrandete Wal Timmy vor Poel steht symbolisch für die Doppelmoral unserer Gesellschaft: Während wir ihm alles geben, blenden wir das Leiden unzähliger anderer Tiere aus.

Author - Stefanie Hildebrandt
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 Der Buckelwal liegt am Morgen vor der Insel Poel. Für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal soll der neue Rettungsversuch heute beginnen.
Der Buckelwal liegt am Morgen vor der Insel Poel. Für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal soll der neue Rettungsversuch heute beginnen.dpa

Ganz Deutschland hofft und bangt mit dem gestrandeten Wal vor der Insel Poel. Jetzt läuft ein erneuter Rettungsversuch an. An dem Wal Timmy, oder Hope wie ihn seine Fans nennen, zeigt sich wie zwiespältig wir Menschen agieren, wie Doppelmoral unser Handeln bestimmt.

Empathie mit dem Tier

Die tiefen Töne, die das Tier ausstoßt dringen mitten ins Herz. Doch wie geht das zusammen, dass wir dieses eine Tier mit so viel Geld und  menschenmöglichem Einsatz retten wollen, und all die anderen geschundenen Tiere weiter konsequent ausblenden?

Empathie beginnt mit Sichtbarkeit, doch im Alltag verschließen wir unsere Augen vor Tierleid aller Art. So lange, bis es laut stöhnend und Fontänen in die Luft blasend sterbend an einem Urlaubsstrand liegt.

Massantierhaltung an der Tagesordnung

Hinter verschlossenen Stalltüren muhen jeden Tag Kälber und Kühe dicht an dicht.  Massentierhaltung bei Kühen in Deutschland bedeutet Intensivhaltung, Hochleistungszucht, eine Weide sehen diese Kühe nie.

Totgetrampelte Hühner ohne Federn werden regelmäßig aus den Ställen gezogen. Männliche Küken, die seit 2022 in Deutschland nicht mehr getötet werden dürfen, fährt man in Nachbarländer wie die  Niederlande, Polen, Tschechien, Österreich transportiert, wo das weiter erlaubt ist.

Schaulustige und Demonstranten haben sich für einen neuen Rettungsversuch für Timmy stark gemacht.
Schaulustige und Demonstranten haben sich für einen neuen Rettungsversuch für Timmy stark gemacht.Bernd Wüstneck

Rund 99 Prozent der Schweine leben in Deutschland in konventioneller Haltung. Je nach Gewicht steht sogenannten Mastschweinen jeweils maximal 1,0 Quadratmeter Platz zur Verfügung. Schweine sind intelligent, verspielt, lieben es zu buddeln. Wenn sie nicht unsichtbar in riesigen Ställen gehalten werden.

Auch im Meer spielt sich jeden Tag ein Drama ab. Die Mittelmeerküste hat sich in einen Thunfisch-Mastbetrieb verwandelt. Dort werden die Fische in Käfigen gemästet. Industrielle Fangschiffe mit Ringwandnetzen und Schleppbooten durchkämmen das gesamte Gebiet auf der Suche nach immer mehr Thunfisch für Sushi und Pizza.

Geisternetze für Thunfisch

Sie hinterlassen Geisternetze, herrenlose Fischernetze, die an Unterwasserhindernissen hängen bleiben, die bei hohem Seegang verloren werden oder von Fischern absichtlich im Meer entsorgt werden.

Über eine Million Tonnen Plastik gelangt durch Fischerei jedes Jahr in unsere Ozeane. Die aus Kunststoff hergestellten Netze brauchen bis zu 600 Jahren, bis sie im Meer abgebaut werden. Auch dem gestrandeten Wal, der jetzt abgeschleppt werden soll,  wurden Leinen und Netze zum Verhängnis. Menschengemachtes Leid und menschliches Mitleid, sie liegen nah beieinander.

Was jeder für Timmy und andere Tiere tun kann

Die Sichtbarkeit von Tierleid im Alltag zu erhöhen, würde bedeuten, die oft unsichtbaren oder bewusst ausgeblendeten Folgen unseres Konsums, unserer Ernährung und unserer Freizeitentscheidungen wieder ins Bewusstsein zu holen. Das funktioniert aber nur, wenn Informationen nicht nur verfügbar, sondern unübersehbar werden, so wie Timmy jetzt. 

Wir Verbraucher können die Missstände in der Massentierhaltung nicht allein ändern – aber die Wal-Fans haben mehr Einfluss, als viele denken.  Entscheidend ist, das eigene Verhalten zu hinterfragen.Wer weniger tierische Produkte konsumiert, bessere Haltungsformen unterstützt und auch so einkauft, und sein Wissen weitergibt, erweist Tieren wie Timmy womöglich einen größeren Dienst.

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