Der Glamour des Kurfürstendamms flackert, doch die glänzende Oberfläche hält nicht mehr. Drogen, Terrorangst, Stasi-Schatten – die neue Staffel der ZDF-Kult-Serie „Ku’damm“ springt ins Jahr 77 und zeigt ein Berlin, das seine Unschuld endgültig verloren hat.
Eine Frau schafft einen Tanzschul-Kosmos
Wieder steht die Tanzschule der Familie Schöllack mit den Töchtern Monika, gespielt von Sonja Gerhardt, Helga (Maria Ehrich), Eva (Emilia Schüle) und Mutter Caterina (Claudia Michelsen) im Zentrum. Doch der eigentliche Motor des Erfolgs sitzt hinter dem Schreibtisch: Annette Hess (58). Sie ist die Frau, die diesen Kosmos erschaffen hat – und die schon mit Weissensee bewiesen hat, wie meisterhaft sie große Geschichte in intime Familienkonflikte verwandelt.
„Berlin war von Anfang an gesetzt“

Die Idee zu Ku’damm kam nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Privaten. „Ich wollte etwas über junge Frauen in den 50er-Jahren erzählen“, sagt Hess. „Über die Jugend meiner Mutter. Über Unterdrückung, über die völlige Ahnungslosigkeit in Sachen Sexualität – und darüber, dass das Finden eines Ehemannes als Lebensziel galt.“
Eine der zentralen Figuren, Monika, basiert sogar auf einer realen Freundin ihrer Mutter. Und Berlin? War nie verhandelbar.
„Berlin ist ein Schmelztiegel. Diese besondere Insellage, die Wiederauferstehung aus Ruinen, dieses Flair zwischen Schmutz und Weltstadt – das gibt es so nur hier. Und das ist bis heute spürbar.“
Kalter Krieg im Wohnzimmer
Mit Ku’damm 77 zieht die Serie deutlich in den Osten. Ost-Berlin, Stasi, Systemkonflikt – obwohl die Tanzschule im Westen liegt. Für Hess ist das konsequent.
„Das Besondere an Berlin war immer die Teilung. In jeder Staffel wirkt sich die große Politik auf das Private aus.“
Ob Vater Gerd, der im Osten untertaucht, Wolfgangs verbotene Liebe zu einem Ostberliner oder der Mauerbau in Ku’damm 63:
„Politik bildet sich immer in den Familien ab. Auch bei den Schöllacks.“
Terror, Tabletten und der Bahnhof Zoo

1977 ist rau. Die Angst vor Terrorismus wächst, der Rückzug ins Private auch.
Friederikes Wunsch, Polizistin zu werden, ist für Hess kein Zufall, sondern eine direkte Reaktion auf die Zeitumstände. Gleichzeitig zeigt die Serie schonungslos Drogenmissbrauch.
„Das Bewusstsein dafür kam damals erst auf“, sagt Hess. „Christiane F. war überall Thema – und der Bahnhof Zoo liegt gerade mal 200 Meter von der Tanzschule entfernt.“
Warum der große Zeitsprung?
Vierzehn Jahre liegen zwischen Ku’damm 63 und Ku’damm 77.
„Mich hat die Verschiebung der Generationen gereizt“, erklärt Hess. „Dorli ist jetzt so alt wie Monika damals. Und Monika merkt schmerzhaft, dass sie beginnt, genauso Druck auszuüben wie ihre eigene Mutter.“
Nebenbei verrät Hess eine fast schon legendäre Anekdote.
„In der allerersten Drehbuchfassung endete alles auf David Bowies nacktem Hintern. Eva hatte ihn im Dschungel aufgerissen.“
Der Hintern musste später leider raus.
Recherche mit Mettigel

Historische Präzision ist eine der großen Stärken der Serie. Wie macht sie das?
„Ich schaue alte Abendschau-Sendungen, Dokumentationen, Filme. Ich lese in Zeitungsarchiven. Und ich tauche sinnlich ein – über Musik, Gerüche, Essen. Mettigel, Ragout fin.“
Besonders eindrucksvoll dabei ist die Darstellung der massiven Frauenfeindlichkeit bei der West-Berliner Polizei.
„Damals gab es keine Polizistinnen. Ich habe über die erste Frau bei der Berliner Polizei gelesen – leider konnte ich keinen Kontakt herstellen.“
„Wenn Männer nicht dominieren, gelten sie als benachteiligt“
Warum stehen bei Ku’damm so klar Frauen im Zentrum?
Hess schüttelt den Kopf: „Nur weil Männer weniger Screentime haben, sind sie keine Nebensache. Auch meine Männerfiguren sind komplex.“
Sie beobachtet aber ein interessantes Phänomen:
„Wenn Männer nicht mindestens 65 Prozent Redezeit haben, heißt es sofort, sie kämen schlecht weg. Das stimmt nicht. Das ist eher ein Spiegel unserer Sehgewohnheiten.“
Berlin fehlt ihr immer

Heute lebt Hess meist auf dem Land in Niedersachsen – aber ohne Berlin geht es nicht.
„Ich habe auch eine Wohnung in Berlin. Das ist meine Stadt. Ich brauche die Gesichter, Gerüche, Töne. Den Sound von Berlin.“
Mindestens einmal im Monat ist sie da. Während der Ku’damm-Produktionen sogar fast durchgehend.
Schreiben tut weh – jedes Mal
Trotz aller Erfolge bleibt das Schreiben ein Kraftakt.
„Ich habe immer noch Angst vor dem weißen Bildschirm. Ich prokrastiniere, schleiche um den Schreibtisch herum.“
Wenn es dann läuft, geht es schnell – aber:
„Einen Kosmos aus dem Nichts zu erschaffen, das wird nie Routine.“
Annette Hess ist selbst Mutter von zwei Töchtern
Alle ihre Figuren haben Anteile von ihr, die guten wie die schlechten.
„Ich muss mich beim Schreiben identifizieren.“ Besonders passiert ihr das mit Mutter Caterina. Hess ist selbst Mutter von zwei Töchtern.
„Caterinas Sätze kommen aus mir – so schlimm das manchmal ist – ich denke nicht von außen: Was könnte sie jetzt sagen. Ich bin die Figur, rede bei der Arbeit auch laut, lache und heule.“


