Bayern statt Berlin

Kröten und Fledermäuse: Hier bremst der Artenschutz Berlins Entwicklung

Bayern erhält die Batteriefabrik, die eigentlich nach Marzahn kommen sollte, wegen einer Kröte. Die Rolle des Naturschutzes in der Berliner Stadtentwicklung: Ein Überblick

Author - Stefanie Hildebrandt
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Wechselkröte (Bufo viridis-Komplex) in einer aufgelassenen Kiesgrube.
Wechselkröte (Bufo viridis-Komplex) in einer aufgelassenen Kiesgrube.imago stock&people

Immer wieder sorgen Einwände wegen eines mangelnden Naturschutzes bei Bauprojekten in Berlin für Verzögerungen oder sogar Absage. Bremsen Kröten, Fledermäuse und Spatzen Entwicklung aus? 
Oder wird der Naturschutz im Vorfeld systematisch so stiefmütterlich behandelt, dass er hausgemachte Verzögerungen schafft? Wir werfen einen Blick auf die aktuellen Fälle und ordnen ein. 

Kaum ein Bauprojekt ohne Klagen

Es ist keineswegs selten, dass Infrastrukturprojekte wie Straßen, Firmenansiedlungen oder Wohnanlagen in Berlin aufgrund der Entdeckung geschützter Arten oder Lebensräume verzögert angegangen oder sogar gestoppt werden.

Oft sind im Vorfeld umfassende Umweltverträglichkeitsprüfungen erforderlich, die Zeit und Ressourcen kosten. Werden sie vor Baubeginn von den Bauherren nicht ernst genug genommen, sorgen sie nach hinten raus für Verzögerungen. Kaum ein größeres Bauprojekt, das ohne Klagen auskommt.

Batteriefabrik in Lichtenfels statt in Marzahn

Der letzte Fall: Anstatt in Marzahn soll nun in Oberfranken Europas erste Produktionsstätte für Natrium-Ionen-Batterien entstehen. Die ursprünglich für Berlin-Marzahn geplante Fabrik wird in Lichtenfels realisiert. Eine Population von streng geschützten Kröten hat dem Projekt in Marzahn den Stecker gezogen.

Nun freut man sich in Bayern über die Neuansiedlung: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern bezeichnet die Errichtung der Anlage als einen bedeutenden Fortschritt für das bayerische Batterieökosystem.

Pavillon am Cleantech Business Park.  Hier leben Wechselkröten.
Pavillon am Cleantech Business Park. Hier leben Wechselkröten.Jochen Knoblach/Berliner Kurier

Peter Urban, der Projektentwickler, erklärte, dass er aufgrund des Artenschutzfalles keine Möglichkeit sah, das Projekt in Berlin durchzuführen.

Marzahn schaut in die Röhre, weil die streng geschützte Wechselkröte am Cleantech-Business-Park das Projekt über Jahre lähmte. Die unmittelbare Folge: 380 neue Arbeitsplätze entstehen in Oberfranken.

Kreuzkröte am Pankower Tor sorgt für Verzögerungen

Eine andere Krötenart, die Kreuzkröte, verhindert seit Jahren in Pankow den Bau eines neuen Stadtviertels am Pankower Tor. Investor Kurt Krieger, der mit den Höffner-Möbelhäusern Milliardär wurde und gerade wegen einer AfD-Parteispende von 18 000 Euro in den Schlagzeilen ist, will einen neuen Kiez samt Schulen, Wohnungen und Gemeinschaftsflächen auf einer Bahn-Brache in Pankow realisieren.

Auch hier muss der Investor Stehfestigkeit beweisen. Denn die Anwesenheit einer Kreuzkrötenpopulation verzögert den Beginn des Vorhabens seit über 15 Jahren.

Wohnungen und Schule werden nicht gebaut

2.000 bis 2.500 Wohnungen, Kitas, Schule, Grünflächen und Straßenbahntrasse werden bisher nicht gebaut, weil man sich nicht einige wird, wie und wohin die Kröten umgesiedelt werden sollen. Die Liste an weiteren Bauprojekten, die verzögert wurden oder werden, weil es Probleme mit dem Naturschutz gibt, ist lang.

Längst sind es keine Einzelfälle mehr, vielmehr tut sich ein strukturelles Spannungsfeld zwischen Wohnungsbau, Infrastrukturentwicklung und Artenschutz auf.

Jahnsportpark, SEZ, Pankow und Ilse-Kiez

Im Cantianstadion in Prenzlauer Berg sorgten Spatzen für einen temporären Abrissstopp. Der Abriss des SEZ ist vertagt, auch hier haben Umweltverbände erfolgreich geklagt. Es brüten geschützte Vogelarten im Gebäude.

Auf dem Gelände sollten eigentlich 600 neue Wohnungen und eine Schule entstehen. Durch den Artenschutz-Stopp ist das gesamte Projekt vorerst blockiert.

Warum Berlin besonders betroffen ist

Auf dieser Pankower Brache will Kurt Krieger ein neues Stadtquartier errichten.
Auf dieser Pankower Brache will Kurt Krieger ein neues Stadtquartier errichten.Markus Wächter/Berliner Kurier

Berlin hat viele Brachflächen, ehemalige Bahnareale und Zwischenräume, die sich über Jahre zu wertvollen Habitaten entwickelt haben. Streng geschützte Arten haben sich angesiedelt. Kreuzkröte, Zauneidechse, Waldameise sind aber selten das Erste, an das Investoren denken.

Immer wieder fehlen Artenschutzgutachten oder sind unvollständig, wenn mit dem Bau begonnen werden soll. Klagen von Umweltverbänden sind deren gutes Recht, in letzter Zeit haben Gerichte sich eindeutig für den Umweltschutz ausgesprochen.

So wurden etwa in Pankow im Schlosspark-Kiez und im Karlshorster Ilse-Kiez Bauvorhaben gestoppt, weil es keine funktionierenden Ausgleichsmaßnahmen gab.

Umweltverbände als Verhinderer

Den Umweltverbänden aber den schwarzen Peter als Verhinderer in die Schuhe zu schieben, wäre zu kurz gedacht. Verbände weisen regelmäßig darauf hin, dass sie nicht gegen Bauprojekte an sich klagen, sondern gegen rechtswidrige Verfahren. Es gehe nicht darum, Vorhaben zu verhindern, sondern darum, dass der gesetzliche Natur- und Artenschutz ausreichend berücksichtigt wird.

Artenschutz ist gesetzlich verpflichtend und kein nice to have. So lange Investoren das immer wieder austesten und in Frage stellen, wird es weiter zu Konflikten kommen.

Handeln im Interesse der Öffentlichkeit

Bausenator Christian Gaebler kritisierte im Gegenzug im Hinblick auf den Artenschutz „viel Lärm um nichts“.  Beide Seiten berufen sich darauf, im öffentlichen Interesse zu handeln. Aber auch das ist eben nicht unisono sondern  heterogen.

Wie lösen andere Länder die Konflikte

Andere Städte und Länder gehen mit Konflikten zwischen Naturschutz und Infrastrukturprojekten oft anders um als Berlin. Drei große Muster lassen sich erkennen: Sie starten früh in die ökologische Planung, haben verbindliche Kompensationsmodelle und integrieren Natur in die Infrastruktur selbst. So lassen sich Konflikte vermeiden, wenn Artenschutz nicht erst am Ende, sondern am Anfang der Planung steht.

Utrecht, Dächer von Bushaltestellen sollen Raum für Bienen, Hummeln und andere Insekten schaffen.
Utrecht, Dächer von Bushaltestellen sollen Raum für Bienen, Hummeln und andere Insekten schaffen.Imago

In den Niederlanden etwa gilt ökologische Planung als Standard. Ökologische Baubegleitung ist verpflichtend, Biologen begleiten Projekte von der Planung bis zur Fertigstellung. Die Kompensation erfolgt räumlich und zeitlich vor dem Eingriff: Ersatzlebensräume müssen vor Baubeginn funktionieren. Darauf pochen auch hierzulande die Umweltverbände und bekommen vor Gericht Recht.

Großbritannien schafft mehr Natur

In Großbritannien gilt seit 2024 das Prinzip Biodiversity Net Gain (BNG): Jedes Bauprojekt muss die Biodiversität um mindestens zehn Prozent verbessern. Entwickler müssen nachweisen, dass das Projekt mehr Natur schafft als zerstört.

In Dänemark setzt man auf Nature-based Solutions (NbS), also Infrastruktur, die Natur integriert statt verdrängt. Kopenhagen gilt dabei als Modellstadt, die Natur und Technik systematisch verbindet. Beispielsweise wird Regenwassermanagement über Parks, Gründächer und urbane Feuchtgebiete geregelt. Natur ist Teil der Lösung, nicht das Hindernis.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Was ist wichtiger, Stadtentwicklung um jeden Preis oder Naturschutz? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com