Branche in Angst und Sorge

Tod eines Zugbegleiters: So kämpfen BVG und Deutsche Bahn gegen zunehmende Gewalt

Der Tod eines Zugbegleiters ist in Deutschland kein Einzelfall mehr. Viele Menschen sind in Sorge. So reagieren BVG und die Deutsche Bahn auf zunehmende Gewalt.

Author - Sebastian Krause
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Im Februar sorgte der Tod von Zugbegleiter Serkan Calar für bundesweites Entsetzen. Die Sicherheitsmaßnahmen sind seitdem drastisch verschärft worden.
Im Februar sorgte der Tod von Zugbegleiter Serkan Calar für bundesweites Entsetzen. Die Sicherheitsmaßnahmen sind seitdem drastisch verschärft worden.Boris Roessler/dpa

Es ist der Schrecken einer jeden Familie. Mama oder Papa gehen am Morgen ganz normal zur Arbeit. Sie freuen sich auf das Wiedersehen mit ihren Kindern. Sie steigen in den Zug oder Bus ein, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Doch dann wird ein Fahrgast laut, pöbelt rum, schlägt gewalttätig aufs Personal ein. Mama oder Papa sind tot.

Sorgen und Ängste bei Verkehrsbetrieben

Szenen wie diese gab es in den vergangenen Monaten immer wieder. Fahrgäste werden in öffentlichen Verkehrsmitteln gewalttätig und schlagen auf jemanden ein. Vor allem in Zügen der Deutschen Bahn oder bei regionalen Verkehrsbetrieben kam es immer wieder zu tödlichen Vorfällen. Sorgen und Ängste sind groß!

Form von Gewalt ist „völlig inakzeptabel“

„Die Übergriffe auf DB-Mitarbeitende nehmen, genauso wie auf Angehörige von Polizeien, Feuerwehren und Rettungsdiensten, seit Jahren zu“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn dem KURIER. Jede Form von Gewalt sei „völlig inakzeptabel“.

Lars Wagner, Pressesprecher des VDV, sieht die bisherigen Maßnahmen für nicht ausreichend, um die Gewalt in Zügen und auf Bahnhöfen einzudämmen.
Lars Wagner, Pressesprecher des VDV, sieht die bisherigen Maßnahmen für nicht ausreichend, um die Gewalt in Zügen und auf Bahnhöfen einzudämmen.dts Nachrichtenagentur/imago

Um sein Personal vor weiteren Angriffen zu schützen, hat das Unternehmen zahlreiche Schritte eingeleitet.

Maßnahmen der Deutschen Bahn
  • 2026 bekommen alle Mitarbeitenden mit Kundenkontakt im Nahverkehr, Fernverkehr und an den Bahnhöfen Bodycams zur Verfügung gestellt; die Nutzung soll freiwillig sein
  • Die DB setzt 200 zusätzliche Kräfte der DB Sicherheit auf Bahnhöfen ein
  • Die persönliche Schutzausrüstung von DB-Mitarbeitenden wird verbessert
  • DB-Mitarbeitende werden noch mehr in Verhaltens- und Deeskalationstrainings geschult
  • Damit DB-Mitarbeitende im Ernstfall schneller Hilfe bekommen, wird ihr schon vorhandener Hilferufknopf („Prio-Ruf“) weiter ausgerollt und auch weiterentwickelt
  • Die DB führt in Zusammenarbeit mit der Bundespolizei regionale Sicherheitswerkstätten durch, um Sicherheitskonzepte vor Ort anzupassen
  • Bei DB Regio gilt bei der Ticketkontrolle das Prinzip „Eigensicherung vor Prüfung“. Seit dem 1. März 2026 liegt es im Ermessen des Kontrollpersonals, ob ein Fahrgast bei der Ticketkontrolle einen Ausweis vorzeigen muss.
Franziska Ellrich von der BVG blickt auf eine positive Entwicklung bei den Delikten gegen Beschäftigte des Unternehmens.
Franziska Ellrich von der BVG blickt auf eine positive Entwicklung bei den Delikten gegen Beschäftigte des Unternehmens.BVG, Florian Bündig

Die DB hofft, mit den vor einigen Wochen auf dem Sicherheitsgipfel beschlossenen Maßnahmen Herr der Lage zu werden. „Der Anspruch der DB ist klar: Sicherheit braucht eine klare Haltung – personell, technisch und rechtlich“, so der Sprecher. „Deshalb handelt die DB entschlossen und setzt mit konkreten Maßnahmen ein deutliches Zeichen für mehr Sicherheit im Bahnverkehr.“

Maßnahmen stehen teilweise erst am Beginn

Bis die Maßnahmen greifen, wird es aber noch eine Weile dauern. „Die Maßnahmen stehen aktuell teilweise noch am Beginn und werden dementsprechend weiter ausgebaut“, sagt Pressesprecher Lars Wagner vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) dem KURIER.

Die Maßnahmen, die wir bislang als Branche mit großen Anstrengungen ergriffen haben, reichen offenkundig nicht aus.

Lars Wagner, Pressesprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen

Der Verband setze sich zudem für „rechtliche Klarstellungen ein, die die Sicherheitslage weiter verbessern“. Beispiel dafür sei die längere Aufbewahrungsfrist von Videoaufnahmen, um Täter auch zu einem späteren Zeitpunkt noch zu ermitteln.

Erste Maßnahmen scheinen zu greifen

Einige Maßnahmen aus der Vergangenheit scheinen bereits zu greifen. Jedenfalls geben erste Zahlen Anlass zur Hoffnung. Wie der VDV mit Bezug auf die offizielle Polizeiliche Kriminalitätsstatistik mitteilt, sei die Anzahl der Straftaten an deutschen Bahnhöfen im vergangenen Jahr zurückgegangen.

Demnach geht aus den Zahlen für 2025 hervor, dass Straftaten an Bahnhöfen in Berlin im gleichen Maße zurückgegangen sind wie an anderen Orten Deutschlands (−6 Prozent). Zugleich hat sich die Zahl von Gewaltdelikten (−6 Prozent) und Diebstählen (−10 Prozent) an Bahnhöfen sogar überdurchschnittlich stark verringert.

BVG sieht erste Anzeichen auf Besserung

Die positive Entwicklung bestätigen auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). „Im Bereich der BVG wurden rund 16 Prozent weniger Straftaten registriert als im Vorjahr – der niedrigste Stand seit über zehn Jahren –, bei gleichzeitig rund 1,1 Milliarden Fahrgastfahrten bleibt der ÖPNV damit insgesamt sicher“, sagt Unternehmenssprecherin Franziska Ellrich dem KURIER. Auch Vorfälle gegenüber Beschäftigten seien deutlich zurückgegangen.

Im Februar starb ein Zugbegleiter nach einem tödlichen Angriff eines Fahrgastes.
Im Februar starb ein Zugbegleiter nach einem tödlichen Angriff eines Fahrgastes.Patrick von Frankenberg/dpa

Für die BVG ist klar: Die Maßnahmen zeigen Wirkung. Laut Angaben des Unternehmens habe es im vergangenen Jahr 269 Angriffe gegen Beschäftigte gegeben. 2024 waren es noch 327 gewesen, 2015 sogar noch 642. Um das zu erreichen, „investieren wir so viel wie noch nie in Sicherheit und Sauberkeit“, sagt BVG-Sprecherin Ellrich. 2025 seien es 105 Millionen Euro gewesen.

Sofortprogramm für viele Berliner Bahnhöfe

Und dennoch: Jeder Todesfall wie beispielsweise der von Zugbegleiter Serkan Calar in einem Regionalexpress zwischen Landstuhl in Rheinland-Pfalz und dem saarländischen Homburg Anfang Februar ist einer zu viel. „Deshalb müssen wir das Thema ganzheitlich betrachten. Die Maßnahmen, die wir bislang als Branche mit großen Anstrengungen ergriffen haben, reichen offenkundig nicht aus“, fordert Wagner vom VDV.

Die Übergriffe auf DB-Mitarbeitende nehmen, genauso wie auf Angehörige von Polizeien, Feuerwehren und Rettungsdiensten, seit Jahren zu.

Sprecher, Deutsche Bahn

Das sieht auch die Bahn so, die ein Sofortprogramm für mehr Sicherheit und Sauberkeit in Bahnhöfen gestartet hat. In Berlin sind das der Hauptbahnhof, der Ostbahnhof, der Zoologische Garten und Gesundbrunnen. An den Bahnhöfen Ostkreuz, Friedrichstraße, Alexanderplatz, Lichtenberg, Neukölln und Warschauer Straße gibt es zusätzlich flexible Bestreifung je nach Lage.

Fühlen Sie sich noch sicher in Zügen und auf Bahnhöfen? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com