Ab Freitag 10 Uhr

Ostpro feiert 35 Jahre: Kultmesse lockt Fans von DDR-Produkten nach Karlshorst

Messe-Chefin Ramona Oteiza ist von Anfang an dabei. Noch immer steht sie an der Kasse der erfolgreichsten Ost-Messe in Berlin – heute geht es wieder los.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Von Pittplatsch bis zu Russisch Brot: Das Ehepaar Sabine und Niko finden beim Rundgang über die Verkaufsmesse Ostpro alles was das Ostherz begehrt.
Von Pittplatsch bis zu Russisch Brot: Das Ehepaar Sabine und Niko finden beim Rundgang über die Verkaufsmesse Ostpro alles was das Ostherz begehrt.Volkmar Otto

Fans von leckeren und oft raren DDR-Produkten, die nicht nur Ostherzen höher schlagen lassen, pilgern ab heute wieder zur Trabrennbahn Karlshorst. Die Ostpro öffnet am Freitag (27. März) ab 10 Uhr ihre Türen. Das ganze Wochenende über kann hier geschlemmt und geshoppt werden. Vor 35 Jahren eröffnete die Kultmesse zum ersten Mal. Messechefin Ramona Oteiza erzählt, wie alles begann.

Sehnsucht nach DDR-Geruch

Am 26. Juli 1991 erwartete Ramona Oteiza in der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin eigentlich nur einige Handelsvertreter. Zwei Jahre nach der Wende hatte die damals 33-jährige, frisch gebackene Mutter im Osten Berlins die erste Messe für Ostprodukte, die Ostpro, organisiert. Doch tausende ganz normale Berliner rannten ihr an diesem Sommertag förmlich die Halle ein, um lange vermisste Waren aus der DDR zu kaufen. Es war die Geburtsstunde eines DDR-Dauerbrenners.

35 Jahre später gibt es die Ostproduktmesse Ostpro immer noch. Die Sehnsucht nach Altbekanntem und den Überlebenden der Wende scheint ungebrochen. Eine kollektive Selbstversicherung findet statt: wir sind noch da und wir sind auch in Zukunft wichtig.

Wenn die Ostpro an diesem Wochenende auf der Trabrennbahn Karlshorst Geburtstag feiert, werden die alten Hasen kommen, aber auch die Jungen, die mit einer DDR-Ketwurst für den TikTok-Auftritt posieren.

Generationenübergreifend in DDR-Produkten stöbern

Beim Schlendern entlang der Ostprodukte erzählen heute Omas ihren Enkeln vom Leben in einem anderen Land. Zeigen Väter ihren Kindern, mit welchen Süßigkeiten sie groß wurden. Ein Ostpro-Besuch ist nicht weniger als eine Mischung aus Museumsbesuch, Klassenreffen mit Erinnerung und buntem Markttag. Wenn es sie nicht gäbe, man müsste diesen Begegnungsort für Ostsozialisierte glatt erfinden.

Ramona Oteiza hat seit 35 Jahren die Ostpro-Zügel in der Hand.
Ramona Oteiza hat seit 35 Jahren die Ostpro-Zügel in der Hand.Sabine Gudath

Ramona Oteiza blättert auf der Empore in der Halle der Trabrennbahn durch alte Ordner. Alle Berichte und Fotos aus den Anfangstagen der Ostpro hat sie gesammelt. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass die Messe der DDR-Marken so ein Dauerbrenner werden würde.

„Zu Beginn haben wir gedacht, das geht vielleicht drei, vier Jahre“, sagt die Messe-Chefin. „Dann hätte sich doch alles angeglichen, haben wir gedacht.“ Doch die Umwälzungen der Revolution in der DDR sind bis heute nicht ganz verdaut und bewältigt.

Ostpro Messe im SEZ Berlin. Lange Schlangen bildeten sich im Jahr 2016 vor dem Eingang.
Ostpro Messe im SEZ Berlin. Lange Schlangen bildeten sich im Jahr 2016 vor dem Eingang.Berlinfoto/imago

Wie so viele andere sprang auch Ramona Oteiza 1991, kurz nach der Wende, mit der Ostpro ins kalte Wasser.

Bis 1989 arbeitete die Ökonomin im EAW, dem VEB Elektro-Apparate-Werke in Berlin-Treptow. „Wir waren mit die ersten, die nach der Wende abgewickelt wurden“, blickt Ramona Oteiza zurück. 

Ab 1990 war die junge Mutter auf null Stunden gesetzt und saß nach dem Mütterjahr mit vollem Gehalt zu Hause. Doch die Hände in den Schoß legen, das war nicht ihr Ding.

Die im Westen kochen auch nur mit Wasser

Ramona Oteiza heuerte bei einer Messefirma im Westen an und organisierte dann Baumessen. Als immer mehr Menschen auf sie zukamen und fragen, ob es denn diese und jene Ostprodukte, oder bestimmte Firmen noch gab, erkannte sie eine Marktlücke. 

Schnell hatten die Ossis ihre Erfahrungen mit den schillernden Westprodukten, die über Nacht in die Kaufhallen geräumt wurden, gemacht. Nun waren sie bereit, sich auf Altbewährtes zu besinnen. Die im Westen kochen auch nur mit Wasser – diese Erkenntnis hatte sich 1991 herumgesprochen. Das Glück mit den eigenen Händen packen, das war jetzt die Devise.

Elke Berger (66) aus Karlshorst hat für Kolleginnen eine ganze Tüte Schokoküsse geholt. Ihr Mann ist eine echte Naschkatze und bekommt Geleebananen, Nougat und vor allem Brausepulver.
Elke Berger (66) aus Karlshorst hat für Kolleginnen eine ganze Tüte Schokoküsse geholt. Ihr Mann ist eine echte Naschkatze und bekommt Geleebananen, Nougat und vor allem Brausepulver.Sabine Gudath

„Damals gab es eine richtige Aufbruchstimmung“, erinnert sich Ramona Oteiza. Im Vorfeld zur ersten Messe hat sie Telefonbücher durchforstet und sich durch Firmenzentralen telefoniert, um den ersten Schwung Aussteller zu akquirieren.

Ostprodukte sollten Fuß fassen

„Wir wollten eine Ordermesse organisieren, bei der sich Ostfirmen den großen West-Handelsketten präsentieren konnten“, erinnert sich Ramona Oteiza. Doch am Morgen des ersten von drei geplanten Messetagen standen die Menschen an der Werner-Seelenbinder-Halle schon Schlange. Bis hinauf zum S-Bahnhof Landsberger Allee stellten sich mehr und mehr an. „Die Leute rüttelten am Zaun und wollten auf das Gelände“, so Ramona Oteiza. 

Wie im Rausch kauften die Menschen die Produkte, die sie noch aus der DDR  kannten. Händler telefonierten über Nacht mehr Ware heran. Direkt vom Lkw wurden die Ostprodukte massenhaft an den Mann und die Frau gebracht.

Besucher der „Verkaufsmesse Ostpro“ auf der Trabrennbahn Karlshorst stehen an einem Stand mit Harzer Blasenwurst.
Besucher der „Verkaufsmesse Ostpro“ auf der Trabrennbahn Karlshorst stehen an einem Stand mit Harzer Blasenwurst.Christophe Gateau

Nach dem großen Erfolg der ersten Ostpro veranstaltete Ramona Oteiza jährlich zwei Messen. Zuerst in der Werner-Seelenbinder-Halle, nach deren Abriss im Internationalen Handelszentrum an der Friedrichstraße. Die Ostpro zeigte sich flexibel, was die Veranstaltungsorte anging.

Ob unter dem Fernsehturm, in der Kongresshalle, im Forum Landsberger Allee oder im Velodrom und später im SEZ – die Besucher fanden ihre geliebten Stände. Seit einigen Jahren findet die Messe auf der Trabrennbahn Karlshorst statt. Ableger gab es in Dresden und Potsdam, bis heute zieht die Ostpro auch in Erfurt ein buntes Publikum an – zuerst in die Thüringenhalle, jetzt in den EGA-Park.

Manuela Bader (43) freut sich, dass der Badezusatz immer noch wie früher nach Fichtennadeln riecht.
Manuela Bader (43) freut sich, dass der Badezusatz immer noch wie früher nach Fichtennadeln riecht.Sabine Gudath

Über all die Jahre hat die Messe-Chefin viele Firmen aufsteigen und manche auch verschwinden sehen. Vom Aufbruch einer ganzen Generation ist bei einigen wenig geblieben.

Das jüngste Beispiel, die Eberswalder Wurstwaren, wurden vom West-Konzern Tönnies geschuckt und am Ende dicht gemacht. Emil Reimann Stollen, Dr. Quendt, Kathi und Rotkäppchen – längst sind die Ost-Marken in Großkonzernen aufgegangen. Wo die Gründer nach der Wende noch mit viel Herzblut an der Marke arbeiteten, verkauft die folgende Generation heute eher.

Ostpro-Urgestein Peter Hentze war bis zum Schluss auch mit über 80 Jahren noch dabei.
Ostpro-Urgestein Peter Hentze war bis zum Schluss auch mit über 80 Jahren noch dabei.Volkmar Otto

Erinnerungen an die DDR bleiben lebendig

Und doch finden sich jedes Jahr wieder eine Menge Händler ein, die ihre Stände auf der Ostpro aufbauen. Manche, wie Peter Hentze mit seinem Haushaltswarenstand, wurden zu Urgesteinen der Messe. Er war bis zuletzt auch mit über 80 Jahren noch dabei. 

Ebenso beständig kommt der DDR-Stand, an dem sich Pittiplatsch, Komet und Kathi präsentieren, genauso wie Strickwaren aus Apolda, Badusan Schaumbäder, Gurken aus dem Spreewald, Riesaer Nudeln und Baumkuchen aus Salzwedel, Ostpro-Kenner wissen genau welchen Stand sie aufsuchen wollen.

Ob Ket-Wurst, Harzer Blasenwurst, Thüringer Bratwurst, Eichsfelder Eierlikör oder Gin aus Thüringen: Einmal durch den Osten schlemmen, das geht nur hier.

Die Ostpro öffnet zum 35. Geburstag vom 27. bis zum 29. März täglich von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 3 Euro, Kinder haben freien Eintritt. Die Trabrennbahn Karlshorst (Treskowallee 159) ist zu Fuß vom S-Bahnhof Karlshorst oder mit der Tram 21, 27, 37 bis Haltestellte Traberweg zu erreichen. Es gibt außerdem kostenpflichtige Parkplätze.

Wie erklären Sie sich die Anziehungskraft der Ostprodukte-Messe Ostpro? Waren Sie auch schon einmal da? Schreiben Sie uns gern per Mail an  leser-bk@berlinerverlag.com