Der Hundenapf für durstige Vierbeiner steht noch auf dem Steg. Ebenso warten die Tretboote im Winterschlaf auf jemanden, der kommt und sie sauber macht und sie zu Wasser lässt. In der Berliner Fischerpinte, einem Bootsverleih mit Kiosk, ist die Zeit stehen geblieben. Dieser Ort ist ein urberliner Relikt. Es soll abgerissen werden.
Die Zeit drängt für die Fischerpinte
Die Zeit drängt. Normalerweise würden hier seit Ostern Menschen auf roten Plastikstühlen sitzen und Berliner Weiße trinken, während ihr Blick über den Plötzensee schweift. Doch im Februar ist der langjährige Pächter der Fischerhütte, Wolfgang Düring, gestorben.
Schon vor seinem Tod war klar: das hier ist ein Paradies auf Abruf. Wenn der Pächter stirbt, stirbt auch eine der letzten Alt Berliner Idyllen am Wasser. Man wusste das, wollte es aber nicht wahrhaben.
Die Erlaubnis für den Betrieb des Bootsverleihs und des kleinen Kiosks am Plötzensee hatte nur Wolfgang Düring. Aus Umweltschutzgründen sollten nachdem er sein Geschäft aufgegeben hätte, kein Ausschank und kein Bootsbetrieb im Landschaftsschutzgebiet Rehberge mehr stattfinden.

So hat es das Umweltamt in Berlin Mitte verfügt. Ausnahmen gibt es selbstverständlich, etwa für das gegenüberliegende Strandbad, das zuletzt neun Euro Eintritt pro Person verlangte.
Im Vertrag mit dem nun verstorbenen Pächter heißt es, Steg und Bootshaus müssten nach Aufgabe des Betriebs abgebaut werden, auf Dürings Kosten versteht sich. Seine Erben haben, dies wissend, das kostspielige Vermächtnis schon ausgeschlagen. Wie geht es jetzt also weiter mit dem Geheimtipp in Wedding?
Gäste sind entsetzt über Schließung
Eva und Ulrich sind an diesem Freitagmittag mit dem Fahrrad zur Fischerpinte gekommen. Am verschlossenen Tor können sie es nicht fassen.
Dass ein weiterer berlintypischer Ort verschwinden soll, macht das Paar aus Kopenhagen traurig. „Wir waren so oft mit den Kindern hier um ihnen diese besonderen, gemütlichen Berliner Ort zu zeigen“, sagt Ulrich. Berlin verändere sich, nicht zum Positiven.

Naturschutz oder Ort für Menschen erhalten?
Dass hier im einst roten Arbeiterbezirk Wedding, heute befinden sich rund um die Seestraße wieder Armuts-Hotspots, Naturschutz gegen Millieuschutz gestellt wird, ein Ufer besser geschützt wird, als ein sozialer Begegnungsort für viele unterschiedliche Menschen, das verstehen die Wenigsten hier.
Es mag sein, dass der Plötzensee und seine Ufer arg gebeutelt sind, weite Teile sind eingezäunt wie am Weißen See. Ob aber die Fischerpinte mit ihrer leisen Schlagermusik ihren Anteil daran hatte, oder eher eine Kontrollfunktion wahrnahm, darüber kann man streiten. Seit die Pinte zu ist, türmt sich jedenfalls in ihrem Umfeld mehr Müll als üblich.
Verein will das Kleinod im Kiez weiter führen
„Wir würden hier gern übernehmen und aufräumen“, sagt Andaras Hahn. Er hat Infozettel mitgebracht, die Passanten über die Schließung und den drohenden Abriss der Hütte informieren sollen. Er und weitere Stammgäste der Fischerpinte wollen nichts unversucht lassen, um das Kleinod mit unverwechselbarem Charme doch noch zu retten.
Andreas Hahn hat schon lange sein Herz an diesen Ort verloren, der einmalig in Berlin ist. Wer einmal hier war, weiß wieso.

Schon seit 100 Jahren Bootssteg und Verleih
Der erste Branchenbucheintrag zum Bootsverleih „Zur Fischerpinte“ am Plötzensee stammt aus dem Jahr 1946, erzählt er. Doch schon vorher gab es hier einen Steg, Boote und Bier unter Markisen.
Über Generationen haben sich die Berliner hier im Sommer erholt, wenn die Sonne den Wedding röstete, haben sich ihre Bockwurst bestellt und ihre Weiße getrunken. Vor fast vierzig Jahren kaufte Wolfgang Düring den Bootsverleih für 200.000 Mark. Seitdem hat sich nicht so viel verändert.

Wolfgang Düring fuhr früher zur See, das erzählten seine tätowierten Arme. Zum Schluss war er, weißes Haar, blaue Augen, Zopf und 50 Kippen am Tag, nur noch selten am Steg.
Den Laden schmiss stattdessen Bine. Sie sorgte dafür, dass mit Booten, Bier und Brause im Sommer die Miete für die Wohnung im Winter erwirtschaftet wurde. Vor sich die Biere und Toffifee Packungen, hinter sich im Regal die Kurzen. Die Bockwurst kostete 2 Euro fünfzig, das Schultheiß ebenso.

Bei Bine, die inzwischen schwer erkrankt war, konnten Hinz und Kunz glücklich in der Sonne sitzen und dem Klang der Autobahn keine 100 Meter weiter und der stets dudelnden Schlagermusik lauschen.
Andaras Hahn hat die Hoffnung, dass auch in dieser Saison das Tor zum Bootsverleih noch einmal aufgeht. Vom Umweltamt in Mitte aber bekommt er zunächst Skepsis zu hören.
Bezirksamt versteckt sich hinter Erbsache
„Das Bezirksamt hat in den letzten 3-4 Jahren vergeblich versucht mit den Personen, die die Fischerpinte jetzt weiterführen möchten, eine Lösung zu finden“, schreibt ein Sprecher des Umweltstadtrats Christopher Schriner in Mitte auf Anfrage des KURIER.
„Der Vertrag enthält eine Rückbauverpflichtung. Es ist leider nicht gelungen, zu Lebzeiten des Pächters unter Einbeziehung der Unterstützerinnen eine Lösung zu finden. Das Bezirksamt muss jetzt die Ausstellung des Erbscheines abwarten.“
Knurriger Seebär regelte seine Nachfolge nicht
Dass Wolfgang Düring schon lange nicht mehr selber das Geschäft vor Ort leitete und als knurriger Seebär schwer zu irgendetwas zu bewegen war, weiß man in Umweltamt natürlich nicht. Nach mir die Sintflut, mag er gedacht haben. Und jetzt ist die Ratlosigkeit groß.
Natur- oder Menschenschutz? Die Lokalpolitik positioniert sich im Wahljahr fix. Die Linke will am Nachmittag einen Stand bei der Pinte aufbauen, die CDU im Bezirk spricht sich für den Erhalt aus. Nur die SPD in Berlin Mitte hat mit einer Kandidatin, die nach Berichten über ihren Wahlkampf trotz einer Krankmeldung ihre Kandidatur zurückzog, andere Probleme.

Debatte um Erhalt der Fischerpinte
Das Grundstück am Plötzensee gehört dem Bezirk Mitte und es liegt im Landschaftsschutzgebiet Rehberge. Der Bezirk will die Ufer des Plötzensees in Zukunft besser schützen.
Ein Bootsverleih lässt sich mit Naturschutz schwer vereinbaren, argumentiert er schon seit Jahren. Schon 2022 hatte es eine Debatte um den Fortbestand der Fischerpinte gegeben.
Die damalige Umweltstadträtin Almut Neumann (Grüne) wollte einen Weiterbetrieb wenigstens prüfen. Ihr Nachfolger ist verhaltener: „Den Konflikt zwischen Umweltschutz und gewerblicher Nutzung gab es immer“, sagte Umweltstadtrat Christopher Schriner (Grüne) dem Tagesspiegel.
Daher wolle man in Zukunft keine gewerbliche Nutzung und keinen Bootsverleih mehr. Der Bezirk sei aber grundsätzlich offen dafür, die kiezige Identität zu erhalten. Was das heißen soll, konnte der Sprecher auf KURIER-Anfrage nicht sagen.

Die Idee, die auch Andaras Hahn und seine Mitstreiter verfolgen, entstand während der Debatte 2022. Neben Kiosk und Aufenthaltsbereich am Ufer sollte es niedrigschwellige Umweltbildung für Schulklassen und alle Interessierten geben, in iner Naturpinte.
Schildkröten fühlen sich im See wohl
Diesen Ansatz verfolgt nun auch Andaras Hahn weiter. Hahn hat ein 13-seitiges Papier dazu an den Bezirk geschickt. Infotafeln, könnten die über die ausgesetzten Schildkröten im Plötzensee berichten, die schon im Strandbad Eier legten.
Schüler könnten Experimente mit Wasser durchführen. Eine Legende, nach der eine versunkene Stadt im See zu finden ist, regt die Fantasie an. Es wäre so leicht, aus der Pinte wieder einen offenen Ort für alle zu machen.

Doch dafür fehle Christopher Schriner zufolge aktuell das Geld. „Ich sehe nicht, dass wir aktuell die Mittel für ein Umweltbildungszentrum haben“, sagte er, als gehe es darum, einen Multimedia-Pavillon zu errichten.
Und so verbleichen Schöller-Eis-Schild und Klebesternchen hinter den vergitterten Scheiben, während sich ein Gericht mit der Erbsache Düring befasst. Ein weiterer etwaiger Erbe wird gesucht. Das kann dauern.
Alle wussten es, die Tage der Pinte waren gezählt, und ein bisschen Wehmut paddelte immer mit. Doch nun, wo der Steg verschlossen ist, ist sie da, die gegenwärtige Realität. Es wäre schön, wenn es für die Fischerpinte doch eine Zukunft gäbe.


