An diesem kalten Wintermorgen, ein Schneesturm ist angesagt, tut es mir leid, dass ich gestern dem verwirrten Obdachlosen keinen warmen Tee spendiert habe. Laut singend war er mit offener Jacke durch Pankow spaziert. Warum muss es erst richtig kalt werden, damit das Mitleid durch den Panzer, den wir um unser Herz gebaut haben, dringt? Warum nehmen wir uns viel zu oft vor, zu helfen? Und gehen dann doch vorüber?
Eisnächte haben Berlin im Klammergriff
Der gute Vorsatz in der warmen Küche ist nichts wert, wenn er nicht irgendwann auf der Straße zur Tat wird. Gerade jetzt, wo die Eisnächte die Straßen im Klammergriff haben, müssen wir gut aufeinander aufpassen. „Werden Sie auch selber kreativ“, sagt Barbara Breuer von der Berliner Stadtmission zum KURIER. Mit drei Kältebussen und 60 Ehrenamtlichen seien von den Organisationen wie der Stadtmission nicht alle Obdachlosen zu erreichen. Doch der Winter ist für sie in diesen Tagen und Nächten eine lebensbedrohliche Herausforderung.
Die extreme Kälte mit zweistelligen Minusgraden ist bedrohlich, auch weil es nicht genügend Plätze in den Notunterkünften gibt, oder die Menschen sie nicht aufsuchen wollen. Aktuell gebe es etwas mehr als 1144 Notübernachtungsplätze in der Stadt, so Barbara Breuer. Kurzfristig soll auf 1200 Plätze aufgestockt werden. Bei geschätzt rund 6000 obdachlosen Personen in der Hauptstadt könne aber nicht jeder ein warmes und sicheres Bett für die Nacht bekommen.

Mit fatalen Folgen: Erst im Dezember ist jede Hilfe für einen Obdachlosen zu spät gekommen. Als der alarmierte Kältebus ankam, war der Mann schon auf der Straße gestorben.
„Die Menschen auf der Straße sind krank“, sagt Barbara Breuer, die Verelendung nimmt zu. Sie haben schlechte Zähne, Wunden, die nicht heilen. Wenn der Arzt sagt, halten Sie die Wunde warm und trocken, dann lachen die Patienten. Wie soll das auf der Straße gehen? Es braucht keine Minusgrade, um ohne Obdach vor die Hunde zu gehen.
Wärmebus und Nachtcafé
Für die Obdachlosen, die etwa unter der Brücke am Bahnhof Zoo campieren, sind auch Lisa Wiedemann und Sebastian Ulm vom DRK-Wärmebus unterwegs. Sie treffen am Abend in Berlin mehrere obdachlose Menschen, die bei Minusgraden in Hauseingängen oder unter Brücken liegen. Lebensgefahr!
Lucia etwa sitzt im Rollstuhl und erzählt, dass sie seit drei Jahren obdachlos sei. „Es ist scheiße. Ich hätte lieber gerne eine eigene Wohnung“, sagt sie. Sie sei chronisch krank. Seit sie auf der Straße leben müsse, habe sich ihr Zustand verschlechtert. Lisa Wiedemann und Sebastian Ulm fahren sie in eine Notunterkunft, in der sie die Nacht verbringen kann.

Andere begnügen sich mit einer Tasse Tee, wollen sich aber allein durchschlagen. Das Rote Kreuz ist täglich mit zwei Wärmebussen im Einsatz und die Stadtmission mit drei Bussen.
Aber nicht immer wollen die Menschen mit in die Unterkünfte. Ein Mann im Rollstuhl hatte an der Masurenallee seine Beine unter einer Plane auf die Sitze einer Haltestelle gelegt und erwartete so die bitterkalte Nacht, erzählt Barbara Breuer. Gänzlich barrierefreie Notunterkünfte für Obdachlose gibt es in Berlin gar nicht. Rollstuhlfahrer kommen nur in der Notunterkunft am Containerbahnhof unter.
Neues Nachtcafé übers Wochenende
Um die Not ein wenig zu lindern, öffnet die Stadtmission zusätzlich zu ihrem bestehenden Angebot ein Nachtcafé mit 50 Plätzen im Zentrum am Zoo. Bei der Sozialverwaltung gibt es Überlegungen, Museen, Bibliotheken und andere Einrichtungen für Menschen in Not nachts zu öffnen.
Was soll ich tun, wenn ich Obdachlose draußen sehe?
Wer Menschen sieht, die Hilfe brauchen, kann das DRK-Team anrufen unter 030-6003001010 oder das Team der Stadtmission unter 030-690333690. Auch in den kommenden Nächten werden wieder zweistellige Minusgrade erwartet. „Bitte schauen Sie nicht weg“, sagt auch der Sprecher des DRK-Landesverbandes, Karsten Hintzmann. „Das Leben auf der Straße bei solchen Temperaturen ist immer lebensbedrohlich.“
Ansprechen, Hilfe anbieten, einen Tee kaufen. Im schlimmsten Fall kassiert man eine mürrische Antwort, im besten Fall rettet man ein Leben. Die Berliner sind aufgefordert, zu helfen. „Eine Frau hat einem Obdachlosen etwa ein Taxi zur nächsten Unterkunft bezahlt“, berichtet Barbara Breuer. Oder man gibt Geld für eine Dönerbude, in der man sich ein paar Stunden aufwärmen kann. Auch ein offener Hausflur und eine Isomatte können helfen.

Freiwillig bei Minusgraden draußen schlafen?
Ich habe schon einmal bei minus zehn Grad im Urlaub in einem Zelt im Schnee übernachtet. Das war ein Abenteuer, vor allem, weil in der Nähe ein wärmendes Feuer brannte und klar war, dass wir dies hier freiwillig taten. Schon am nächsten Tag konnte ich mich wieder in ein warmes Bett kuscheln. Die Menschen auf der Straße können das nicht. Winter im Freien hat nichts Romantisches für sie. Es gibt kaum eine Pause, in der sie sich nicht um das Erfüllen von grundlegendsten Bedürfnissen sorgen müssen. Die halbe Stunde Duschen im Zentrum am Zoo ist für viele der einzige Raum für Privatspäre und Wärme.
BVG öffnet trotz Eiskälte keine U-Bahnhöfe
Dennoch wollen die Berliner Verkehrsbetriebe ihre U-Bahnhöfe nachts nicht für Obdachlose öffnen. „Aus Sicherheitsgründen können wir keine Bahnhöfe als Bleibe über Nacht zur Verfügung stellen“, sagte eine BVG-Sprecherin. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Sicherheit in sogenannten „Kältebahnhöfen“ nicht verlässlich gewährleistet werden könne.
Die Mitarbeiter vor Ort seien aber angewiesen, „insbesondere in Phasen extremer Kälte, selbstverständlich mit besonderer Sensibilität und Augenmaß“ zu handeln, führte die Sprecherin aus. Niemand werde achtlos aus einem Bahnhof verwiesen. „Unser Sicherheitspersonal ist gezielt für die Ansprache wohnungsloser Menschen geschult und bewertet die Situationen stets individuell und verantwortungsvoll.“ Jedem wird ein Angebot gemacht, wo er oder sie die Nacht sicher verbringen kann.
Stiller Tod auf Berlins Straßen
Jedes Jahr sterben zahlreiche obdachlose Menschen auf den Straßen Berlins, nicht nur im Winter. Doch bis vor Kurzem hatte die Stadt keine Gedenktafel oder einen Ort des Gedenkens für diese Menschen. Im November haben die Straßensozialarbeiter von „Gangway“ daher eine Gedenktafel am Ostbahnhof im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aufgestellt.
„Zum Gedenken an die verstorbenen obdachlosen Menschen, die hier lebten, diesen Ort mitprägten und für immer ein Teil dieser Stadt bleiben“, steht auf der wetterfesten Tafel an einem Baum an der Andreasstraße.
Lasst uns in diesen kalten Tagen besonders gut aufeinander aufpassen. Und dann nicht aufhören. „Obdachlos sein ist das ganze Jahr über Mist“, habe einmal eine Frau zu ihr gesagt, so Barbara Breuer.
Wenn man jemanden in der Kälte sieht, folgendes tun:
1. Ansprechen
2. Bei Bedarf Kältebus rufen und/oder anders helfen (z.B. zur Unterkunft begleiten)
3. Wenn nicht ansprechbar/blau/regungslos/stark erschöpft: Notruf 112 wählen!
Diese Liste zählt überdies Notunterkünfte und Nachtcafés in Berlin auf. https://kaeltehilfe-berlin.de/angebote-start
Das Rote Kreuz ist mit zwei Wärmebussen im Einsatz (18-24 Uhr), die Stadtmission mit drei Bussen (20-2 Uhr). Wer Menschen sieht, die Hilfe brauchen, kann die Teams telefonisch erreichen:
DRK: 030 600300 1010
Stadtmission: 030 690 333 690




