Angst vor Raketen

Mein Schiff 4“ in Abu Dabi: So erlebt ein Berliner den Krieg

Norbert Raeder wollte einfach nur ein paar Tage auf einer Kreuzfahrt dem Alltagsstress entfliehen. Jetzt lernt er mitten im Iran-Krieg Lektionen fürs Leben.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Norbert Raeder auf dem Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 4“ in Abu Dhabi.
Norbert Raeder auf dem Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 4“ in Abu Dhabi.privat/Raeder

Es sollte eine kleine Flucht sein. Einmal Aufatmen und Abtauchen aus einem herausfordernden Alltag. Eine Woche Kreuzfahrt-Urlaub im Orient, ohne Handyempfang, ohne dass irgendjemand etwas will. Norbert Raeder, Reinickendorfer Urgestein, Menschenfreund, Kneipenwirt und CDU-Lokalpolitiker ist auf dem TUI-Schiff „Mein Schiff 4“ in Abu Dhabi mitten im Alptraum Iran-Krieg gelandet.

Jeden Tag ein kleines Wunder im Hafen von Abu Dhabi

Doch allem Drama zum Trotz will er nicht von der Angst erzählen, als die Drohnen in der Nähe einschlagen, Raketen abgewehrt werden. Er will von der Menschlichkeit auf dem Schiff berichten, die ihn wieder an Zusammenhalt und Ideale glauben lässt, in einer Welt, die Kopf zu stehen scheint.

Auf dem TUI-Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 4“, das im Hafen von Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Abrabischen Emirate fest liegt, findet tausende Kilometer entfernt von der Heimat jeden Tag ein kleines Wunder statt. Menschen aus aller Welt halten zusammen, sind füreinander da, freuen sich füreinander.

Rauch über Port Zayed in Abu Dhabi.
Rauch über Port Zayed in Abu Dhabi.RYAN LIM

„Das ist schon alles sehr speziell“, sagt Norbert Raeder, als wir ihn am Vormittag Ortszeit in seiner Kabine am Telefon erreichen. Gerade habe er erfahren, dass an die 200 Raketen über Abu Dhabi abgefangen wurden. „Nur wenige konnten durchkommen, das beruhigt einen schon“, so Raeder. Soll einer sagen, da bekomme man keine Angst.

Bis vor einer Woche waren Raketen, Drohnen und Luftabwehr noch völlig theoretische Begriffe für den Berliner. Jetzt hängt sein Leben vom Funktionieren der US-Abfangstation in der Nähe ab. Jetzt zuckt er zusammen, wenn es draußen knallt und Rauchsäulen im Hafen aufsteigen.

Mit über 2000 anderen deutschen Urlaubern und einer internationalen Crew befindet sich Raeder inmitten eines Krieges. Doch die Haltung, mit der die Crew auf dem Schiff sich weiter um alle an Bord kümmert, beeindruckt in zutiefst.

Unbeschwerte Zeit an Deck von Mein Schiff 4  ist derzeit nicht möglich.
Unbeschwerte Zeit an Deck von Mein Schiff 4 ist derzeit nicht möglich.IMAGO

„Unsere Lage ist, wie der Kapitän es nett formuliert, dynamisch angespannt. Die Außendecks wie auch die Kabinenbalkone so wie die Außenbereiche sind gesperrt. Wir selbst haben eine Fensterkabine und halten uns im Inneren des Schiffes auf. Bei einem der Angriffe wurden alle Gäste in die Mitte des Schiffes geleitet, um nicht von herumfliegenden Raketenteilen getroffen zu werden“, erzählt Norbert Raeder.

Doch die meisten Gäste sind ruhig. Die Leute seien respektvoll mit den Sorgen der anderen. Eltern geben alles, um ihre kleinen Kinder abzulenken und zu bespaßen, auch wenn sie vor Sorge innerlich ganz wund sind.

Das Kreuzfahrtschiff Mein Schiff 4 und andere Schiffe liegen am Golf fest, die Straße von Hormus ist unpassierbar.
Das Kreuzfahrtschiff Mein Schiff 4 und andere Schiffe liegen am Golf fest, die Straße von Hormus ist unpassierbar.IMAGO/Dwi Anoraganingrum

Die Crew, auch meist fern von zu Hause, verbreitet eine ruhige Geschäftigkeit, sie halten an Routinen fest und geben so selber Halt.

Für andere in der Not da sein, das ist auch ein roter Faden in Norbert Raeders Leben. Ob als Bezirkspolitiker, Sozialarbeiter oder Kneipenwirt. Er weiß, dass anderen zu helfen auch für den Helfer selbst zur Stütze werden kann.

Erste Urlauber können nach Hause

„Wir freuen uns für die, die gestern schon von Bord gehen konnten und Flüge nach Hause bekommen haben“, sagt Norbert Raeder. Erste Fluggesellschaften holen ihre Gäste aus der Golfregion. Für ihn selbst läuft die Rückkehr ins sichere Deutschland weniger rund.

„Condor hat unseren Rückflug mit einer wenig empathischen Mail gecancelt und mir schon das Geld zurück überwiesen“, berichtet Raeder, er soll nun selber zusehen, wie er einen Flug nach Berlin ergattert. „Ich sitze hier noch ohne Rückkehr-Option“, sagt er.

Aber irgendwie wird es schon weiter gehen. Den Alltag bestimmen gerade Fragen nach Medikamenten, die zur Neige gehen, ohne Aussicht auf Nachschub. Doch der Bordarzt hat eine extra Sprechstunde angeboten und man versucht, nötige Medikamente an Land zu beschaffen.

Im Kleinen funktioniert sie also, die Menschlichkeit, der Zusammenhalt. „Wem vertraut man im Großen?“, fragt Raeder. „Überall geht es in der Gesellschaft und Politik nur noch um Macht  und Selbsterhalt.“

Hier auf dem Schiff wird der Idealist Raeder daran erinnert, dass Menschen in der Not doch zusammenhalten. Wenn davon doch nur etwas bliebe, wenn er dann endlich zurück im Berliner Frühling ist.

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