Ein rostiger Veteran mit bewegter Vergangenheit: Was 1903 in Rostock als unscheinbarer Frachter „Grete Cords“ begann, wurde Jahrzehnte später zur Legende der DDR-Schifffahrt – und zum emotionalen Erinnerungsort für Generationen.
„Vorwärts“ wird das erste Handelsschiff der DDR
Aus dem Arbeitsschiff wurde nach Verkauf, Krieg und drohendem Ende schließlich die „Vorwärts“. Jenes Schiff, das 1950 als erstes Handelsschiff der DDR in Dienst ging, wie der Nordkurier schreibt.
Schwere Schäden durch den Zweiten Weltkrieg
Doch der Weg dahin war alles andere als geradlinig. Nach Fahrten quer durch Europa, Stillstand im Ersten Weltkrieg und erneutem Einsatz nach 1921 wurde der Dampfer 1926 zur „Johann Ahrens“ umbenannt.

Auch den Zweiten Weltkrieg überstand er schwer gezeichnet. Eigentlich sollte danach Schluss sein. Doch die junge DDR brauchte dringend Schiffe und griff zu, wo andere längst aufgegeben hatten.
„Vorwärts“ ist technisch bereits ein Relikt alter Zeit
1950 wurde der alte Frachter nach Stralsund geschleppt, instand gesetzt und bekam einen neuen Namen: „Vorwärts“. Am 13. Oktober ging er wieder in Dienst, kurz darauf startete unter Kapitän Willy Beykirch die erste Reise. Damit war klar: Ein fast 50 Jahre altes Schiff wurde zum Symbol für den Aufbau der DDR-Handelsflotte.
Technisch allerdings war die „Vorwärts“ schon damals ein Relikt: 67 Meter lang, angetrieben von einer Dreizylinder-Dampfmaschine mit kohlebefeuerten Kesseln, gerade einmal acht Knoten schnell. Für Ost- und Nordsee reichte das noch. Für die Zukunft aber kaum. Trotzdem wurde das Schiff zum Aushängeschild, das Datum seiner Indienststellung sogar später als „Tag der Seeverkehrswirtschaft“ gefeiert.
Pionierschiff der Organisation „Ernst Thälmann“
Lange hielt die zweite Karriere nicht. Nach gut 100 Reisen und bis zu 100.000 Tonnen Fracht machte 1954 ein irreparabler Kesselschaden Schluss. Doch die „Vorwärts“ verschwand nicht. Sie bekam eine völlig neue Aufgabe: Erst als Wohn- und Ausbildungsschiff, dann ab 1955 als Pionierschiff der Organisation „Ernst Thälmann“.
Ab 1957 lag sie fest in Rostock und wurde für viele Kinder zum ersten Kontakt mit der Seefahrt. Knoten lernen, Kommandos verstehen, Matrose spielen – für Generationen war die „Vorwärts“ ein Stück Kindheit.
Dampfer spielt in Defa-Film „Der rote Reiter“ mit
Sogar ein spätes Comeback gab es noch: 1969 lief der alte Dampfer ein letztes Mal aus – nicht für Fracht, sondern für den Defa-Film „Der rote Reiter“. Frisch gestrichen spielte er kurzzeitig ein französisches Schiff. Ein letzter Auftritt, fast wie aus einem anderen Leben.

Doch der Zahn der Zeit nagte unaufhaltsam. Jahrzehntelang wurde nur notdürftig gestrichen, der Rumpf verfiel. 1988 dann die bittere Diagnose: schwere Schäden, keine Rettung mehr möglich, trotz Eintrag als technisches Denkmal.
Am 25. Oktober 1988 ist für die „Vorwärts“ Schluss
Es folgte eine emotionale Diskussion um den Erhalt, doch am Ende fehlte das Geld. Mit einem Nachfolgeschiff war auch die letzte Aufgabe verloren. Am 25. Oktober 1988 wurde die „Vorwärts“ außer Dienst gestellt.
Im März 1989 begann die letzte Reise – im Schlepp Richtung Verschrottung. Wenige Wochen später wurde der einst stolze Dampfer zerlegt.



