Der Winter 1978/79 gehört zu den zehn härtesten Wintern der Nachkriegszeit in Norddeutschland. Mit 67 Tagen geschlossener Schneedecke (vom 28. Dezember 1978 bis 4. März 1979) stellte die Saison einen Rekord seit dem Hungerwinter 1946/47 auf. Ein 72-stündiger Schneesturm zu Silvester stellt die Menschen im Norden Deutschlands und in der DDR vor gewaltige Herausforderungen.
Es beginnt unscheinbar – und endet in einem der brutalsten Winterdramen, die die DDR je erlebt hat. Der Jahreswechsel 1978/79 schreibt Wettergeschichte: ein Temperatursturz wie aus dem Nichts, ein Schneesturm von fast biblischem Ausmaß und ein Staat, der erst viel zu spät begreift, wie ernst die Lage wirklich ist.
Ein Wettersturz, der alles veränderte
Am 29. Dezember 1978 misst man in Danzig bereits –18 °C und einen Meter Neuschnee. Während im Norden Schleswig-Holsteins am Nachmittag die ersten Flocken fallen, regnet es im Süden noch kräftig – und in Freiburg herrschen frühlingshafte 15 °C.
Doch am Abend des 29.12.1978 kippt die Situation, das Drama nimmt seinen Lauf. Die Nordbezirke der DDR versinken mit Herannahen der Kaltfront binnen weniger Stunden unter einem mehrere Zentimeter dicken Eispanzer. Dann setzt ein 72-stündiger Schneesturm mit Windstärke 10 ein. Fünf Tage lang tobt er über Norddeutschland und die DDR hinweg. Die Ostsee vor Sassnitz friert innerhalb weniger Stunden komplett zu – ein seltenes Naturereignis.
Rügen: Die Insel im weißen Gefängnis
Auf der Insel Rügen beginnt es am Abend des 29. Dezember zu schneien. Was keiner für möglich hält: Nur wenige Stunden später ist die Insel von der Außenwelt abgeschnitten. Der Rügendamm verschwindet unter bis zu fünf Meter hohen Schneewehen, wird unpassierbar. 12.000 Einwohner und 3.000 Gäste sitzen fest.

Durch den Frost frieren bei der Bahn die Weichen ein. Zugverspätungen bis zu zwölf Stunden sind die Folge. Ein Reisezug bleibt zwischen Lietzow und Sagard über 48 Stunden im Schnee stecken. Erst am 1. Januar können Hubschrauber starten – vorher ist der Sturm zu heftig. Die Ostseeinsel Rügen erlebt ein Chaos, das man sich heute kaum vorstellen kann.
Strom- und Telefonleitungen brechen unter 30 cm dicken Eispanzern zusammen, Bäckereien fallen aus, das Brot wird knapp, Kleinvieh erfriert in den Ställen, Schneeverwehungen verhärten durch Flugsand zu meterhohen Wänden. NVA-Pioniere müssen schließlich Schneemassen sprengen, um Bahnstrecken freizulegen.
Russen verteilen Brot auf Rügen
Die auf Rügen stationierten russischen Soldaten verteilen Brot aus Militärbäckereien – eine der wenigen funktionierenden Versorgungsquellen.
Während Rügen kämpft, bleibt die DDR-Führung erstaunlich gelassen. Erich Honecker fliegt noch am 30. Dezember nach Afrika, Minister verabschieden sich ins Silvesterwochenende. In Berlin ist es mild – man hält die Lage für ein regionales Problem.
Doch am 31. Dezember schlägt die Kälte auch im Rest des Landes zu. In Berlin setzt starker Schneefall ein, ein Ostwind der Stärke 8 peitscht durch die Straßen. Die Temperaturen zwischen Berlin und Dresden fallen auf –23 °C.
Ganz Europa erlebt gleichzeitig eine historische Kältewelle: Im russischen Uralvorland werden –58,1 Grad Celsius gemessen – die tiefste je registrierte Temperatur des Kontinents.

Der Strom bricht zusammen
Dass die DDR-Energieversorgung zu 75 % an der Braunkohle hängt, wird in diesen Schicksalstagen zum Verhängnis. Denn die Kohle friert in den Gruben und in den Waggons fest. Am 1. Januar 1979 steht in den Braunkohletagebauen bei minus 20 Grad alles still. Die Stromversorgung bricht zusammen, weil die DDR-Führung 1976 beschloss, sämtliche Strom- und Wärmeversorgung auf Braunkohlebasis umzustellen. Oberleitungen vereisen, Weichen sind blockiert. Ab dem Silvestermorgen bricht der Kohletransport zusammen – und damit die Energieversorgung.
Die Regierung reagiert nun endlich: Tausende NVA-Soldaten werden in die Lausitz geschickt, um dort Kohle mit Hacken und Schaufeln aus den Waggons zu lösen. Dazu werden extra 500 Bohrhämmer vom westdeutschen Otto-Versand eingeflogen. Mit schwerem Gerät versucht man, der Lage Herr zu werden: Düsentriebwerke aus ausgemusterten MiG-17-Flugzeugen werden auf Lkw montiert, um die Kohle aufzutauen.
In Boxberg, dem größten Kraftwerk der DDR, bricht die Versorgung trotzdem zusammen.
NVA-Soldaten im Kampf gegen den Schnee
Am Neujahrstag um 4 Uhr morgens ordnet die Katastrophenkommission den Einsatz der NVA an. Zehntausende Soldaten rücken aus – zu Fuß, mit Panzern, mit Skiern. In Suhl, Erfurt und Gera wird „Stufe X“ ausgerufen: Die Großtransformatoren werden abgeschaltet. 2,5 Millionen Menschen sitzen ohne Vorwarnung im Dunkeln.
Ein Land im Ausnahmezustand
Die DDR kämpft nun an allen Fronten: Straßen sind trotz Einsatz von Panzern kaum freizuräumen. Die Schneeverwehungen werden immer wieder zurückgeweht. Bei –20 Grad wirkt das Streusalz nicht mehr. Die Lage ist so dramatisch, dass selbst Förderbänder in Kraftwerken von Soldaten per Hand angetrieben werden müssen.
Die Opfer – und das Schweigen
Offizielle Zahlen zu den Opfern der Schneekatastrophe von 1978/79 gibt es kaum. Die offizielle DDR-Version spricht von lediglich drei Verkehrstoten. Andere Recherchen nennen mindestens 18 Tote und über 440 Verletzte bei mehr als 700 Unfällen. Erst im Mai wird auf Rügen eine weitere Leiche gefunden, die im Schnee verschwunden war.





