Union-Kolumne

Union erwischt’s hart: Realitätsschock in der Alten Försterei

Mutig, leidenschaftlich, chancenlos: Das Spiel gegen Dortmund entlarvt, warum Ausrufezeichen in Köpenick selten Alltag sind.

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Union-Trainer Steffen Baumgart litt gegen den BVB besonders in der ersten Halbzeit, als Union mehrere Chancen gegen den BVB vergab.
Union-Trainer Steffen Baumgart litt gegen den BVB besonders in der ersten Halbzeit, als Union mehrere Chancen gegen den BVB vergab.imago/Sebastian Räppold/Matthias Koch

Den Start in das siebte Jahrzehnt seit der Gründung des 1. FC Union haben sich die Eisernen wahrscheinlich anders vorgestellt. Zumindest hatten sie vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund die Hoffnung, an die bisherigen vier Heimsiege gegen die Schwarz-Gelben den fünften zu fädeln. Gewissermaßen zur Feier des Tages. Dass es mit dem 0:3 anders gekommen ist, nun ja, Künstlerpech. In diesem Fall sollte man sogar ehrlich sein und sagen, dass der Gegner besser war und, Querelen um Emre Can hin oder her, verdient gewonnen hat. Auch wenn Niederlagen, zumal zu Hause, besonders schmerzen, so etwas passiert schon mal gegen ein Team, das Stammgast in der Champions League ist und in Deutschland auf Dauer nur vom FC Bayern übertroffen wird.

Dortmund spielt in einer anderen Liga als Union

Zugleich war von vornherein klar: Dortmund ist nicht Mainz. Der BVB ist auch nicht Augsburg und gleichfalls nicht Stuttgart. Gegen die 05er von Urs Fischer, den FCA von Manuel Baum und den VfB von Sebastian Hoeneß hatten die Männer von Trainer Steffen Baumgart in drei Partien hintereinander Rückstände aufgeholt und immer einen Punkt gewonnen. Schon da waren die Ausgänge wacklig und teils im letzten Moment erstritten.

Union-Präsident Dirk Zingler war vor dem Anpfiff gegen den BVB noch optimistisch.
Union-Präsident Dirk Zingler war vor dem Anpfiff gegen den BVB noch optimistisch.Matthias Koch/imago

Die Schwarz-Gelben dagegen sind als Tabellenzweiter eine ganz andere Hausnummer. Sie gehören zum Establishment. Außerdem ist Borussia in den sechs Jahren, die der 1. FC Union in der Eliteliga spielt, nie schlechter als Fünfter geworden. Nicht erst nach dem neuesten Statement im Stadion An der Alten Försterei braucht es keinerlei prophetischer Gaben, um einzugestehen, dass die Westfalen auch nach der siebten Saison der Köpenicker dort deutlich vor ihnen einkommen werden.

1. FC Union: Starke Gegner, harte Wahrheit

Das ist nicht weiter schlimm. Die Ansprüche hier sind nun mal ganz andere als dort. Auch wenn der 1. FC Union einem Schwergewicht eins auswischt, wie es in dieser Saison zu Hause mit einem 2:2 gegen die Bayern und mit einem 3:1 gegen Leipzig gelungen ist und wozu auch das 1:1 in Stuttgart gehört, so zählen solche Siege noch immer zu den eher unerwarteten. Sie sind schön, auch sollen sie gebührend gefeiert und genossen werden. Alltäglich aber? Wohl kaum. Das sollte man sich eingestehen. Eher sind die Köpenicker auf der Suche nach ihrer Mitte.

Für Janik Haberer und den 1. FC Union war Borussia Dortmund diesmal eine Nummer zu groß.
Für Janik Haberer und den 1. FC Union war Borussia Dortmund diesmal eine Nummer zu groß.imago/Sebastian Räppold/Matthias Koch

Einer, der das auf den Punkt einordnen kann, ist Dirk Zingler. Natürlich hat auch der Vereinspräsident gegen den BVB („Da haben wir zu Hause eine ganz gute Bilanz“ – nur war das vor dem Anpfiff) mit einem Sieg geliebäugelt, im gleichen Atemzug aber eine Wahrheit ausgesprochen, die nüchterner nicht sein kann: „Die Teams, die sich für Europa qualifizieren, ausgeklammert – wenn wir zu den zehn, zwölf Mannschaften gehören, die darüber hinaus in der Bundesliga spielen, dann sind wir sehr zufrieden.“

Urs Fischer rückt Union mit Mainz auf die Pelle

Nur das sollte es sein. Es ist wichtig, sich vernünftig einzuordnen, seinen Platz, auch ohne auf die Bibel und das Matthäus-Evangelium (Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden) zu verweisen, zu kennen. Manche Welle der Euphorie und manche Delle der Enttäuschung inbegriffen. Der Alltag zeigt es immer wieder. Gerade auch aktuell.

Jeder wusste, dass das Programm zum Start in die Rückrunde knackig ist. Der Punkt vom 1:1 in Stuttgart macht sich da schon ganz gut. Andererseits, mag das auch gemein sein, ist ganz schnell aus einer Serie von fünf Spielen ohne Niederlage eine von vier Spielen ohne Sieg geworden! Schon sieht die Welt, zumindest gefühlt, ein wenig anders aus als noch eine Woche zuvor, zumal die Konkurrenz im unteren Tabellendrittel (Mainz mit dem 3:1 gegen Wolfsburg und vor allem Augsburg mit dem 2:1 in München) nicht untätig blieb.

Union zwischen Stolz und Realität

Wie schnell die Spirale einen nach unten spült, haben die Köpenicker ab und an zu spüren bekommen. Derzeit erlebt Werder Bremen – unabhängig vom Nachholspiel gegen Hoffenheim, die TSG ist dafür am Wochenende Gastgeber für den 1. FC Union – diesen fatalen Trend. Acht Spiele haben die vom Deich in Folge nicht gewonnen. Nach zehn Runden lagen sie drei Punkte vor dem 1. FC Union auf Rang 8. Inzwischen würden sie sonst was dafür geben, dem Schlamassel zu entkommen.

Deshalb: Jeder Punkt zählt. Also liegt die Hoffnung jetzt auf Hoffenheim, dann auf Frankfurt, HSV, Leverkusen, Mönchengladbach … Eisern!