Agenten-Schauplatz

Stasi bei der Grünen Woche – wieso die DDR die Messe gefährlich fand

Stasi-Agenten zwischen Landwirtschafts-Ständen. Die Grüne Woche war Schaufenster des Westens, die DDR schäumte und schickte Agenten.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Die große weite Welt zu Gast in Berlin auf der Grünen Woche im Januar 1962. Das war der DDR ein Dorn im Auge.
Die große weite Welt zu Gast in Berlin auf der Grünen Woche im Januar 1962. Das war der DDR ein Dorn im Auge.Imago/Topfoto

Die Grüne Woche wird an diesem Freitag zum 100. Mal in Berlin eröffnet. Für die DDR war die Schau, die bis heute das Publikum anzieht, ein Politikum.

Die Landwirtschaft war Experimentierfeld

Die politische Führung der DDR versuchte alles, um ihre Bürger, die über die anfangs noch offene Grenze in den Westen wollten, von einem Besuch der Messe abzuhalten. Die Stasi tummelte sich ohnehin zwischen den Ständen, wie ein Aufsatz der Bundesstiftung Aufarbeitung verdeutlicht.

Für die DDR war die Landwirtschaft ein politisches Experimentierfeld. Der SED-Staat wollte partout beweisen, dass die angestrebte Kollektivierung der Landwirtschaft in LPGs der westdeutschen Privatwirtschaft überlegen sei.

Doch ausgerechnet West-Berlin – frei zugänglich bis 1961 – wurde zum Problem. Denn die Stadt glänzte als „Schaufenster“ des Wirtschaftswunders, und die traditionsreiche „Grüne Woche“ zog jedes Jahr Hunderttausende Besucher an. Auch und gerade aus dem sowjetischen Sektor.

Jugendliche 1982 im Einsatz bei der Kartoffelernte der LPG Dahme.
Jugendliche 1982 im Einsatz bei der Kartoffelernte der LPG Dahme.imago stock&people

Der Bürgermeister West-Berlins, Ernst Reuter, betonte, „jede in Berlin veranstaltete Ausstellung solle den Landsleuten hinter dem Eisernen Vorhang zeigen, was die freie Welt zu leisten vermag“. Ein Super-GAU für die DDR-Obrigen.

Denn genau dieses Kräftemessen an den Messeständen fürchtete die DDR. Immerhin kamen bis zum Mauerbau 1961 zwischen 30 und 50 Prozent der Messegäste aus dem Osten – Bauern, Arbeiter und Rentner. Viele nutzten die Ausstellung als Ausflug und um begehrte Waren zu kaufen, die in der DDR Mangelware waren, Saatgut etwa oder Nägel. Für die SED war die Messe ein politischer Störfaktor: Sie zeigte doch ein glitzerndes Bild von Wohlstand, Freiheit und Alternativen.

Schon im Jahr 1952 begann die DDR, gegen die „Grüne Woche“ vorzugehen. Ost-Aussteller wurden ausgeschlossen,  1948, 1949 und 1951 hatten sie noch dabei sein dürfen. Gefälschte Eintrittskarten wurden verteilt, um Verwirrung zu stiften.

Gleichzeitig verschärfte die SED ihre Kollektivierungspolitik auf dem Land – und die Messe wurde zum Ventil für Unmut. In den Jahren 1952/53 überstieg der Ost-Anteil sogar den der West-Besucher. 1956 reagierte die DDR mit härteren Maßnahmen gegen „Westberlinfahrer“.

Kontakte zu westdeutschen Bauernverbänden und Besuche der „Grünen Woche“ in West-Berlin fanden die besondere Aufmerksamkeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

Stasi-Einsatz im Großformat

Für das MfS war die „Grüne Woche“ ein Einsatzfeld erster Ordnung. Die Arbeit im Umfeld der Messe wurde als „aktive Spionageabwehr“ verstanden. Zuständig war vor allem die Hauptabteilung II mit den Abteilungen 3 und 8. Ziel war es, „die Teilnehmer aus den jeweiligen Bezirken festzustellen und sie operativ zu bearbeiten“, um ihnen „Feindtätigkeit“ nachzuweisen.

Geheime Informanten wurden angeworben und sollten die Ausstellung besuchen, Stände des Deutschen Bauernverbandes oder der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft beobachten und DDR-Bürger identifizieren. Diese Arbeit galt als „Bearbeitung negativer bäuerlicher Elemente“. Besonders brisant: Informanten, die sich „rehabilitieren“ mussten, wurden angewiesen, Großbauern nach West-Berlin zu begleiten und ihr Verhalten „auf das Sorgfältigste zu beobachten“.

Volkspolizei als Reiseblockierer

Während die Stasi auf dem Messegelände spionierte, kontrollierte die Volkspolizei den Reiseverkehr nach West-Berlin. Besonders „Personen aus landwirtschaftlichen Betrieben“ wurden überwacht. Wer verdächtig erschien, wurde den Untersuchungsorganen übergeben. Jedes Jahr vor Messebeginn erhielten VP-Beamte Listen früherer Besucher. Betroffenen wurden oft die Personalausweise abgenommen und durch ungültige Ersatzpapiere ersetzt.

Die Anfänge der Grünen Woche 1926: Eine Ausstellung zum Thema Jagd in der 1925 fertiggestellten Funkhalle.
Die Anfänge der Grünen Woche 1926: Eine Ausstellung zum Thema Jagd in der 1925 fertiggestellten Funkhalle.Messe Berlin GmbH

Gefährlich wurde es, wenn jemand mit „Hetzmaterial“ – Broschüren, Flugblättern, Büchern – erwischt wurde. Dann drohte eine längere „Bearbeitung durch die Untersuchungsorgane“. Alle Fälle gingen direkt ans MfS.

Gegenprogramm zur Grünen Woche

Um die Reisen zu verhindern, erfand die Volkspolizei  kreative Gegenprogramme: „Modenschauen, Sportveranstaltungen, Inventurschlussverkauf, Bäuerinnennachmittage. Sogar der Wochenendurlaub für Landwirtschaftsschüler wurde gestrichen. Ironischerweise sorgte die „Grüne Woche“ so in vielen Dörfern  der DDR für ein unerwartet reiches Kulturprogramm.

Ministerien und Massenorganisationen im Einsatz

Auch das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft sah die Messe als Gefahr für seine Umerziehungsarbeit. Funktionäre aus dem „Sektor Agrarpropaganda“ wurden heimlich auf die Messe geschickt, um Stimmung, Besucherzahlen und westdeutsche Agrarpolitik auszuwerten. Sie verteilten gelegentlich eigene Flugschriften und stellten provokante Fragen auf Pressekonferenzen. Dank der akribischen Aufklärungsarbeit der Agenten weiß man heute: Die meisten Ost-Besucher der Grünen Woche kamen aus Leipzig, Magdeburg, Halle und Ost-Berlin.

DDR-Bürger auf der Suche nach Ersatzteilen

Auch wenn die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) versuchte, LPG-Mitgliedern den Besuch auszureden. Wer trotzdem fuhr, wurde öffentlich angeprangert oder ausgeschlossen.

Besonders peinlich für die DDR: 1955 suchten DDR-Bauern massenhaft auf der Grünen Woche nach Ersatzteilen für ihre überalterten Maschinen – ein sichtbares Zeichen der Misere in der DDR Landwirtschaft.

Die Bundesrepublik setzt Zeichen

Die Bundesrepublik nutzte die Messe bewusst als politisches Signal. Konrad Adenauer besuchte sie mehrfach, später übernahm der Bundespräsident die Schirmherrschaft.

Ein Kampf, den die DDR nicht gewinnen konnte

Die DDR-Führung sprach von der Grünen Woche hingegen von einem „Tummelplatz dunkler Existenzen“. Trotz aller Maßnahmen konnten jährlich nur 2000 bis 4000 DDR-Bürger am Besuch der Messe gehindert werden. Die Anziehungskraft der Messe blieb ungebrochen. Zeitzeugen berichten von einer Atmosphäre, in der „unter jedem Ledermantel“ die Stasi vermutet wurde.

Messebesucher verfolgen die Präsentation verschiedener Rinder in der Tierhalle bei der Grünen Woche 2024.
Messebesucher verfolgen die Präsentation verschiedener Rinder in der Tierhalle bei der Grünen Woche 2024.dpa

Die „Grüne Woche“ – buntester Schauplatz der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West und für die DDR-Bürger ein Fenster in eine andere Welt.

Alle Informationen zum Besuch der Grünen Woche

Die Grüne Woche findet vom 16. bis 25. Januar 2026 auf dem Berliner Messegelände statt. Sie ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet – am Freitag, den 23. Januar, ist langer Freitag und Besucherinnen und Besucher können die Grüne Woche von 10 bis 20 Uhr entdecken. Vom 22. bis 25. Januar findet parallel die Hippologica, Berlins größtes Hallenreitturnier, statt.

Tickets für die Grüne Woche

Ohne Anstehen und Wartezeit: Im digitalen Ticketshop der Grünen Woche können sich Besucherinnen und Besucher ihre Eintrittskarte aufs Handy laden oder ausdrucken.

Der Normalpreis für ein Tagesticket von Montag bis Samstag liegt bei 17 Euro, an Sonntagen bei 14 Euro. Mit dem Happy Hour Ticket kann die Grüne Woche von Montag bis Freitag ab 14 Uhr besucht werden.

Einen kompletten Überblick zu den Preisen für Dauertickets, Gruppenkarten und Ermäßigungen erhalten Interessierte hier. Außerdem sind Tickets an den Eingängen zum Messegelände erhältlich, die bargeldlos bezahlt werden können.

Anreise: Das Berliner Messegelände ist mit den S-Bahn-Stationen Messe Süd und Messe Nord/ZOB, sowie der U-Bahn an das Berliner Nahverkehrsnetz angebunden.

S-Bahn: S3 und S9 bis zum Bahnhof Messe Süd; S3, S5, S7, S9 bis zum Bahnhof Westkreuz; S41, S42, S46 bis zum Bahnhof Messe Nord/ZOB.

U-Bahn: U2 bis zu den Bahnhöfen Kaiserdamm oder Theodor-Heuss-Platz.

Bus: 143, 218, 349, M49 zum Messedamm/ZOB und mit den Buslinien X34, X49 bis zum Theodor-Heuss-Platz oder Messe Nord/ZOB.

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