Zurückspulen, bitte! Wer das kleine Häuschen von Diätkoch Marco Eckert (45) in Bad Lobenstein in Thüringen betritt, macht eine Zeitreise, die so authentisch wirkt, als hätte jemand die Uhr fest im Jahr 1975 angehalten. Schon im Flur schlägt einem dieser unverwechselbare Mix aus Bohnerwachs, altem Holz und einem Hauch von Zweitaktöl entgegen – ein Duft, der für viele Ostdeutsche Kindheit bedeutet. Die Schrankwand glänzt wie frisch aus dem Möbelhaus, die Teppiche leuchten in Farben, die heute nur noch Retro‑Fans wagen, und der Junost‑Fernseher glimmt im Retro‑Look, als würde gleich der Schwarze Kanal beginnen. Auf der Küchenanrichte steht der Plaste‑Brotschneider stramm wie ein Soldat – und in der Garage wartet ein schneeweißer Trabi Kombi von ’76 darauf, wieder über Landstraßen zu knattern.
Früher knatterte er im Trabi in den Kleingarten
„Ich stehe auf den Ost‑Kram seit ich klein bin“, grinst Marco, während er durch sein Wohnzimmer streift, als würde er einem alten Freund die Hand reichen. Seine frühesten Erinnerungen sind untrennbar mit dem Geräusch eines knatternden Motors verbunden. Die Trabi‑Touren mit Opa in den Kleingarten – für ihn das Größte. „Das war Freiheit für mich. Fenster runter, Ellenbogen raus, und der Opa hat immer gesagt: Junge, das ist unser kleines Abenteuer.“
Diese Nachmittage, erzählt Marco, hätten ihn geprägt. Während andere Kinder Poster von West‑Stars an der Wand hatten, hing bei ihm ein Bild vom Trabant 601 – „für mich war das ein Traumauto“.
Dann kam die Wende – und für Marco ein Schock. „Plötzlich wollten alle alles loswerden, was nach DDR aussah. Die Trabis standen wie herrenlose Hunde am Straßenrand. Ich hab’s nicht verstanden.“ Für viele war es Ballast, für ihn war es Geschichte. Während andere die Vergangenheit abschüttelten, begann er, sie zu sammeln.
Erst Kleinigkeiten: ein paar Gläser, ein Radio, ein Toaster. Dann Möbel. Dann Fahrzeuge. Und irgendwann wurde klar: Er braucht ein Zuhause, das zu seiner Leidenschaft passt – ein Ort, an dem die DDR nicht nur erinnert, sondern gelebt wird.

Im September 2024 hört er zufällig: In Oberlemnitz in Thüringen wird ein echtes, originales DDR‑Eigenheim verkauft, erbaut von 1973 bis 1975. Ein Haus, das nicht nur nach DDR aussieht, sondern DDR ist. Marco springt in seinen Trabi, knattert zur Besichtigung – und überzeugt die Besitzerin sofort. „Ich habe ihr versprochen, den Ost‑Charme zu retten. Und das mache ich!“
Marco bastelte sich sein kleines Ost-Paradies
Für eine sechsstellige Summe wechselt das 140‑Quadratmeter‑Haus samt 650‑Quadratmeter‑Grundstück den Besitzer. Marco erfährt: Der Erstbauer war Maurermeister – und hat sich aus seinen Baustellen feinste Marmor‑ und Klinkerreste ins Eigenheim geschmuggelt. Ein bisschen Bauarbeiter‑Schlitzohrigkeit, die heute ein Glücksfall für Retro‑Fan Marco ist. „Der Mann hatte Geschmack – und Zugang zu Material, das heute keiner mehr bezahlen könnte“, sagt er und streicht über die glänzende Marmorplatte im Flur.
2025 legt er los. Und zwar gründlich. Die Originalfenster bleiben drin, der Marmor im Flur wird poliert, bis er wieder wie ein frisch gewachster Tanzboden schimmert. Die schwarz‑weiß‑goldenen Klinker an der Wand strahlen wie früher, als die DDR noch an große Wohnästhetik glaubte. Die 70er‑Tapete? Neu besorgt – „gibt’s ja wieder“, lacht er.

Marco sucht, sammelt, restauriert. Clubsessel aus einem geschlossenen DDR‑Erholungsheim, Stühle und Uhr aus dem legendären SEZ Berlin, Schrankwände aus Familienbesitz oder fast im Sperrmüll gelandet – jetzt alles Teil seines Ost‑Paradieses. Jedes Stück hat eine Geschichte, und Marco kennt sie alle. „Ich rette nicht nur Möbel. Ich rette Erinnerungen.“
Er erzählt von einer alten Dame aus Saalfeld, die ihm ihre Wohnzimmerwand schenkte – „die stand da seit 1979, und sie hat geweint, als wir sie ausgebaut haben“. Oder von einem ehemaligen SEZ‑Mitarbeiter, der ihm die große Wanduhr überließ, die früher im Foyer hing. „Der Mann hat gesagt: Wenn du das Ding nicht nimmst, landet es im Container. Das konnte ich nicht zulassen.“
In der Garage stehen Trabi und Simson
In der Garage steht neben dem Trabi auch ein Simson‑Mokick, Baujahr 1980 – wie Marco selbst. „Wir zwei laufen noch wie geschmiert“, sagt er und zwinkert. Man glaubt es ihm sofort.
Und das Beste: Sein Retro‑Haus kann man mieten – für Fotos, Filme, Workshops. Schon jetzt haben Fotografen angefragt, ein Filmteam war neugierig, und Marco träumt weiter. „Wär doch spitze, wenn mein Häuschen mal im Kino auftaucht. Als richtiger Ost‑Blockbuster!“

Er könnte sich sogar vorstellen, kleine Führungen zu geben – nicht als Museum, sondern als lebendiges Stück Alltagsgeschichte. „Ich will zeigen, wie es wirklich war. Nicht verklärt, nicht schlechtgeredet. Einfach echt.“



