Die Brücken bleiben, aber erst einmal sind sie dicht. Nach wochenlangen Protesten, hitzigen Debatten und Verhandlungen zwischen Deutscher Bahn, Berliner Senat und Bezirken werden die vier historischen Görlitzer Bahnbrücken zwischen Kreuzberg und Alt-Treptow ab dem 1. Juli auf unbestimmte Zeit gesperrt.
Achterbahn der Gefühle: Bleiben unsere Görlitzer Brücken?
Für viele Anwohner ist das ein herber Rückschlag. Täglich nutzen Jogger, Spaziergänger, Radfahrer, Hundebesitzer sowie Schulkinder die autofreie Verbindung zwischen dem Görlitzer Park und der Elsenstraße. Die Brücken gelten seit Jahrzehnten als wichtige Abkürzung zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick.

Dabei sah es vor wenigen Wochen noch nach einer kleinen Sensation aus: Nach massivem Druck aus der Nachbarschaft, von Lokalpolitikern und der Initiative „ZusammenBrücken“ hatten sich Bahn, Senat und Bezirke grundsätzlich darauf verständigt, die denkmalgeschützten Bauwerke langfristig zu erhalten.
Görlitzer Brücken bleiben erhalten, werden aber trotzdem gesperrt
Die gute Nachricht zuerst: Anders als noch im Frühjahr befürchtet, sollen die Brücken nicht dauerhaft aufgegeben werden. Nach Gesprächen zwischen Senat, Deutscher Bahn und den Bezirken besteht inzwischen Einigkeit darüber, dass die Bauwerke saniert und erhalten werden sollen.
Die schlechte Nachricht: Bevor eine Sanierung beginnen kann, muss zunächst geklärt werden, wie stark die Schäden tatsächlich sind – und vor allem, wer die Rechnung bezahlt.

Die Deutsche Bahn will die Brücken zunächst umfassend untersuchen. Dafür muss auf den Bauwerken zunächst der bestehende Belag entfernt werden. Erst danach sollen Gutachter den tatsächlichen Zustand der Stahlkonstruktionen bewerten können. Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, bleiben alle vier Brücken gesperrt.
Streit um Kosten verzögert die Lösung
Im Mittelpunkt des Konflikts steht die Frage, wer für die Sanierung aufkommen soll. Die Deutsche Bahn sieht die Brücken als Infrastruktur an, die längst keinen Bahnbetriebszweck mehr erfüllt. Deshalb möchte der Konzern die Bauwerke am liebsten an das Land Berlin abgeben. Der Senat wiederum will keine Übernahme unterschreiben, solange die Kosten und der tatsächliche Sanierungsbedarf unklar sind.
Für zusätzliche Spannungen sorgt die Schuldfrage. Die Bahn macht einen auf den Brücken angelegten Sand-Kies-Belag mitverantwortlich für die massiven Korrosionsschäden. Das Material habe die Entwässerung behindert und Rostbildung begünstigt.

Im Bezirksamt Treptow-Köpenick sieht man das anders. Dort verweist man darauf, dass die Wege bereits seit den 1990er-Jahren mit Zustimmung der Deutschen Bahn angelegt wurden. Zudem sei die Bahn laut den bestehenden Vereinbarungen seit Jahrzehnten für die Unterhaltung der Brücken verantwortlich.
Anwohner kämpfen weiter für den Görli-Bahndamm
Der Widerstand gegen die Vollsperrung war groß. Mehrere Hundert Menschen demonstrierten in den vergangenen Wochen für den Erhalt der Verbindung. Die Initiative „ZusammenBrücken“ sammelte Unterstützer, organisierte Veranstaltungen und verwies auf die enorme Bedeutung des Bahndamms für den Alltag vieler Berliner.
Nach eigenen Zählungen nutzen in Spitzenzeiten mehr als 600 Menschen pro Stunde die Verbindung zwischen Kreuzberg und Treptow. Für viele ist sie Schulweg, Arbeitsweg oder tägliche Freizeitrasse.

Die Aktivisten begrüßen zwar, dass die Brücken grundsätzlich erhalten werden sollen. Gleichzeitig kritisieren sie, dass bislang weder ein verbindlicher Zeitplan noch eine echte Übergangslösung existieren.
Immerhin konnte in den Verhandlungen erreicht werden, dass nicht der gesamte Bahndamm geschlossen wird. Die Wege zwischen den Brücken bleiben vorerst zugänglich. Auch Spielplatz und Grünflächen auf dem Gelände können weiterhin genutzt werden.
Berliner müssen sich auf lange Sperrung einstellen
Wie lange die Brücken tatsächlich geschlossen bleiben, kann derzeit niemand sagen. Die Initiative geht davon aus, dass Begutachtungen, Zuständigkeitsfragen und spätere Sanierungsarbeiten sogar mehrere Jahre in Anspruch nehmen könnten.
Besonders problematisch: Sollte die Brücke über die Elsenstraße saniert werden, könnten dort zusätzliche Verkehrsbehinderungen entstehen. Schon heute sorgen die Dauerbaustelle an der Elsenbrücke und die stark belastete A100-Anbindung regelmäßig für Staus.
Für viele Berliner bleibt deshalb nur die Hoffnung, dass die Sperrung nicht zu einer jahrelangen Hängepartie wird. Denn während sich Bahn, Senat und Bezirke noch über Verantwortung und Finanzierung streiten, fehlt den Menschen vor Ort ab sofort eine ihrer wichtigsten Verbindungen zwischen Kreuzberg und Treptow.




