2017: Torsten Mattuschka beim Jubel im Olympiastadion nach dem 2:1 gegen Hertha BSC.  Foto: imago images/Matthias Koch

Karsten Heine ist neben Hans Meyer seit Gründung der Bundesliga der einzige Trainer, der die Profi-Mannschaften von Hertha BSC und vom 1. FC Union Berlin coachte. Deshalb nannte man ihn nach dem Fall der Mauer den ersten „Gesamtberliner Trainer“. Im Sommer 2019 übernahm er den Regionalligisten VSG Altglienicke als Chefcoach. Sein Assistent ist Torsten „Tusche“ Mattuschka, der seine tiefen Spuren als Spieler beim 1. FC Union und bei Energie Cottbus hinterlassen hat. Auf der Willi-Sänger-Sportanlage in Baumschulenweg, der Heimstatt der VSG, trafen wir die beiden zum Interview vor dem Bundesliga-Derby Hertha contra Union.

Berliner Zeitung: Es ist wieder Derbyzeit. Herr Heine, Sie waren beim sogenannten Ur-Derby kurz nach dem Mauerfall im Januar 1990 der Cheftrainer von Union, als 52.000 Zuschauer im Olympiastadion einen 2:1-Sieg von Hertha erlebten. Die Fans der beiden Vereine lagen sich euphorisch in den Armen.

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Heine: Ja, das bleibt unvergessen. Gott sei Dank habe ich noch die Zeit erlebt, als zwischen den Fans der beiden Vereine noch eine Freundschaft bestand, die ja zu Mauerzeiten gehalten hat. Jetzt herrscht eine gesunde Rivalität.

Wo waren Sie eigentlich damals, Herr Mattuschka?

Mattuschka: 1990? In Cottbus. Dort habe ich als Junge Fußball gespielt und ging in die 4. Klasse. Energie Cottbus hat uns interessiert und als Brandenburger die DDR-Oberliga. Da gab es auch schöne Spiele. Das Berliner Derby war für mich sehr weit weg.

Herr Heine, ein halbes Jahr nach dem Derby im Januar 1990 wurden Sie Trainer bei Hertha BSC …

Heine: Ja, daran habe ich damals im Traum nicht gedacht. Es gab Kontakt zu Hertha-Trainer Werner Fuchs und Manager Horst Wolter. Ich bekam ein Angebot, das mich reizte. Noch vor dem ersten Derby fand ein Turnier in der Seelenbinder-Halle statt. Das war im Januar 1990 und Hertha, Union, der BFC Dynamo, Stahl Brandenburg und Energie Cottbus traten an. Bei einem Fan-Vergleich in den Pausen stand Herthas Werner Fuchs im Union-Tor und ich stellte mich in den Hertha-Kasten. Ich war wirklich richtig gut und konnte glänzen.

Mattuschka: Karsten, das waren sicher sehr kleine Hallen-Tore. Deshalb warst du so gut.

Michael Jahn (Mitte) traf sich mit Karsten Heine (links) und Torsten Mattuschka (rechts) zum Interview zum Derby Hertha und Union.
Foto: Gerd Engelsmann

Herr Mattuschka, Sie haben viele Jahre später, 2010 und 2012, als Union und Hertha zum ersten Mal gemeinsam in der Zweiten Liga spielten, sämtliche vier Derbys bestritten und gelten als Held der Unioner. Wie lebt man damit?

Mattuschka: Ich lebe gut damit. Mein Siegtor zum 1:2 per Freistoß im Februar 2011 im Olympiastadion ist unvergessen. Wir waren vor 75.000 Fans eigentlich schlechter als Hertha und hätten auch 3:0 oder 4:0 verlieren können. Aber mein Freistoß ging mit gütiger Hilfe von Hertha-Keeper Maikel Aerts und der Mauer rein. Emotional war das schon das Highlight aller Derbys, aber bei einem 2:2 gegen die Hertha 2013 im Olympiastadion habe ich eines meiner besten Spiele für Union gemacht. Wir führten 2:0, und dann haut der Ronny kurz vor Schluss noch einen Freistoß zum Ausgleich rein.

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Der Brasilianer Ronny gilt bei Hertha als Ihr Pendant als Derby-Held. Wie haben Sie seine Freistoß-Künste gesehen?

Mattuschka: Der hat anders geschossen als ich – mit dem Spann und sehr hart. Ich habe mehr die Innenseite benutzt, und das mit Schärfe.

Heine: Tusches Freistöße waren raffinierter und seine Schüsse unberechenbarer. Ronny hat knallhart geschossen, richtige Raketen.

Werden Sie denn noch oft auf ihr Traumtor beim 2:1-Sieg angesprochen?

Mattuschka: Ja, gerade jetzt, wenn das Derby ansteht. Dann wird der Freistoß oft im Fernsehen gezeigt. Aber ich habe auch viele andere schöne Tore geschossen, aber diesen Treffer kennen eben alle.

Jetzt findet ein Derby wegen des Coronavirus zum zweiten Mal als Geisterspiel statt. Fehlen deshalb die Emotionen?

Mattuschka: Es ist schon sehr schade, dass keine Fans im Stadion sind. Das Derby ist ja ein Spiel, auf das sich Spieler, Trainer und Fans die gesamte Saison über freuen und vorbereiten. Normalerweise läufst du in einen Kessel ein, wo 74.000 Leute richtig Alarm machen, und du bekommst eine Gänsehaut. Jetzt aber siehst du nur leere Sitze. Das ist traurig.

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Findet wegen der Corona-Krise eine Entfremdung zwischen dem Profifußball und den Anhängern statt?

Heine: Bei mir ist es so: Ich wohne ja nicht weit von der Alten Försterei entfernt. In meinem Umfeld und auch in meiner Verwandtschaft habe ich jede Menge Union-Fans und werde oft mit dem Derby konfrontiert. Aber im Moment spürt man, dass viele Leute mit anderen Dingen beschäftigt sind und heftige Probleme haben. Auch für Fußballfans ist das jetzt eine brutale Zeit. Ich bin gespannt, wie die Geschichte nach Corona sein wird. Ich hoffe und denke, die Stadien werden relativ schnell wieder voll sein.

Mattuschka: Eventfans werden vielleicht zu Hause bleiben. Aber der Hardcore-Fan wird wieder ins Stadion stürmen, wenn die Tore öffnen. Der lechzt danach, holt sich seine drei, vier halben Liter Bier, seine zwei Bratwürste und gibt Vollgas.

Zurück zum Derby. Das letzte Duell gewann Hertha 4:0 ohne Zuschauer. Ist ein Geisterspiel deshalb ein Vorteil für Hertha?

Mattuschka: Nein, das Derby ist ein spezielles Spiel, mit eigenem Flair. Union hat jetzt das Momentum auf seiner Seite mit vielen Siegen und Punkten. Ich glaube, es werden viele Tore fallen. Dennoch fehlen die großen Emotionen, das, was den Fußball ausmacht.

Heine: Es haben sich inzwischen ja alle an die Geisterkulissen gewöhnt. Vieles wirkt aber auch im Fernsehen irgendwie künstlich. Trotzdem gefällt mir, wie viele Spieler unter diesen Bedingungen mit Leidenschaft auftreten.

Beurteilen Sie bitte die Stärken und Schwächen der Teams!

Mattuschka: Herthas Offensive hat brutale Qualität mit Cunha, Piatek und Lukebakio. Cordoba fehlt verletzt, das ist gut für Union. Auch der neue Franzose, Guendouzi, gefällt mir sehr gut. Der fordert die Bälle und hat viele gute Aktionen. Hertha besitzt zahlreiche offensiv ausgerichtete Profis, deshalb sind die Abwehrspieler oft die ärmsten Schweine. Hertha muss die richtige Balance finden.

Heine: Mein Gefühl sagt: Union wirkt als Mannschaft in sich geschlossener. Das ist ein Vorteil gegenüber vielen Einzelkönnern. Und der Kruse-Transfer war unglaublich wichtig. Der Typ Max Kruse mit alle seinen Facetten hat Union brutal gefehlt. Der ist ein Unterschiedsspieler.

Wie sehen Sie überhaupt die letzten Transfers?

Mattuschka: Hertha hat mit dieser Mannschaft und den Zugängen eine richtig gute Altersstruktur. Wenn man die zusammenhalten kann, dann kann sich etwas entwickeln.

Heine: Union hat gute Transfers getätigt, die Leute passen alle zum Team. Bei Union habe ich einen sensationellen Eindruck von Trainer Urs Fischer. Der hat einen Satz gesagt, den fand ich überragend: „Kruse tut der Mannschaft gut, aber die Mannschaft tut auch Kruse gut!“ Noch ein Wort zu Hertha: Die Erwartungshaltung ist dort schon immer groß und nun durch die Investitionen von Lars Windhorst noch größer. Ob das schon jeder Spieler verarbeiten kann, wenn es nicht so gut läuft, ist die Frage. Aber das Team besitzt viel Potenzial.

Mattuschka: Wenn man einen großen Investor hat, steigt der Druck. Aber das Gute ist, Geld ist keine Garantie und es stimmt nicht, dass man mit viel Geld alles gewinnt. Das wäre auch langweilig.

Zum Abschluss bitte ein Tipp! Wie geht das Derby aus?

Heine: Ich tippe salomonisch ein 2:2.

Mattuschka: Karsten, du bist wieder vorsichtig. Ich sage: Union gewinnt mit 3:1.